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(c) Gregor Hohenberg/Sony

Weihnachts-Neuheiten

Nicht die Zeit für Lametta

Keine Zeit für Kommerz: Weihnachts-Schlager wirken unehrlich angesichts der Umstände. Doch gerade dadurch ist jetzt Zeit für echte Entdeckungen.

Die Erkenntnis, dass ein Höher-Schneller-Weiter irgendwann nur zu einem besonders empfindlichen Aufprall führen muss, die hatte der Musikmarkt anderen Branchen lange Zeit voraus, auch schon vor Corona. Und nirgends zeigt sich das so sehr, wie an den Weihnachts-Neuheiten. Freilich haben Künstler im Lockdown aufgenommen, was das Zeug hält, aber es fällt auf, wie wenig kommerziell orientierte Lametta-Alben es dieses Jahr zum Thema gibt: Ein zähnefletschendes „Jingle Bells“ traut sich selbst genau genommen nur einer, doch dazu später. Offenbar rechnet setzt der gebeutelte Markt nicht mit der Feierwut der Bevölkerung, sondern eher säuerlicher Zurückhaltung angesichts ungewisser Weihnachts-Auflagen. Auffällig auch, dass sich überdurchschnittlich viele Choralben tummeln – Sehnsucht nach Gemeinschaft? Und: Es gibt sie, die Alben, die sich gerade jetzt die gerne ausgeblendeten Aspekte des Weihnachtsfestes zu eigen machen und Christi Geburt vor dem nachtblauen Hintergrund menschlicher Nöte erst recht als Ereignis strahlende Verheißung feiern. So etwas das außergewöhnliche Album „Die Zeit nunmehr vorhanden ist“ (Christophorus/Note 1 – Abonnenten-CD: Track 11). Im Lockdown gestrandete Sänger fanden sich zur Schola Heidelberg zusammen, um daran zu erinnern, dass etliche unserer bekanntesten Weihnachtschoräle ihre Melodie genau in Zeiten der Bedrängnis wie dem Dreißigjährigen Krieg erhielten, weihnachtliche Festfreude also die längste Zeit quer zu den Geschehnissen stand. Aber gerade deshalb von süßer Hoffnung erfüllt war. Der Philosoph Enno Rudolph führt das Zeitporträt in klugen Zwischenbetrachtungen aus. Wer an der substantiellen und qualitativen Fallhöhe gängiger CD-Produktionen schon mal verzweifelt, findet hier in jeder Hinsicht den Gegenbeweis. Lange haben wir uns angesichts reicher Referenzen vor dem Mittelmaß gedrückt, aber diesmal müssen auch zwei Aufnahmen des unkaputtbaren „Weihnachts-Oratorium“ von Johann Sebastian Bach besprochen werden, die sich wie zweieiige Zwillinge halbfremd gegenüber stehen. Jordi Savall wirkt von diversen Ausflügen in andere Kulturen wie spirituell gereinigt. Er hat die pietistische Verkniffenheit abgeworfen, die viele andere Aufnahmen bremst und entfaltet einen sensationellen tänzerischen Schwung mit Bachs so oft gehörtem Werk. Den großen Pinselstrich erkauft er mit verwischten Details. Dass der Countertenor höhenängstlich verkrampft und der Bass den Großen König um ein Haar vor Freude anschreit: geschenkt, denn der Kern der Botschaft kommt an. Was für ein Glanz, was für ein Leuchten! (Alia Vox/hm) Rudolf Lutz mit den Kräften der Bach-Stiftung St. Gallen (JSB/Naxos) geht da viel exakter zu Werke, überblickend, disponierend, gewinnt Spannung, haushaltet mit der Dynamik. Und er hat die weitaus besseren Solisten. So löst er ein, was schon seine Bach-Kantaten mit jeder neuen Ausgabe an Erwartung wecken. Welche wir vorziehen? Keine! Aber Savall empfehlen wir „Katholiken“, Lutz den „Protestanten“ unter den Musikkennern. Und allen anderen den neuen „Messiah“ mit dem RIAS Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin, den Justin Doyle mal elegant strömen lässt und dann wieder elektrisch knistern. Hervorragend! Hätte sich Jordi Savall doch nur Altus Tim Mead von Doyle ausgeborgt! (Pentatone/Naxos). Weitere Dauerbrenner im Barockrepertoire: Die Weihnachtskonzerte von Corelli, Torelli, Vivaldi und Co. Lars Ulrik Mortensen entlockt „CoCo“ (seinem Concerto Copenhagen) einen sehr dunklen, geheimnisvollen Streicherklang, der den Corelli ungemein schicksalsschwanger auflädt. Die chorischen Streicher haben dabei eine leicht schwebende Intonation, die Solo-Violinen erfreuen in ihren Passagen mit improvisierter Varianz und die Pastoralen sind herzerwärmend innig getroffen. In so sattsam bekanntem Repertoire ist es schwer, neue interpretatorische Sichtachsen zu schlagen. Aber Mortensen ist sowieso schon Preis-Leistungssieger unter allen auf diesem Spitzenniveau musizierten Concerti „Per la notte di Natale“ (Naxos). Lieber gleich schenken würden wir uns die „Sächsische Weihnacht“ mit dem Blechbläserensemble Ludwig Güttler. Hier wird die Ästhetik der 70er-Jahre selbst zum Studienobjekt historischer Aufführungspraxis unter dem Motto „Festliches Barock“. Schönes, wie die Schmelzer-Suite, steht neben Belanglosem. Dass man sich dynamisch auf einen bordkantenschmalem Streifen bewegt, lässt den Hörer ermüden. Diesem Album droht Gefahr, beim Weihnachtskaffee auf halblaut gedimmt zu werden, auch weil die Trompeten mit penetrantem Nachdrücken auf Glanz gewachst werden (Berlin Classics/Edel).

Glasklare Sache

Wie schön, wenn man selbst im Weihnachtsrepertoire noch jedes Jahr etwas Neues entdecken kann, das einen zu überzeugen vermag. Das Album „Heaven full of stars“ der Vasari Singers nimmt einen mit ungewohnten schillernden Klängen in Empfang. Der Komponist Ēriks Ešenvalds stellt dem Chor in seiner Motette „Stars“ lediglich eine Handvoll gestimmter Gläser zur Seite, die einen so zauberhaften, leicht schwebenden, vielfarbig irisierenden Cluster erzeugen, dass man gebannt zuhört. Eine tolle Idee. Auch darüber hinaus gibt es neben den ganz großen Namen der neuen Chor-Bewegung, wie Whitacre, Dove, Chilcott und Rutter noch etliche Entdeckungen (Naxos). Diese heute weltweit erfolgreichen Komponisten wären kaum möglich gewesen ohne die reiche Chortradition an englischen und amerikanischen Colleges, die ihre Werke verbreitet haben. Ein schönes Beispiel ist das Album des Taylor Festival Choir. Nie gehört. Die Werke dieser CD sind nämlich aus alten College-Freundschaften des Dirigenten erwachsen und entpuppen sich als Überraschung. Der Chorzyklus „So Hallow‘d the Time” von Brian Galante (wer?!) dauert eine knappe halbe Stunde und entfaltet dabei dank des hervorragenden Chores und ergänzt nur um die Farben von Harfe, Flöte, Oboe eine ganz erstaunliche und zauberhafte atmosphärische Vielfalt. Sehr gefällige Musik, keine Frage, aber alles andere als anspruchslos und flach. Unser Geheimtipp! (Delos/ Naxos) Altmeister John Rutter scheint sich mit seinen Cambridge Singers diesmal eher der Tradition zu versichern und hat für sein Album „Christmas Night“ den Bestand der besten englischen Carols neu gesichtet, und er bettet seinen Chor dafür luxuriös auf den Klang der City of London Sinfonia (Collegium/Naxos). Nebenan, beim Clare College Cambridge, nimmt man sich nochmal den auf der Rückfahrt nach England entstandenen Zyklus Benjamin Brittens vor, „A Ceremony of Carols“. Ein Meisterwerk, das die Kühle früher geistlicher Dichtung Englands minimalistisch in den Klang von dreistimmigem Knabenchor und Harfe übersetzt und der Weihnachtsfreude damit zarte Pastellfarben verleiht. Diese Fassung mögen wir noch lieber als die hier eingespielte für gemischten Chor mit Harfe, aber die Kombination mit Chorsätzen von Holst und Bridge überzeugt (harmonia mundi). Auf der anderen Seite des Kanals, genauer gesagt am Fuß der Schweizer Alpen, haben auch die Zurich Chamber Singers ein blitzsauberes Choralbum aufgenommen. Hier treffen Klassiker wie „Maria durch ein Dornwald ging“, diesmal aber als sich interessant entfaltender Satz, auf Renaissance und gemäßigte Moderne. Das ist alles fantastisch gesungen, am interessantesten sind aber tatsächlich die beiden jüngsten Beiträge: das titelgebende „O Nata Lux“ von Rhiannon Randle und Marcus Paus’ „O Magnum Mysterium“, das dem Chor ein Xylofon an die Seite stellt (Berlin Classics/ Edel – Abonnenten-CD: Track 4). Am Winter kann es hingegen nicht liegen, dass wir mit dem Album des Calmus Ensemble nicht so recht warm werden. Die „White Christmas“ können wir schon lange nicht mehr glauben; die Dekonstruktion der Weihnachtslieder-Evergreens in Melodiefragmente für einzelne Chorstimmen oder ihr Einfärben in grelle Jazz-Harmonik a la Manhattan Transfer, wirkt seltsam einstudiert. Da will dieses Jahr kein Funke überspringen (Carus/Note 1). Das gelingt aber dem Balthasar-Neumann-Chor unter Thomas Hengelbrock. Der hat ohne die NDR Elbphilharmonie vielleicht mal wieder Zeit zum Stöbern gehabt, jedenfalls strotzt „Christmas in Europe“ mit Fundstücken aus der Weihnachtsliteratur (dhm/ Sony). Sechs „Kapitel“ zeichnen die Weihnachtsgeschichte nach – Hirten, Geburt Christi, Lobgesang der Engel, Maria Wiegenlied etc. – aber jeweils in der Musik einer Nationalität: französische, skandinavische, polnisch-russische, spanische, britische und deutsche Chorwerke finden sich hier zu einer gemeinsamen Botschaft zusammen – und das Ganze ist auch noch mit Drive dargeboten.

Gefangen in der Schneekugel

Auch der Jazz mischt mit, auf bewährtem Terrain. Nils Landgren lädt bereits zum siebten Mal ein, „Christmas With My Friends“ zu feiern (ACT/Edel). Erstaunlich, dass ihm die Ideen nicht ausgehen. Aber „This Christmas gonna be a little brighter“ verspricht die hochkarätige Runde, zumindest sind schon mal angenehm viele weibliche Jazzerinnen vertreten. Und schön entspannt geht das Projekt wieder zu Werke. Zum Wohlfühlen. Das sollte wohl auch das Motto für das erste Weihnachts-Recital von Jonas Kaufmann werden. „It’s Christmas“, ruft er in Erinnerung und fährt luxuriös zweigleisig: Eine CD gehört den traditionellen Weihnachtsliedern, opernhafter im Timbre und wahlweise mit Knabenchor, Glocken im Orchester oder Stubenmusi-Harfenbegleitung. Die zweite CD ist hollywoodesk arrangiert, bewusst entspannter gesungen, mit Swing- und Jazz-Aroma parfümiert und den internationalen und US-amerikanischen Schlagern gewidmet. Das ist alles aufwendig gut gemacht und arrangiert, sogar Till Brönner wird für ein Flügelhornsolo bemüht, und es hat doch einen Stich. Spätestens wenn Kaufmann für „In Dulci Jubilo“ seine Stimme mit Edelmetallplanken beschlägt, oder sich für „Tochter Zion“ in die Höhe schraubt, fühlt sich die Sache nicht nur angespannt, nein, auch irgendwie falsch an. Als wäre der Sänger in einer „White-Christmas“-Schneekugel gefangen, in die er mit starrem Dauerlächeln einlädt. Die Welt da draußen ist eine andere inzwischen (Sony - Abonnenten-CD: Track 18). Noch ein schneller Tipp zum Schluss, bevor wir die Lieferfristen des Online-Shoppings verpassen: „Stories for Christmas“ versammelt amerikanische Radio-Weihnachtshörspiele der 40er-Jahre. Wilde und Dickens, orchestral von Bernhard Herrmann und Hanns Eisler (!) untermalt, gelesen von Orson Welles, Bing Crosby, Charles Laughton und Gregory Peck. Da haben wir doch einen guten Plan für die Festtage! (Eloquence/Klassik Center Kassel).

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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