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Der Mann mit dem 360-Grad-Blick

Nein, an so einen radikal neuen Künstlerlebensabschnitt hatte Esa-Pekka Salonen nach eigenem Bekunden eigentlich gar nicht gedacht. Alles lief nämlich für ihn schon seit vielen Jahren richtig rund und befriedigend. Seinem einzigen festen Dirigentenjob ging er seit 2008 beim London Philharmonic Orchestra nach. Genügend Zeit blieb ihm somit fürs Komponieren, das er während seiner langen, immerhin von 1992 bis 2009 dauernden Ära beim Los Angeles Philharmonic etwas vernachlässigt hatte. Außerdem konnte der Gastdirigent Salonen regelmäßig auch Einladungen zu den besten Orchestern annehmen. So wurden etwa in diesem Jahr seine Konzerte mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg von der österreichischen Musikkritik geradezu enthusiastisch aufgenommen. Alles lief für Salonen, der am 30. Juni auch noch seinen 60. Geburtstag feierte, in runden Bahnen. Zeitgleich wurden aber an der Westküste, wie man nun erfährt, hinter den Kulissen des San Francisco Symphony Orchestra (SFS) schon längst und eifrig die letzten Formalitäten mit dem Finnen geklärt. Nun ist es offiziell: Esa-Pekka Salonen wird 2020 neuer Musikdirektor des SFS und damit Nachfolger von Michael Tilson Thomas, der das Orchester dann ein Vierteljahrhundert lang geleitet haben wird. Auf zunächst fünf Jahre angelegt ist der Vertrag. Wobei Salonen das erste Jahr noch auf halber Flamme gestalten wird, da 20/21 auch seine Abschiedssaison beim London Philharmonic Orchestra sein wird.
Danach aber will Salonen unter Volldampf arbeiten, dirigieren und neue Akzente setzen. Und dafür hat er mit dem Führungsstab des Orchesters unter anderem auch ein recht außergewöhnliches Projekt ins Leben gerufen. Um den Konzertbetrieb aus dem konventionellen Trott herauszuholen, hat man eine achtköpfige Künstlergruppe quasi als Künstlerischen Beirat zusammengestellt, der sich aus den unterschiedlichsten Sparten zusammensetzt. Der Neue Musik-Kurator wird Bryce Dessner sein. Hinzu kommen u.a. der Filmkomponist Nicholas Britell und die Jazz-Bassistin Esperanza Spalding, der Geiger Pekka Kuusisto und sogar ein Spezialist für Künstliche Intelligenz. Mit diesem Top-Team will Salonen dem Publikum aber nicht ewta nur ein paar schöne Konzertstunden vorsetzen. Wie in Los Angeles, wo der Kultur-Vermittler Salonen zum Beispiel mit multi-ethnischen Programmen sowie der Reihe „Filmharmonic“ die unterschiedlichsten Hörerschichten anzusprechen verstand, so will er auch an seiner neuen Wirkungsstätte die Musik und den Alltag näher zusammenführen. „Esa-Pekka Salonen hat eine 360-Grad-Sicht auf die Orchesterwelt und die kreative Gemeinschaft“, begründet denn auch Mark C. Hanson, seines Zeichens Chief Executive Officer des San Francisco Symphony, die Entscheidung. „Als einer der gefragtesten Dirigenten, Komponisten und kreativen Denker konzentriert er sich darauf, klassische Musik zugänglicher zu machen, das Kooperationsmodell zu erweitern und die Rolle eines Orchesters in seiner Umgebung neu zu gestalten.“
Wenn Salonen jetzt also von Michael Tilson Thomas das San Francisco Symphony übernehmen wird, darf man das übrigens auch als gutes Omen interpretieren, schließlich verdankt Salonen im Grunde dem Kollegen seine Weltkarriere, die 1983 begann. Damals sprang Salonen beim London Philharmonic Orchestra für Tilson Thomas ein und dirigierte Mahlers 3. Sinfonie. Danach sollte es für den damals gerade einmal 25-jährigen Mann aus Helsinki nur noch steil nach oben gehen.

Guido Fischer



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