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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) Michal Nowak

Christina Pluhar

Von Schwalbenschwänzchen und Thunfischen

Süditalienische Sinnenfreude in Tönen: „Alla Napoletana“ heißt das neue Album von Theorbistin Pluhar und ihrem Ensemble L’Arpeggiata.

Wer sich auf Zeitreise befindet, sollte unbedingt einmal einen Abstecher ins Neapel des 17. oder 18. Jahrhunderts machen. Vor allem Melomanen dürften im Gewusel der damals schon quirligen Metropole am Golf auf ihre Kosten kommen: Noch lange vor Wien und zeitgleich mit Venedig galt sie als eine Art Welthauptstadt der Musik. Hier blühten die Oper und das Kastratenwesen, Größen wie Händel und Hasse kamen hierher, um von Lokalmatadoren wie Nicola Porpora oder Alessandro Scarlatti zu lernen und auf Stimmenfang zu gehen. Neben der „Hochkultur“ der Opern und Kantaten füllte der Volksgesang die Straßen, Gassen und Plätze; die damals sich entwickelnde Komödienkunst, die Commedia dell’arte, zog Arm und Reich, Alt und Jung, Einheimische und Fremde in ihren Bann. Die auch im kalabrischen Umland beliebte Tarantella wurde zum Inbegriff des heißblütigen italienischen Volkstanzes. Glückliche Stadt, in der jede Marktfrau, jeder Fischverkäufer, jeder Gassenjunge ein Sänger war!
Christina Pluhar hätte sicherlich einmal gern für ein paar Wochen im Neapel von einst vorbeigeschaut. Den musikalischen Code dieses Orts und dieser Epoche erforscht sie seit Jahren und hat sich bereits 2002 davon für ein ebenso temperamentvolles wie gefeiertes Album mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata inspirieren lassen: „La Tarantella“, seinerzeit beim Label Alpha erschienen. Neben die musikwissenschaftliche Detektivarbeit trat die musikethnologische, die sie in staubige Bibliotheken und Archive führte. Hier entdeckte Pluhar nicht nur authentisches Notenmaterial aus den Sparten Oper und Kantate, sondern stieß auch auf Sammlungen volkstümlicher Musik aus alter Zeit, die im 19. Jahrhundert bändeweise und mit bequem arrangierter Instrumentalbegleitung für den musikalischen Hausgebrauch herausgegeben worden waren. „Ich hatte so viel Material“, sagt sie, „das konnte ich nicht alles für die CD damals verwenden.“
Gut, wenn man nicht gleich alles ausmistet. Als Anfang 2020 ein nur allzu bekanntes Virus auch in Europa zu wüten begann, musste Christina Pluhar wie fast all ihre Musikerkollegen in die Zwangspause und fand Zeit und Muße, alte Manuskripte zu durchforsten. „Die Idee für unser neues Album ‚Alla Napoletana‘ wurde im Lockdown geboren“, sagt sie, und ein wenig muss man den Einschränkungen und den damit verbundenen Möglichkeiten zur Fokussierung dankbar sein: Denn selten hat man eine so reiche, dramaturgisch gut abgeschmeckte und auch in der Aufbereitung sorgfältige Alte-Musik-Aufnahme in Händen gehalten wie diese. Den zwei CDs ist ein Booklet beigefügt, das fast schon Buchumfang hat und neben erhellenden und kurzweiligen Essays auch sämtliche Texte der darauf zu hörenden Arien, Kanzonen und Kantaten in mehrfacher Übersetzung enthält. Darüber hinaus hebt es sich dank der witzigen, frechen Illustrationen von Vincent Flückiger auch optisch vom, nun ja, mitunter grauen Einerlei der sonst üblichen Beihefte ab.

Verrückt vor Liebe

Schon beim Blick aufs Cover kann man Bekanntschaft mit einem der Hauptprotagonisten des Albums machen, dem vermählungswütigen Fisch Guarracino (Schwalbenschwänzchen), modisch aufgeputzt mit Hut und Flitterkram, die Laute in der Flossenhand und die Kehle voller Gesang. Während im gleichnamigen Lied im ersten Albumteil die angeschmachtete Sardine große Fischaugen macht, tritt ein eifersüchtiger Thunfisch an ihre Seite und ruft ein unüberschaubares Sammelsurium weiterer Meeresbewohner auf den Plan. Von Knurrhähnen, Gabelbärten und Stachelrochen über Seebarsche, Schleimfische und Kraken bis hin zu Killer- und Pottwalen lernt sie der Hörer in ihren neapolitanischen Namen kennen, die der selbst aus der Gegend stammende Tenor Alessandro Giangrande genüsslich und atemberaubend schnell im Dialekt herunterrasselt: ein Beispiel von vielen, mit denen Christina Pluhar die geradezu grotesk-witzige, fantasie- und geschichtenreiche Tradition der neapolitanischen Volksmusikkunst vor Ohren führt.
„Ich habe die Sängerinnen und Sänger für diese CD sehr genau ausgewählt“, sagt die Ensemble-Leiterin (die selbst als Lautenistin auf der Aufnahme zu hören ist), „denn gerade in den Stücken, die im neapolitanischen, aber auch im kalabrischen Dialekt des Umlands gesungen werden, ist es wichtig, dass die Diktion stimmt.“ Insgesamt sind acht Gesangssolisten zu hören, darunter allerdings mit Céline Scheen und Luciana Mancini nur zwei Frauen. Die anderen Stimmlagen sind mit Männern besetzt, unter ihnen Größen ihres Fachs wie der Countertenor Valer Sabadus und der männliche Sopranist Bruno de Sá. Die Arrangements der traditionell überlieferten Nummern hat die in solchen Dingen geübte Christina Pluhar selbst vorgenommen – und dabei an fast schon folkmusikartiger Buntheit nicht gegeizt. Die ihnen gegenüberstehenden „Kunstprodukte“ von Komponisten wie Andrea Falconieri (1585-1656) oder Giovanni Legrenzi (1626-1690) ertönen in ihrer Originalgestalt – veredelt natürlich durch die interpretierende Deutung der improvisationsgeschulten L’Arpeggiata-Mitglieder.
Das Programm enthält neben kurzen, längeren, tänzerischen, verrückten und auch mal melancholischeren Nummern auch musikalische Gravitationszentren wie Cristoforo Caresanas (1640-1707) sechsstimmige Kantate „La Veglia“ und, verteilt auf die beiden CDs des Albums, zwei inhaltlich korrespondierende Kantaten aus der Feder Pietro Antonio Giramos, eines neapolitanischen Komponisten, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts wirkte: Darin singen zwei von der Liebe in den Wahnsinn Getriebene von ihrem „Leiden“, eine Frau (in „La Pazza“) und ein Mann (in „Il Pazzo“). Dass es dabei ziemlich verrückt zugeht, legen bereits die Titel nahe. Wie verrückt allerdings, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Es nachzuhören, lohnt sich allerdings.

Neu erschienen:

Diverse Komponisten

„Alla Napoletana“

Scheen, Sabadus, Mancini, Capezzuto, L’Arpeggiata, Pluhar

Erato/Warner

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Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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