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(c) Stefan Gloede

Dorothee Oberlinger

Dialog mit Bach

Die Blockflötistin und der Lautenist Edin Karamazov treten auf einem neuen Album in gemeinsame Zwiesprache mit Johann Sebastian Bach.

Bei so viel Musik im Haus kann man sich nur wundern, wie Johann Sebastian Bach die Konzentration aufbrachte, sein gigantisches kompositorisches Schaffen zu Papier zu bringen. Von der Ehefrau Anna Magdalena bis zum jüngsten Spross sang und musizierte die gesamte Familie, Schüler gingen ein und aus, und am Abend sah man häufig Gäste, die gemeinsam mit dem Thomaskantor Musik machten. Zwei dieser hochprofessionellen (mutmaßlichen) Besucher haben es Dorothee Oberlinger und Edin Karamazov besonders angetan: Der eine, Gabriel Buffardin, spielte Flöte, war Mitglied der Dresdner Hofkapelle und galt als einer der berümtesten Solisten seiner Zeit; der andere, Silvius Leopold Weiss, wirkte ebenfalls am kursächsischen Hof; als Kammerlautenist muss er derart virtuose Fähigkeiten besessen haben, dass man seinen Namen auch Generationen später nur mit Ehrfurcht nannte. Auf ihrem neuen Album, aufgenommen letzten Sommer im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks, lassen Oberlinger und Karamazov die beiden Spitzenmusiker nach drei Jahrhunderten wieder in einen Dialog treten. Die Sprache, in der sie sich dabei unterhalten, ist die Musik Johann Sebastian Bachs. „Edin und ich haben uns über den Sänger Andreas Scholl kennengelernt“, schildert Dorothee Oberlinger die Anfänge der Zusammenarbeit. „Er hatte bei Andreas nach meinem Kontakt gefragt, denn er wollte unbedingt ein Bach-Projekt mit mir zusammen machen.“ Mit seiner Laute im Gepäck machte sich Edin Karamazov von seinem Wohnort Zagreb auf nach Salzburg, wo Dorothee Oberlinger als Professorin für Blockflöte am Mozarteum unterrichtet. „Einen ganzen Nachmittag haben wir nur Bach gespielt, und schon bald waren wir uns einig, dass wir daraus ein Konzertprojekt und schließlich eine Aufnahme machen möchten.“ Aus der unüberschaubaren Zahl der Bachschen Kammermusik haben Oberlinger und Karamazov eine signifikante Auswahl getroffen. Auf dem Album zu hören sind Originalwerke für Flöte und Continuo wie die beiden Sonaten BWV 1034 und 1035, vor allem aber auch Stücke, die die beiden eigens für ihre Instrumentenkonstellation arrangiert haben – ganz im Geist einer Zeit, in der es für Meister wie Bach, Buffardin und Weiss selbstverständlich war, bestehende Partituren für ihre Bedürfnisse einzurichten. „Welche Möglichkeiten sich ergeben, sieht man sehr schön beim d-Moll-Konzert BWV 974“, sagt Dorothee Oberlinger. „Hier haben wir ein Werk für Cembalo bearbeitet, das selbst eine Bearbeitung darstellt, und zwar von Marcellos berühmtem Oboen-Konzert.“ Dieses Stück steht an zweiter Stelle des Programms. Doch schon der einleitende Track, das Choral-Vorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“, erscheint nicht in seiner originalen, für die Orgel geschaffenen Gestalt. „Wir haben viele der Choral-Variationen und -Vorspiele ausprobiert“, sagt Dorothee Oberlinger, die beeindruckt ist von der Dichte und raffinierten Kontrapunktik dieser noch aus Bachs Weimarer Zeit stammenden Werkgruppe. Darüber hinaus findet sie es faszinierend, wie deutlich sich der kompositorische Gedanke auch in der Kombination Laute und Blockflöte vermittelt. „Von den Choralvorspielen hat uns dieses eher ‚weihnachtliche‘ dann am besten gefallen.“

In Zweisamkeit

Ein deutlicher Akzent zum Anfang, gewiss – aber kein derber oder knalliger. Vielmehr ist es die kontemplative Ruhe des Stücks, die einen sanft und langsam in der Klangwelt dieses Album ankommen lässt. Die Dynamik steigert sich im weiteren Verlauf, spritzige Energie setzten insbesondere die Allegro-Sätze in den Sonaten frei, und es entspinnt sich – ganz im Einklang mit dem Album-Titel – ein Dialog zwischen zwei gleichberechtigten Partnern. Doch wie in jedem geistreichen Gespräch, gibt es auch hier die Momente des Innehaltens, vor allem in den Solo-Stellen: der Allemande aus dem „Solo pour la flûte traversière“, besser bekannt als Partita für Flöte solo, oder dem von Edin Karamazov eigenhändig bearbeiteten Prélude aus der ersten Cello-Suite. „Da hat Edin fantastische Arbeit geleistet“, schwärmt Dorothee Oberlinger, „es hört sich wirklich wie originaler Bach für Solo-Laute an.“ Ebenfalls wie eine Originalfassung mutet die c-Moll-Suite BWV 997 an, mit der sich die beiden Musizierenden am Ende der CD verabschieden – nur dass es sich dabei ursprünglich um ein reines Stück für „Lautenwerck handelt“, ein cembaloartiges Tasteninstrument, dessen Klang dem der Laute sehr nahe kommt. Ein weiterer Beweis, wie vielschichtig ein Programm sein kann, an dem nur zwei Instrumente beteiligt sind.

Neu erschienen:

Bach

„Dialoge“ – Concerto d-Moll, Suite c-Moll, Sonate g-Moll, Choral „Nun komm der Heiden Heiland“ u. a.

mit Oberlinger, Karamazov

dhm/Sony

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Sting trifft Telemann

1Eine gemeinsame Bekanntschaft verbindet Dorothee Oberlinger und Edin Karamazov mit der britischen Pop-Ikone Sting. Dank der Leidenschaft des ehemaligen Police-Frontmanns für Alte Musik kam es 2006 mit dem John-Dowland-Album „Songs from the Labyrinth“ zu einer ersten musikalischen Zusammenarbeit mit Karamazov. Weitere Projekte, darunter eine Europa-Tournee im Jahr darauf, folgten. Dorothee Oberlinger erinnert sich an einen ganz besonderen Auftritt, den sie vor der traumhaften Kulisse Portofinos absolvierte: „Sting feierte Geburtstag, und ein befreundeter Fotograf hatte mich gemeinsam mit meinem besten Flöten-Freund als ‚Überraschung‘ mitgebracht.“ Ihr Geschenk bestand aus dem gemeinsamen Vorspiel von Telemann-Duetten.


Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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