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(c) Marco Borggreve

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Komponist Jörg Widmann glaubt nicht, dass sein internationaler Erfolg mit Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit zu tun hat. „Im Zug auf dem Weg zu Pierre Boulez habe ich einmal festgestellt, dass ich ein Stück überhaupt nicht fertigkriege. Sogar die Wiener Philharmoniker habe ich im Stich gelassen.“ Umgekehrt habe er es schon oft erlebt, dass nicht einmal der Dirigent das Werk von ihm verstanden habe. „Das kommt vor“, so Widmann. Er sei deswegen umso akribischer bei der Notation. „Es kann trotzdem toll werden“, so Widmann. „Weil sich die Musiker umso mehr ins Zeug legen. Theater-Shootingstar Ersan Mondtag (*1987), der auch Opern inszeniert („Der Schmied von Gent“, „Antikrist“), führt seinen Ehrgeiz darauf zurück, dass er in der Schule zu lange „der Kleinste“ war. „Ich war ein Gastarbeiterkind, wir lebten zu fünft in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung.“ Er wurde gehänselt und „von den Mitschülern auf den Kopf geschlagen“. „Das Erste, was sich an mir entwickelte, war meine Nase – in Form einer Riesenkartoffel.“ Übrig geblieben sei „das Gefühl: Ich zeig’s euch!“ Aprile Millo, amerikanische Opern-Legende der 80er- und 90er-Jahre, geht nicht mehr auf die Bühne, weil sie, wie sie glaubt, „zu schwer geworden“ sei. „Ich müsste abnehmen. Aber das schaffe ich nicht.“ Für Cello-Star Mischa Maisky war als Kind Fußball viel wichtiger als die Musik. „Bei meinen vier Söhnen – ich habe sechs Kinder – sieht es genauso aus“, so Maisky. „Sie schwärmen für Messi und für Ronaldo. Bei mir waren es Pele und Maradona.“ Dass er Russe sei, habe er erst nach seiner Emigration in Israel gelernt. „Im sowjetischen Pass dagegen war ich jüdisch.“ Er spiele ein italienisches Cello mit deutschen Saiten und französischem Bogen. „Mein Auto ist amerikanisch, meine Uhr aus der Schweiz. Ich bin außerirdisch.“ Countertenor Jakub Józef Orliński legt Wert darauf, „Maskulinität“ in seiner Stimme zu evozieren. „Mir klangen Countertenöre früher immer zu weiblich!“, so Orliński in Berlin. „Ein wichtiges Erlebnis war, als ich entdeckte, dass ich meine männliche Seite, welche zweifellos sehr ausgeprägt ist, musikalisch nicht mit tiefen Tönen, sondern besser in der Höhe zeigen kann.“ Wie man das macht, habe er von Luciano Pavarotti gelernt. Und von Marilyn Horne. Dirigent John Nelson findet seinen Wohnort in der Nähe von Miami langweilig. „Florida, ehrlich gesagt, ist der letzte Platz auf Erden, wo ich freiwillig leben würde. Eine Wüste!“ Er sei nur wegen seiner Tochter dort, die seit dem Tod seiner Frau vor acht Jahren „das Ruder in meinem Leben übernommen“ hat. „Ich bin dankbar dafür, denn ich bin völlig unselbständig und nicht einmal in der Lage, ein Ei zu kochen.“ Seine Berlioz-Mission, ein Komponist, von dem er fast alle Werke oftmals bahnbrechend aufgenommen hat, hatte er sich gleichfalls nicht ausgesucht. „Als meine Ausbildung an der Juilliard School abgeschlossen war, wusste ich absolut nicht, womit ich mich beschäftigen sollte. Da riet mir ein guter Freund, ich möge mir doch einmal einen gewissen Hector Berlioz anschauen.“ Heute werde er auf diesen reduziert. „Ich muss die Probleme ausbaden, die man ihm macht.“ Tenor Piotr Beczała, der in Bayreuth einen großen Erfolg als „Lohengrin“ feierte, möchte die Rolle, entgegen früheren Ankündigungen, „die nächsten zehn Jahre im Repertoire behalten“. Auch „Parsifal“ werde er singen, und zwar im Jahr 2022. Pianist Alexander Melnikov, Hobby-Pilot wie Herbert von Karajan, Klaus Florian Vogt und andere Musiker, glaubt an einen Zusammenhang zwischen Fliegen und Musik. „Ich kenne keinen anderen Bereich außer der Musik, wo man die ganze Welt so sehr hinter sich lassen kann.“ Privatpilot sei er seit 20 Jahren. „Mein Wake-up-Call bestand aber darin, dass Daniel Harding den Großen Schein gemacht hat, mit dem er jetzt sogar Linienflüge der Air France steuert.“ Das wolle er auch schaffen. „Meine Freundin ist deswegen allerdings böse mit mir.“

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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