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(c) Harald Hoffmann

Daniel Harding

Es werde Licht

Der britische Dirigent hat mit seinem Swedish Radio Orchestra und dem Swedish Radio Choir ein transparentes Brahms-Requiem eingespielt.

RONDO: Sie haben Ihren Posten beim Orchestre de Paris gerade aufgegeben, in Stockholm zugleich bis 2023 verlängert. Diese Entscheidung spricht für eine besondere Verbindung zu dem schwedischen Klangkörper?

Daniel Harding: Ja, ich bin jetzt seit zwölf Jahren hier, und das erlaubt Dir, gemeinsam eine Sprache zu entwickeln, eine gemeinsame Art des Verständnisses der Dinge. Die Freude und zugleich die Schwierigkeit, Dirigent zu sein, besteht darin, dass Du abhängig bist von anderen. Allein bist Du gar nichts, Du kannst nur mit anderen Menschen Musik machen. Aber Du hast dann das ungeheure Vergnügen, ihre Ideen und Fähigkeiten zu nutzen. Sie geben sie Dir in die Hand, was ein wunderbares Geschenk ist. Hier in Stockholm ist es so einfach und vertraut für mich, als würde ich zuhause sitzen und Klavier spielen.

RONDO: Welche besonderen Qualitäten unterscheiden dieses Orchester von anderen?

Harding: Das Stockholmer Orchester erinnert mich an die Zeiten, die ich mit dem Mahler Chamber Orchestra verbracht habe. Viele der Musiker hier haben im Chamber Orchestra of Europe gespielt. Und da ist etwas vom Spirit dieser beiden enthusiastischen Orchester, aber hier in einer Sinfonieorchester- Version: diese unglaubliche Bescheidenheit, die Hingabe an die Gruppe und die Arbeit. Die Musiker sind sehr aktiv im Übernehmen von musikalischer Verantwortung. Für mich ist das absolut wichtig, um Musik zu machen. Und eine Gruppe von Menschen zu haben, die sehr bewusst aufeinander hören. Sie wollen in jedem Moment wissen, was wir warum tun, welchen Klang wir erzeugen. Sie sind absolut geschmeidig und flexibel und sehr neugierige Menschen.

RONDO: Wie lässt sich der spezifische Klang des Orchesters beschreiben? Gibt es überhaupt einen skandinavischen Klang?

Harding: Es ist ein sehr deutscher Klang hier. Schweden, Dänemark und Norwegen haben ohne Zweifel eine Tradition, die klanglich nach wie vor ziemlich auf der deutschen basiert.

RONDO: Mit deutscher Tradition wird aber doch eigentlich ein eher dunkler, üppig sinfonischer Klang bezeichnet. Ihr Brahms klingt aber ganz hell und transparent.

Harding: Die Basis ist die deutsche Tradition, aber wir haben hier auch Rameau gemacht. Für mich ist es hier möglich, einen Klang zu schaffen, der sehr dicht ist, aber letztlich auf dem Wissen und dem Klang der Alten Musik aufbaut.

RONDO: Also Brahms in Historischer Aufführungspraxis?

Harding: Wir orientieren uns daran, aber wir tun das nicht, um historisch korrekt zu sein. Für mich lässt diese Haltung die Musik einfach besser sprechen.

RONDO: Das heißt: wenig Vibrato auch für eine romantische Partitur wie das Brahms-Requiem?

Harding: Unbedingt, denn wenn jeder ein großes, expressives Vibrato einsetzt, kannst Du die Harmonien gar nicht deutlich genug hören! Es ist eben nicht so sehr eine historische, sondern eine musikalische Notwendigkeit.

RONDO: Die Chöre erinnern teils auch an Madrigal- Gesänge.

Harding: Da kommen sie ja auch her! Brahms hatte ein enormes Wissen über Alte Musik und war fasziniert davon.

RONDO: Nun sind wir aber immer noch den schweren, dunklen Brahms-Sound gewöhnt …

Harding: Nehmen Sie die Sinfonien: Brahms hat so wunderbare Sachen für Fagotte geschrieben, aber in der modernen Musizierpraxis hört man nie ein Fagott in einer Brahms-Sinfonie! Weil alles zu voluminös ist. Und ich denke nicht, dass Komponisten Dinge schreiben, von denen sie wollen, dass man sie nicht hört ...

RONDO: Matthias Goerne intoniert seine Bariton- Soli auch so plastisch deklamierend und intim wie in einem Liederabend.

Harding: Ja, das war unsere Absicht, es soll alles vom Text und seiner Aussage ausgehen, das ist uns sehr wichtig.

RONDO: War das Brahms-Requiem ein lange gehegter Wunsch von Ihnen?

Harding: Matthias wollte es unbedingt aufnehmen, er fand, dass für ihn die Zeit jetzt reif ist. Wir hatten es zuvor schon einige Male zusammen im Konzert gemacht, und mich reizte es auch ungemein.

RONDO: Mit etwa 30 Jahren hatten Sie eine Schaffenskrise, in der Sie kürzer getreten sind. Wie denken Sie jetzt in der Rückschau über diese Zeit?

Harding: Es läuft in Phasen. Ich habe sehr jung mit dem Dirigieren angefangen, eben wirklich schon mit 16, 17. Und an einem bestimmten Punkt musst Du anhalten. Du bist kein Kind mehr, und die Dinge funktionieren nicht mehr in der gleichen Weise. Mit 30, 31 habe ich einige komplizierte Erfahrungen gemacht und dann habe ich gedacht: Okay, ich habe diese erste Periode gemeistert, jetzt muss ich mich selbst betrachten und meinen Weg nach Vorne finden in die nächste Periode. Und das war wirklich gut für mich, langsam zu machen und an mir selbst zu arbeiten.

Neu erschienen:

Brahms

Ein deutsches Requiem

Daniel Harding, Christiane Karg, Matthias Goerne, Schwedischer Radio-Chor, Schwedisches Radio-Sinfonieorchester

hm


Raketenstart

Unter den Dirigenten sind Wunderkind-Karrieren selten. Daniel Harding (44) aber startete als Jung-Star: Bereits als Schüler gründete er in Manchester ein Orchester, mit dem er siebzehnjährig Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ aufführte. Einen Mitschnitt des Konzerts schickte er an Simon Rattle. Prompt machte Rattle Harding für ein Jahr zu seinem Assistenten beim City of Birmingham Orchestra. Danach holte Claudio Abbado ihn als Assistenten zu den Berliner Philharmonikern. Nach Stationen in Trondheim und Bremen war er von 2003 bis 2011 Direktor des Mahler Chamber Orchestra. Seit 2007 ist er Chefdirigent des Swedish Radio Symphony Orchestra, bis zum Ende der Saison 2018/2019 war er gleichzeitig Chef des Orchestre de Paris.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 4 / 2019



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