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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Gregor Hohenberg

Jeanine de Bique

Segen der Karibik

Sie ist die erste Sopranistin aus der tropischen Karibik, die in Europa für Aufsehen sorgt – und bringt neues Flair in die Barockmusik.

Trinidad?! Weit ab vom Opern-Schuss, denkt man. Das täuscht. Nicht nur, dass mit der Rapperin Nicki Minaj eine der erfolgreichsten Pop-Größen der Musikwelt aus der Karibik stammt. Schon der amerikanische Opern-Sopran Janet Williams verströmte, so meint Jeanine de Bique, ein karibisches Flair, für das auch sie, die 1981 in San Fernando geborene Sängerin, einstehen will. „Es ist wichtig zu wissen, wo ich herkomme“, sagt Jeanine de Bique. „Und der Schlüssel zur Musik, so wie wir sie machen, ist: Rhythmus.“ Mit diesem Alleinstellungsmerkmal erobert de Bique derzeit die Opernbühnen. Bei Teodor Currentzis und Peter Sellars in „La clemenza di Tito“ verkörperte sie die Hosenrolle des Annio (Salzburg 2018). In Iván Fischers jüngster „Incoronazione di Poppea“ die Titelrolle. Und im Berliner Jubiläums-„Freischütz“ unter Christoph Eschenbach war sie die wohl farbig-intensivste Agathe, die man je hörte. „Ich bin halt so“, sagt sie einfach. Und sorgte trotz Jungfernkranz nicht nur für mehr gutturale Power, sondern für mehr Kontur. Die Sängerin ist ein Beweis dafür, wie andere Kulturen das Gesamtgefüge verbessern, auch musikalisch. Und wie man aus vielleicht alten Kamellen den Muff vertreibt. „Auf unserer kleinen Insel gibt es vier bis fünf Religionen und fast genauso viele Ethnien“, so de Bique. „Wir reden viel von Einheit, denn die Wirklichkeit ist sehr divers.“ Außerdem sei Trinidad, erzählt sie, „der Ort mit den meisten Feiertagen. Das ist sehr wichtig für uns.“ Da könnte man doch glatt denken, dies sei der locker zelebrierten Lässigkeit anzumerken. Genau die ist nämlich eine Zutat zum Gesang dieser Absolventin der Manhattan School of Music. „Die Musikauffassung in der Karibik kommt vom Tanz her“, sagt sie. Für ihr Debüt-Album (das ihr womöglich bald Begehrlichkeiten anderer Labels einträgt) hat sich die junge Künstlerin ein kurioses Konzept ausgedacht. „Die Idee war, bekannte Händel-Stücke mit Arien anderer Barock-Komponisten zu kombinieren, in denen derselbe Text, dieselbe Figur vertont wurde.“ Das gibt’s dort öfters, im Barock schaute man gern links und rechts. So begegnen wir Cleopatra hier nicht nur in Gestalt einer berühmten Händel-Arie, sondern auch in dem nicht ganz so bekannten Pendant von Carl Heinrich Graun. Agrippina gibt es von Händel, aber auch von Telemann. Partenope hat auch Leonardo Vinci sehr schön vertont. Alcina koexistiert von Broschi, Deidamia von einem unbekannten Komponisten namens Gennaro Manna. Drei Titel sind Weltersteinspielungen. „Graun ist vielleicht nicht unbedingt besser als Händel, aber schwieriger!“, klagt Jeanine de Bique. „Er ist dennoch einer meiner Lieblinge, und war eigentlich der Grund dafür, dass ich das Album machen wollte.“ Was spricht übrigens gegen Graun? Für deutsche Ohren höchstens der Name, der irgendwie nichts Gutes verheißt. Dabei war seine Oper „Cesare e Cleopatra“ vor Jahrzehnten entscheidender Impulsgeber für die Alte-Musik-Bewegung (in Gestalt einer Berliner Gesamtaufnahme unter René Jacobs). Immerhin: nichts gegen Händel! „Er ist ein sehr dankbarer Komponist und fantastisch im Umgang mit dem Text. Seine Koloraturen“, so de Bique, „führen zu etwas. Und nicht zu nichts.“ Gewiss besteht der Clou bei dieser Sängerin auch darin, dass sie nicht als Barock-Spezialistin an die Arbeit geht. De Bique verfügt über keinen der typisch anämischen, im Timbre mageren und verwechselbaren Soprane – so wie sie heute die Regel zu werden drohen. Jeanine de Bique klingt dunkler, bitterer im Ton und sorgt damit bei hohen Tönen für mehr Glitzern, Flimmern und Funkeln, so wie es das bei europäischen Stimmen kaum noch gibt. Sie ist ein Beweis dafür, wie der gegenwärtige Diversitätsschub – ein Lieblingsthema der Feuilletons – musikalisch reife Früchte trägt. Geschenkt, dass dies der eleganten Bühnenerscheinung der Sängerin nicht im Wege steht. Die „schwarze Barock-Venus“, so hätte man früher rundheraus gesagt. Aber das wollen wir uns lieber verkneifen.

Tränen um Violetta

Vor etlichen Jahren war sie sogar schon mal fest im Ensemble der Wiener Staatsoper. Sie bekam kaum mehr als die kleine Hutmacherin im „Rosenkavalier“ zu singen. Das Haus war nicht reif für sie. Inspiriert – und beeinflusst – wurde sie durch einen Workshop bei der großen Mezzo-Sopranistin Marilyn Horne. Und stärker noch von Renée Fleming. Die „beautiful voice“ schlechthin war Protagonistin der ersten Opernvorstellung, die de Bique überhaupt sah. „Das war ‚La Traviata‘ an der Metropolitan Opera, und zwar an meinem 21. Geburtstag.“ Freunde schleppten sie nach der Vorstellung hinter die Bühne. „Ich heulte die ganze Zeit, als wir in der Garderobe von Renée Fleming waren. Ich hatte den Tod der Violetta noch nicht verwunden“, so de Bique arglos. Um hinzuzufügen: „Peinlich, oder?!“ – Gar nicht. Fleming dürfte stolz auf eine solche Wirkung gewesen sein, und hat auch Grund dazu. Mit Jeanine de Bique meldet sich der bislang interessanteste tropische Neuzugang zur Klassik. Reden wir nicht über Exotik! Denn das Repertoire, das sie singt, ist genuin europäisch. Das Aroma, die Essenz ihres Gesang aber klingt anders. Und gibt den alten Koloratur-Schaukeln neuen Schwung. Mit dem Concerto Köln unter Luca Quintavalle hat man erstrangige Mitstreiter. All das klingt viel weniger kaltblütig als man es in der Barock-Szene gewohnt ist. Für Händel und drumrum ist Jeanine de Bique ohne weiteres: ein Segen der Karibik.

Erscheint am 22. Oktober:

„Mirrors“

mit de Bique, Concerto Köln

Berlin Classics/Edel

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Poppea, Alcina, Bellezza

Als „Poppea“ in der Oper von Monteverdi ist Jeanine de Bique noch Ende Oktober/Anfang November im Teatro Olimpico in Vicenza zu erleben (unter Leitung von Iván Fischer). Danach singt sie im Pariser Palais Garnier unter Leitung von Thomas Hengelbrock die Titelrolle in Händels „Alcina“ (neben Sabine Devieilhe und Gaëlle Arquez, berühmte Inszenierung von Robert Carson). Im Januar wird sie als Bellezza in Händels „Trionfo del tempo e del disinganno“ am Aalto Theater Essen erwartet. Für April hat sie den Pianisten Gerold Huber für ein gemeinsames Carnegie-Hall-Debüt eingeladen – mit Liedern von Ravel, Wolf, Strauss und Previn, und außerdem Folk Songs aus der Karibik.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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