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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Liv Grådal

Martin Wåhlberg

Gespür für Drama

Das Orkester Nord aus Trondheim fügt Kantaten des barocken Komponisten Augustin Pfleger zu einer Erzählung des Lebens Jesu.

Ich erreiche Martin Wåhlberg im norwegischen Trondheim, einer Stadt mit großer Vergangenheit: In der Antike als Nidaros bekannt, war Trondheim die wichtigste Hauptstadt des Katholizismus in Nordeuropa und beherbergt den größten Dom Europas nördlich von Köln. „Trondheim Barokk“ nannte sich Wåhlbergs Ensemble zunächst, „aber damals waren wir nur ein Kammerorchester“, inzwischen interpretiert der nun „Orkester Nord“ genannte Klangkörper sowohl barocke Raritäten als auch französische Musik des 17. bis späten 18. Jahrhunderts wie etwa mit der Weltersteinspielung der Oper „Raoul Barbe-Bleue“ von André-Ernest-Modeste Grétry. Ein weiterer Schwerpunkt des Ensembles ist skandinavische Musik, insbesondere die Musikkultur des schwedischen Hofes im 17. Jahrhundert und die traditionelle Musikkultur Norwegens. Dem bislang unbekannten, in Norddeutschland wirkenden, aus Böhmen stammenden Barockmeister Augustin Pfleger widmet das Orchester seine jüngste Einspielung: „Pfleger. The Life and Passion of the Christ“. Martin Wåhlberg versteht sich durchaus als Entdeckergeist, „aber manchmal spielt man eine Ausgrabung und danach weiß man, warum der Komponist nicht berühmt wurde.“ Bei Pfleger war es anders. Durch den Hinweis eines Kollegen neugierig geworden, vertiefte Wåhlberg sich mit seinem Team geraume Zeit in die berühmte Düben-Sammlung der Universitätsbibliothek im schwedischen Uppsala. Diese riesige Sammlung enthält Partituren aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland, Frankreich und Spanien. Wåhlberg fand eine Fülle von Werken des unbekannten Barockmeisters: „Ich war überrascht von der Menge und von der Qualität von Pflegers Musik. Stilistisch ist sie angesiedelt zwischen Schütz und Buxtehude, aber sie hat auch etwas ganz Eigenes! Was diese Kantaten zusammenhält, ist so etwas wie eine Eröffnungsrede, die wiederkehrt, es sind kleine, strophische Melodien, wie ein schlichtes Lied. Das gibt es bei Buxtehude, aber eben auch bei Pfleger. Man spürt bei ihm zudem die Inspiration durch italienische Musik, durch Carissimi und Monteverdi. Pfleger ist aber strenger, nicht so melodiös.“ Sechs Kantaten hat Wåhlberg zu einer musikalischen Christus-Biografie zusammengestellt, im Zentrum steht die Passionskantate „Ach, dass ich Wassers genug hätte“, von der Wåhlberg sagt: „Man spürt hier den Beginn einer Entwicklung, die bei Bach gipfelt“. Es sei sehr theatrale Musik, der stark ausgeprägte Charakter der Gesangspartien habe ihn inspiriert, die Kantaten zu einer Erzählung zu bündeln „wie in einer Oper“.

Christentum und Antike

Ein typisches Pandemie-Projekt des Orkester Nord ist „Orpheus Uncut“, eine Folge von sechs jeweils etwa sechsminütigen Video-Clips, die den antiken Orpheus-Mythos neu befragen: „Wir wollten die weniger bekannten Aspekte des Orpheus-Mythos beleuchten. Die Opern behandeln nur einen Ausschnitt des Mythos.“ Eine Ovid-Spezialistin inspirierte Wåhlberg, in den „Metamorphosen“ weiterzulesen. „Die bekannte Passage ist ganz kurz. Aber im nächsten Buch steht dann, was danach mit Orpheus geschieht: Er geht zurück nach Thrakien und praktiziert dort die Knabenliebe. Später wird er von den Mänaden – das waren Frauen, die dem Dionysos-Kult anhingen – zerrissen, und sein singender Kopf wurde mitsamt seiner Lyra in einen Fluss geworfen.“ Musikalisch bedienen sich die von einer französischen Künstlerin eigenwillig gestalteten Clips bei Monteverdi, Händel, Graun und Telemann. Genug Material zu finden, sei nicht schwer gewesen, „es gibt ja unzählige Orpheus-Opern“ sagt Wåhlberg. Seine starke Affinität zur französischen Kultur erklärt Wåhlberg mit seinem Literaturstudium in Frankreich. „Es gibt so viel zu entdecken in der französischen Musik, gerade die Zeitgenossen Mozarts sind heute wenig bekannt. Weil wir heute diese Zeit die Wiener Klassik nennen, dabei war Paris damals ein ebenso starkes Zentrum wie Wien. Vor allem die französische Spielart der Oper mit gesprochenem Text, die spätere Opéra-comique, war sehr einflussreich in Europa.“ Wåhlberg denkt Musik überhaupt vom Theater her: „Was wir tun, fußt auf Nikolaus Harnoncourts Auffassung von der Musik als Klangrede. Wir verstehen im Grunde jede Musik als Theater. Auf diesen Gestus zu vertrauen und eine Geschichte erzählen zu wollen, ist viel wichtiger, als perfekt zu spielen. Dieses Gespür für Drama ist wichtig.“ Wåhlberg liebt dramaturgisch aufgebaute Programme mit literarischen Bezügen. „Erst im 19. Jahrhundert wurde instrumentale Musik zu etwas Abstraktem ohne exakte Referenzen. Davor, im 17. und 18. Jahrhundert, war das anders, da waren Konzerte komponiert wie eine Oper oder ein Oratorium, man setzte die Stücke in einen größeren kulturellen Kontext.“

Neu erschienen:

Pfleger

„The Life and Passion of the Christ“

mit Orkester Nord, Wåhlberg

Aparté/hm

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Vielseitiger Orchesterchef

Martin Wåhlberg studierte modernes Cello und Barockcello an den Konservatorien von Rouen und Trondheim sowie am Conservatoire supérieur de Paris (CNR). Außerdem studierte er Literatur- und Kunstgeschichte an der Universität Trondheim und an der Sorbonne in Paris und schloss 2011 mit einer Promotion ab. Seine Forschung nach der Musik zu französischen Romanen des 18. Jahrhunderts mündete in der Einspielung „Le Roman des Lumières“. Das Ensemble Trondheim Barokk gründete er 2009 zusammen mit dem Zupfinstrumentalisten Erik Skanke Høsøien. Wåhlberg hat zwei Bücher geschrieben und lehrt am Musikinstitut der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technik.

Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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