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Papa Groove: Manuel Dibango † © Emanuel Dautant - Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Pasticcio

Papa Groove

Es war nur eine Frage der Zeit, wann das grassierende Corona-Virus auch die prominente Musikwelt infizieren wird. So wurde gerade bekannt, dass Star-Tenor Plácido Domingo sowie die Shooting-Star-Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla positiv getestet worden sind. Doch inzwischen tragen Klassik- und Jazz-Szene gleichermaßen auch bereits Schwarz. Im Alter von nur 62 Jahren ist mit Luca Targetti ein einflussreicher Opernmanager verstorben. Und vor allem als Casting-Director in der künstlerischen Abteilung der Mailänder Scala förderte er die aufstrebenden Sängertalente. Im Gegensatz zu Targetti, der im Hintergrund wirkte, war dagegen Manu Dibango weltweit im Scheinwerferlicht zuhause. Immerhin war er mehr als nur eine Weltmusik-Ikone. Der Saxophonist legte mit seinen zahllosen Alben den Grundstein für das, was längst unter dem Label „Afro-Jazz“ Hochkonjunktur hat. Und an seinem Superhit „Soul Makossa“ kamen selbst Pop-Götter wie Michael Jackson und Rihanna nicht vorbei – wobei sie für ihr unerlaubtes Sampeln schon mal Post von Dibangos Anwälten bekamen. „Amerikaner haben da so ihre eigene Ethik“, kommentierte Dibango einmal den Rechtstreit mit seinen Kollegen und Kolleginnen. „Wenn wir hier in Europa ein Stück von Duke Ellington spielen, dann sagen wir, dass das Stück von ihm stammt. So sind wir erzogen worden.“
Obwohl Dibangos Wurzeln in Kamerun lagen, verstand er sich stets als musikalischer Wanderer zwischen den Kontinenten Afrika und Europa. Schließlich war er nicht nur mit der europäischen Klassik aufgewachsen. Schon früh wurde Europa zu seiner zweiten Heimat. Bereits mit 15 Jahren kam er nach Paris, um hier sein Abi zu machen und Klavierunterricht zu nehmen. Als Dibango dann kurz nach seiner Ankunft in Frankreich erstmals eine Kantate von Bach hörte, kam es ihm plötzlich wie eine Rückkehr vor – so vertraut war ihm diese Musik. In Paris jedenfalls kam Dibango den schulischen Verpflichtungen erfolgreich nach. Vom musikalischen Weg brachten ihn hingegen zwei Erweckungserlebnisse ab. Erst war es die Stimme Louis Armstrongs, die er im Radio gehörte hatte. Und mit Francis Bebey war er ausgerechnet an einen Klavierlehrer geraten, der weniger Wert auf Mozart als vielmehr auf Duke Ellington legte. Schon bald entschied sich Dibango fürs Saxophon. Und mit seinen Alben wie „Afridelic“, „Afrijazzy“, „Cubafrica“, „Polysonic“ oder „Négropolitain“ sorgte er ab den 1960er Jahren für jene musikalischen Grenzüberschreitungen, mit denen dieser glatzköpfige Hüne mit seinem markant breiten Lachen und der coolen Sonnenbrille bis ins hohe Alter vor allem Jazz-Festivals vibrieren ließ. Jetzt ist die Stimme dieses „Papa Groove“, wie Manu Dibango auch genannt wurde, verstummt. Im Alter von 86 Jahren ist er in Paris an den Folgen des Corona-Virus gestorben.

Reinhard Lemelle



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