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Don Was (c) Gabi Porter

80 Jahre Blue Note Records

Lions und Wolffs Revier

Vor 80 Jahren wurde Blue Note Records gegründet. Ein Treffen mit Don Was, dem Präsidenten des ikonischen Jazzlabels.

Detroit. Wir schreiben das Jahr 1966. Ein genervter Teenager spielt am Autoradio herum, während seine Mutter Einkäufe erledigt. Plötzlich hört der 14-Jährige etwas, das seine Aufmerksamkeit erregt: ein Saxofon, aus dem die unwirklichsten Töne dringen. Verzweifelt, aber auch selbstbewusst. „Es ging nicht um das Instrument, nicht um die Noten, nicht um Musiktheorie. Da war jemand, der zu mir sprach, in einem klagenden Ton, direkt aus dem Radio“, erinnert sich Don Was, der Teenager von damals. Der Saxofonist Joe Henderson und sein Stück „Mode For Joe“ änderten das Leben des Mannes, der jetzt barfuß, mit hellem Hut, dunklen Rastalocken, schwarzen Klamotten und jeder Menge Ketten um den Hals in einem Berliner Büro seines Musikkonzerns sitzt.
Don Was wurde 1966 nicht nur zum Jazzliebhaber, sondern auch zum Fan einer speziellen Plattenfirma. „Mir fiel auf, dass es dieses Label aus New York war, das die Platten machte, die ich so mochte“, erinnert sich der 66-Jährige. Die Rede ist von Blue Note Records, jener Institution, die für viele das Jazzlabel schlechthin ist. 1939 wurde die Firma von dem in die USA emigrierten Berliner Juden Alfred Lion gegründet. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Francis Wolff, der buchstäblich mit dem letzten Schiff aus Nazi-Deutschland hatte flüchten können, schrieb er dann Geschichte.
Nicht nur, dass so ziemlich jeder, der im Jazz etwas zu sagen hatte, für Blue Note aufnahm – die Platten klangen dank des genialischen Tonmeisters Rudy Van Gelder auch klarer und mitreißender als andere Einspielungen und sahen zudem auch noch besser aus. Es lag an Francis Wolffs unglaublich intimen Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Aufnahmestudio und den Plattencovern, die der Designer Reid Miles ab 1955 für das Label gestaltete. Blue Note, das die Plattenkarrieren von u. a. Thelonious Monk und Herbie Hancock begründete, bot den Musikern traumhafte Bedingungen: Sie wurden fürs Proben bezahlt, was damals völlig neu war, und fühlten sich von den beiden Immigranten mit ihrem komischen deutschen Dialekt (legendär ist Lions Losung: „It must schwing!“) zutiefst respektiert. „Die Musik von Blue Note ist wirklich die Musik des schwarzen Amerikas“, sagt Don Was, „und jemand, der aus seinem Land flüchten muss, versteht, was es bedeutet, ein Underdog zu sein. Ich denke, die große Affinität zwischen Lion und Wolff und den schwarzen Musikern rührt daher.“

Präsident Barfuß

Don Was hat es sich nicht nehmen lassen, bei seinem Berlin-Aufenthalt auch das Haus zu besuchen, in dem Alfred Lion aufwuchs. Er habe die Tür angefasst, durch die Lion gegangen sei, erzählt er. Die Ehrfurcht ist nicht unbegründet: Seit 2012 sitzt er als Präsident von Blue Note in Lions Stuhl. Zu dem Job kam Was, der in den 1980ern mit seiner Band Was (Not Was) Erfolge in den Pop-Charts feierte und anschließend als preisgekrönter Produzent für die Rolling Stones oder Bob Dylan tätig war, wie die Jungfrau zum Kinde: Er hatte seinem Freund Dan McCarroll, damals Chef von Capitol Records, beim Frühstück vom Konzert eines gewissen Gregory Porter vorgeschwärmt und ihm dringend dazu geraten, den noch unbekannten Sänger für Blue Note unter Vertrag zu nehmen. Zufälligerweise suchte McCarroll gerade händeringend nach einem Nachfolger für den langjährigen Blue-Note-Boss Bruce Lundvall, der aus Altersgründen kürzer treten musste, und bot Was den Job an. „Ich wollte eigentlich nie eine geregelte Arbeit, deshalb bin ich Musiker geworden“, lacht der Bassist Was, „jedem anderen Label hätte ich gesagt: Ihr spinnt wohl! Aber Blue Note konnte ich nicht widerstehen.“
Das Erbe des Labels zu verwalten und es gleichzeitig in die Zukunft zu führen – darin sieht Was seine Aufgabe als Chef von Blue Note, das inzwischen Teil eines großen Medienunternehmens ist. Für die Vinyl-Verrückten werden vergriffene Platten hochwertig aufbereitet herausgebracht und kostbare Sammler-Boxen aufgelegt; zudem wurde der „Jazz-Detektiv“ Zev Feldman damit beauftragt, in Archiven schlummernde Schätze zu bergen. Für November kündigt Was die erste große Trouvaille an.
Zwölf Alben mit neuer Musik bringt Blue Note pro Jahr heraus, um seine Verortung im Hier und Jetzt zu beglaubigen. Zu den Neuzugängen der Ära Was gehören unter anderem der Trompeter Ambrose Akinmusire, der Sänger José James und der Schlagzeuger Kendrick Scott; Wayne Shorter wurde zurückgeholt, und Millionensellerin Norah Jones nahm mit „Day Breaks“ 2016 ihre bislang jazzigste Platte auf. Eine erfolgreiche Mischkalkulation: Nach Was‘ Worten ist Blue Note profitabel und wird auch noch seinen 100. Geburtstag erleben. „Es ist eine Nische, sicher“, räumt Don Was ein, „aber es gibt genügend Leute, die das Bedürfnis nach Musik als Kommunikationsmittel haben, wo die Sprache versagt.“ So wie bei dem 14-Jährigen aus Detroit, dem ein Saxofon einst Mut und Zuversicht zusprach.


Zum 80. – Platten, Filme, Uhren

Zu seinem 80. Geburtstag fährt das legendäre Jazzlabel groß auf: Es gibt neben neuen Alben von Drummer Kendrick Scott und dem jungen Vibrafonisten Joel Ross eine remasterte Vinyl-Neuauflage von Sam Rivers‘ „Contours“ sowie die in den USA zu bestellende Sammlerbox „Spirit & Time“ aus der „Blue Note Review“-Serie mit unveröffentlichten Aufnahmen von Tony Williams und Originalabzügen von Francis-Wolff-Fotos. Zudem sind zwei Filme erschienen, Eric Friedlers „It Must Schwing“ und Sophie Hubers „Blue Note Records. Beyond the Notes“ (als Stream u. a. auf Amazon Prime). Außerdem wird in Zusammenarbeit mit Casio eine „Blue Note X G-Shock-Steel“- Armbanduhr feilgeboten.


Josef Engels, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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