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(c) Yiorgos Mavropoulos

Blind gehört

Marlis Petersen: „Mozart, der alte Rocker!“

Marlis Petersen ist umso hellhöriger, je höher hinauf es geht. Die Koloratursopranistin gehört zu den wichtigsten Sängerinnen ihres Fachs. Geboren 1968 in Sindelfingen, wuchs sie in Tuttlingen auf und studierte in Stuttgart (bei Sylvia Geszty). Ihre ersten Engagements hatte sie in Nürnberg (Blondchen, Zerbinetta etc.) und von 1998 bis 2003 an der Deutschen Oper am Rhein. 2002 debütierte sie als Lulu an der Wiener Staatsoper. Inzwischen singt sie auch Salome (an der Bayerischen Staatsoper unter Kirill Petrenko). Sie lebt in Griechenland in einem von ihr selbst entworfenen Haus auf dem Peloponnes, fährt gern Motorrad und stellt ihr eigenes Olivenöl her.

Na also, das ‚Lied der Lulu‘. Die Rolle zu lernen, war ein Riesenaufwand. Berg hat sich eine leichte, lyrische Stimme vorgestellt. Diese hier hat auch Dramatik anzubieten. Es ist Teresa Stratas. Die Aufnahme ist klassisch, war es auch für mich, als ich mich der Rolle näherte. Allerdings habe ich sie erst spät angehört, und die Sängerin dann sogar noch einmal getroffen. Natürlich macht sie’s toll! Sehr agil, sehr schlank. Den Text zu treffen, ist immer schwierig bei diesen Hoch- und Runter-Sprüngen. Trotzdem war genau das mein Ehrgeiz – auch wenn ich in Wirklichkeit eine ‚schwäbische Gosch’ hab’. Der Text bleibt immer das Kommunikationsmedium der Musik, selbst bei einer so schwierigen Rolle wie dieser.

Alban Berg

„Lulu“

Teresa Stratas, Orchestre de l’Opéra de Paris, Pierre Boulez

DG/Universal

„Giuditta“ – wie schön! Hab’s gerade bei einem Galaabend gesungen. Und wir hören: Sylvia Geszty. Man hört’s an mindestens einer Farbe, die nur sie hat. Mit ein bisschen Luft drauf, und einer Kuppel drüber. Die Stimme hat so eine schöne innere Öffnung. Mache ich mich verständlich? Nach hinten und nach oben muss der Ton gehen ... (lacht) Sylvia Geszty war für mich auch eine tolle Lehrerin. Weil sie sämtliche Fächer abdeckte, bis zum Chanson. Sie hatte irgendwie auch ein leichtes, erotisches Fauchen in der Stimme. Für den „Blauen Bock“ war sie eigentlich nicht geeignet.

Franz Lehár

„Giuditta“

Sylvia Geszty, Berliner Symphoniker, Werner Schmidt-Boelcke

Edita Gruberova als Semiramis. Diese ganz leichte, extreme Höhe hatte ich leider vielleicht nie. Ganz toll! Ich traf die Gruberova einmal, als sie gerade eine Gala in der Deutschen Oper am Rhein gesungen hatte, vor vielen Jahren. Es war am Flughafen, sie war auf dem Weg nach Hause. Als ich in Zürich am Gepäckband dann wieder vor ihr stand, habe ich sie angesprochen. Wir sind zusammen mit der S-Bahn in die Stadt gefahren. Ich hab’ mir ein Herz gefasst und sie nach einer Stunde gefragt. „Heute Nachmittag um 4“, war die Antwort. Wir haben an Zerbinetta gearbeitet. Als ich dann in Hamburg die Lulu sang, kam sie plötzlich zu mir in die Garderobe. „Wie Sie das alles auch wirklich singen, so weit oben in der Stratosphäre ...“ Ich war stolz wie Oskar.

Gioachino Rossini

„Semiramide“

Gruberova, Tokyo Philharmonic Orchestra, Friedrich Haider

Nightingale

Mozart, der alte Rocker! Das hat Sinnlichkeit, das hat Zartheit und auch Groove. Ob der Dirigent diesen ganz geraden Ton, wie er da gerade zu hören war, wirklich wollte?! Sehr warmer Orchester-Klang. Ein ganz eigener Charakter. Dieses „Laudamus te“ ist, nebenbei gesagt, eine verdammt schwere Sache, weil man so schonungslos allen Blicken ausgesetzt ist. Leider erkenne ich die Sopranistin nicht. – Sylvia McNair? Der Dirigent der Aufnahme gilt bei Sängern als gefürchtet – besonders bei Sopranen! Jedenfalls eine sehr schöne Aufnahme. Und ganz meine Richtung. Ich arbeite am liebsten mit dem Freiburger Barockorchester und der Akademie für Alte Musik.

Wolfgang Amadeus Mozart

Große Messe c-Moll

Sylvia McNair, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner u.a.

Decca/Universal

Schuberts „Auf dem Wasser zu singen“. Liedgesang ist schon etwas sehr Spezielles. Ich habe die Liebe dafür erst gefunden. Und inzwischen Blut geleckt. Das ist nicht Geszty und auch nicht die Schwarzkopf. Aber doch eine ‚Helle’! Sie hat ein Licht in der Stimme, und das ist es, worauf es ganz wesentlich ankommt bei solchen Stimmen. Sogar einen Liebreiz höre ich da, sowie Schlichtheit und die Fähigkeit, durch Gestaltung die Seele zu berühren. Raus damit, wer ist das?! – Elly Ameling ... Ah, das war mal eine ganz berühmte Lieder-Sängerin. Ich finde es gar nicht altmodisch, höchstens in der Aufnahmeästhetik der CD. Ich kann gut verstehen, warum sie – auch von Sängerinnen – so bewundert wird.

Franz Schubert

„Auf dem Wasser zu singen“

Elly Ameling, Irwin Gage

Warner

Ach, diese Stücke hatte ich ganz vergessen ... Ich habe mal Schulmusik studiert, mit Hauptfach Klavier. Mit dieser verträumten, kindlichen Ruhe konnte ich diese Stücke leider nie spielen. Da gibt es so einen Moment des Innehaltens. Ein Kind würde vielleicht eher drüberspielen oder lustig werden. Toll gemacht!, denn es klingt ganz uneitel. Ist das ein jüngeres Kaliber? – Wilhelm Kempff?! Meinen Glückwunsch. Ganz bei der Sache, um sich im Moment sehr schön zu verlieren. Er spielt es nicht, sondern es spielt mit ihm. Danke dafür!

Robert Schumann

Kinderszenen op. 15

DG/Universal

Ich hab’s beim ersten Akkord schon erkannt. Da dirigiert einer, der uns deutlich zeigen will, wie das Chaos in die geordnete Welt Sarastros einbricht. Mit anderen Worten: Es ist René Jacobs, und wenn wir lange genug zuhören, komme ich dran. Die Ouvertüre habe ich nicht oft gehört. Bei uns stimmte die Chemie. Er schreibt immer die Verzierungen für die Sänger auf, ich habe aber oft eigene Ideen eingebracht. Und er hat sich drauf eingelassen. Ich bin ein bunter Mensch, ich brauche die Abwechslung. Ich habe es mal ein Jahr lang ohne Oper versucht, doch da fehlten mir die Bretter ... Ich habe Susanna, Sophie und Adele wirklich sehr gerne gemacht. Die werden mir gar nicht mehr angeboten. Ich würde auch gerne wieder Pamina singen. Nur da kommt leider keiner drauf.

Wolfgang Amadeus Mozart

„Die Zauberflöte“

Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs u.a.

harmonia mundi

Ach, schön! Das ist Alcina, eine Rolle, die ich ganz großartig finde. Mein Ziel ist, den italienischen Stil mit dem Barock zu verbinden. Auch Händel braucht ein bisschen von der Italianità eines Donizetti. Ich bin ja ein Arbeitstier, aber keine Spezialistin. Barockes Singen ist eigentlich nicht mein Ding. Ein bisschen weniger Legato, das schon. Und keine ‚Schmierandi‘! Aber mehr Licht. – So, so, Renée Fleming ist das. Guck an. Da hätte ich sie jetzt auch selber schon erkannt. Sie macht sich ihre Aufgaben immer vollkommen zu Eigen, auch hier. Und bringt beim Dacapo Verzierungen an, damit sich die Leute nicht langweilen. Was für eine wundervolle Rolle! Man darf natürlich nichts zu oft machen. Wenn ich das Wort „Repertoire“ nur höre, schlafe ich schon ein. Man muss immer ganz genau im Voraus überlegen, sonst zahlt man die Planungssünden von gestern selbst. Aber bei solchen Rollen ... Herrlich.

Georg Friedrich Händel

„Alcina“

Renée Fleming, Les Arts Florissants, William Christie u.a.

Erato/Warner

Zuletzt erschienen:

„Dimensionen: Anderswelt“ (Lieder von Pfitzner, Reger, Medtner, Wolf, Schreker, Zemlinsky)

Marlis Petersen, Camillo Radicke

Solo Musica/Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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