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Neue Beethoven-Lektüre

Abhängig von der Muse

Auch der Büchermarkt feiert Beethovens 250. Geburtstag beachtlich und mit zum Teil verblüffffend neuen Sichtweisen. Durchgeblättert und zuweilen festgelesen hat sich Guido Fischer.

Wie viele Kaffeebohnen waren nötig, um für Beethoven ein richtig robustes Tässchen Kaffee herausbekommen? 30? 40? 50? Die richtige Antwort lautet: 60! Und gleich noch eine etwas andere Beethoven-Quizfrage hinterher: Bei welchem Beethoven-Stück lassen Metal-Gitarristen am liebsten die Finger & Haare fliegen? Tatsächlich ist es die „Mondschein“-Sonate und da der 3. Satz. Wer auch hier die richtige Lösung einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte, der darf sich wahrlich als Beethoven-Experte bezeichnen. Oder salopp: als „Beethoven-Klugscheißer“! Genau an diese Leserschaft richtet sich denn auch das kurzweilige Bändchen „Beethoven für Klugscheißer“, mit dem der Essener Musikwissenschaftler Philip Feldhordt einen etwas anderen, verblüffenden und vor allem amüsanten Ton in die aktuelle Beethoven-Bücherflut gebracht hat. Und Feldhordts faktenreicher Rundumschlag räumt nicht nur mit allerlei Irrtümern auf, sondern erinnert etwa an den legendären Beethoven-Film „Ludwig van“ von Mauricio Kagel aus dem Jahr 1970, in dem auch Joseph Beuys, Käsebrote und Bratwürste eine Rolle spielen. Ein Buch für jede Beethoven-Party! Apropos Kulinarisches: Unter der nahezu unüberschaubaren Flut an Dokumenten, die aus der Feder von Beethoven-Zeitgenossen stammen, findet sich auch ein unterhaltsamer Bericht des Geigers Joseph Böhm über den mäßig begabten Kochkünstler B. „Das Rindfleisch war kaum zur Hälfte gekocht“, so Böhm 1825 nach einer wenig erfreulichen Essenseinladung. „Und der Braten schien im Schornstein geräuchert.“ Nachzulesen ist diese kleine „Gourmet“-Kritik in dem von Michael Ladenburger zusammengestellten Bändchen „Beethoven zum Vergnügen“, für das er auch aus Beethovens rund 1800 Briefen ein „Best of“ an Ausschnitten zusammengestellt hat, die dessen ausgeprägten Sinn für Scherz, Spott und Humor unter Beweis stellen. Um den schnöden Alltag Beethovens drehen sich ebenfalls manche der Aufsätze, die eine internationale Autorenrunde zum großartig aufgemachten Katalog zur Bonner Ausstellung „Beethoven. Welt.Bürger.Musik“ beigesteuert hat. Da gewähren Originaldokumente Einblicke in die Haushaltsbücher von Beethoven, der nicht auf großem Fuß lebte (sein Erbe betrug daher auch umgerechnet rund 145.000 Euro). Und gleichermaßen seine Tagesabläufe werden da rekonstruiert („Bedenken Sie, dass ich von der Muse abhänge!“, begründete er einmal seine sich stets verschiebenden Mahlzeiten). Und natürlich kommt auch der ewige Patient zur Sprache. Die Privatsphäre ist dabei aber eben nur ein Schwerpunkt. Barry Cooper widmet sich dem Pianisten Beethoven, mit dem Homo politicus setzt sich wiederum William A. Kindermann auseinander. Und in dem Prachtband mit seinen zahlreichen Abbildungen und Statements von Musikern wie John Eliot Gardiner, Andreas Staier und Krzysztof Penderecki darf natürlich auch nicht die Rezeption und Glorifizierung Beethovens fehlen.

Badewanne voll Hartfett

Dass es quer durch die Kultur- und Geistesgeschichte nie an prominenten Beethoven-Schwärmern und kritischen Verehrern gemangelt hat, zeigen auch zwei von immerhin gleich drei Büchern, mit denen sich der im November 2019 verstorbene Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller Martin Geck von seinem lebenslangen Forschungsobjekt „Beethoven“ verabschiedet hat. In „Beethoven-Bilder“ beschäftigen sich Geck und der Kunsthistoriker Werner Busch in ihren jeweiligen Texten mit Beethoven-Porträts in der Bildenden Kunst – angefangen von dem weltberühmten Ölgemälde von Joseph Stieler über das Bonner Denkmal von Ernst Julius Hähnel bis in die Gegenwart hinein, bis zu Markus Lüpertz sowie Dieter Roths mit Hartfett und Schokolade gefüllter „Badewanne“, die er für den Kagel-Film „Ludwig van“ beisteuerte. In ihren Aufsätzen berichten Geck und Busch nicht nur über die jeweiligen Entstehungshintergründe, sondern beleuchten die dreidimensionalen Huldigungen aus unterschiedlichsten, spannend zu lesenden Blickwinkeln. Wie Beethoven nicht nur von Musikern und Bildenden Künstlern gesehen wurde, sondern auch von Schriftstellern à la Marcel Proust und Thomas Mann, von Politikern wie Stalin und Philosophen wie Adorno und Bloch, ist in Gecks zweitem Beethoven-Band erhellend nachzulesen. „Momentaufnahmen in Wort und Bild aus zweieinhalb Jahrhunderten“ lautet der Untertitel. Und wie in seinem bereits 2017 veröffentlichten Coup „Beethoven – Der Schöpfer und sein Universum“ erweist sich Geck auch in „So sah die Welt Beethoven“ als enzyklopädisch gebildeter Allrounder, der die ausgewählten Originalzitate und Textausschnitte auf jeweils einer Doppelseite einordnet und kommentiert. Der dritte Beethoven-Beitrag von Geck trägt den Titel „Beethoven hören – Wenn Geistesblitze geheiligte Formen zertrümmern“. Dahinter verbirgt sich die Einladung, sich vielleicht einmal wieder intensiver siver mit der objektiven Form des Musikkunstwerks zu beschäftigen, ohne dabei aber jemals das subjektive Hörerlebnis auszublenden. Geck hat sich als Beispiele dafür bekannte Sätze aus der „Eroica“ und der 5. Sinfonie ausgesucht. Zudem klopft er in einem Gespräch mit seinem Kollegen Peter Schleuning die enorme Gedanken- und eben auch Gefühlstiefe in Beethovens spätem Streichquartett op. 130 ab. Danach hört man Beethoven wirklich mit anderen Ohren. An einem anderen Spätwerk Beethovens hat dagegen Rudolf Buchbinder bekanntlich einen Narren gefressen. Es sind die „Diabelli-Variationen“, die der österreichische Pianist kürzlich neueingespielt und zudem um eigens komponierte Variationen, etwa von Philippe Manoury, Jörg Widmann und Tan Dun, erweitert hat. Wenig verwunderlich ist es daher auch, dass dieses „Diabelli-Project“ umfassend Erwähnung in Buchbinders „Der letzte Walzer“ findet. Über das Klavierspielen und speziell die Diabelli-Variationen dreht sich dieses sehr persönliche und zugleich von enormem Beethoven-Wissen durchtränkte Buch. Und wer noch intensiver in die Lebens- und Wirkungsgeschichte eintauchen will, der fährt mit der überarbeiten Neuauflage von Jan Caeyers Klassiker „Beethoven – Der einsame Revolutionär“ genauso fundiert und erstklassig wie mit Matthias Henke brandneuer Biografie „Akkord der Welt“.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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