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(c) Pari Dukovic

Jeff Goldblum

Spätes Outing

Launige Varieté-Show mit Stargästen: Der Hollywoodstar Jeff Goldblum hat sein erstes Jazzalbum als Pianist aufgenommen.

Millionen von Kinogängern haben ihn schon gegen missgelaunte Außerirdische in „Independence Day“ oder gefräßige Dinosaurier in „Jurassic Park“ kämpfen sehen. Doch die wenigsten wissen, dass Jeff Goldblum jeden Tag aufs Neue mit einem Ungetüm ganz anderer Art ringt. So auch an diesem Morgen. Er sei extra früh aufgestanden, um sich an den Flügel in der Lobby seines Hotels in London zu setzen, erzählt der Filmschauspieler am Telefon, während ihn das Taxi zum Flughafen bringt. Er übe nun mal jeden Tag Klavier, verrät Goldblum. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker, und die zwei Stunden, die dem zweifachen Vater bleiben, bis er die beiden Kinder (ein und drei Jahre alt) weckt, werden intensiv genutzt. Zunächst mit Körperertüchtigung im eigenen Gym in seigenem Haus in Los Angeles, dann mit Pianostudien. Mindestens eine Stunde lang setze er sich dann mit Jazzstandards auseinander, so der 65-Jährige. „Mein Vater hatte eine große Arbeitsethik. Ich denke, ich fange endlich an, ihm in dieser Hinsicht nachzueifern“, lacht Goldblum.
Aber nicht nur die Disziplin hat der Hollywoodstar von seinem Erzeuger, einem Arzt aus Pittsburgh, geerbt, sondern auch die Liebe zum Jazz. Es sei ein Schlüsselmoment in seinem Leben gewesen, als der Vater die Platte „Erroll Garner Plays Misty“ mit nach Hause brachte. Er habe die Scheibe immer und immer wieder gehört, erzählt der Schauspieler. „Und ‚Misty‘ war dann eines der ersten Stücke, das ich auf dem Klavier gelernt habe.“ Knapp 60 Jahre nach dieser musikalischen Offenbarung kann Jeff Goldblum nun zum ersten Mal seinen eigenen Namen auf der Hülle eines Musikalbums lesen.

Me and Mrs. Snitzer

Mit „The Capitol Studio Sessions“ feiert der 1,94-Meter-Mann sein spätes Plattendebüt als Pianist. Begleitet wird er von einer obskuren Formation namens „The Mildred Snitzer Orchestra“, was ein für Jeff Goldblum typischer Scherz ist. Denn bei dem Ensemble handelt es sich keineswegs um ein von einer gestrengen Dirigentin angeführtes Tanzorchester, sondern um die Jazzcombo, mit der der Pianist seit den 1990er Jahren regelmäßig im Rockwell Table & Stage-Club in Los Angeles auftritt. „Eigentlich hatten wir nie einen Namen, weil wir unterhalb des Radars bleiben wollten“, so Goldblum, „aber als uns das Playboy Jazz Festival zu einem Konzert in der Hollywood Bowl einlud, musste irgendetwas im Programmheft stehen. Dieser Name fiel mir als Erstes ein.“ Mildred Snitzer war eine gute Familienfreundin der Goldblums, die über 100 Jahre alt wurde. „Eine bemerkenswerte Frau, die ihrer Zeit voraus war“, erinnert sich der Schauspieler.
Mit seinem Mildred Snitzer Orchestra dreht Jeff Goldblum, der am 21. November für ein Konzert in Berlin gastiert, die Uhr hingegen ein wenig zurück. In den Konzerten, die jeden Mittwoch im Rockwell stattfinden, so oft es der Terminplan des Filmstars erlaubt, geht es zu wie bei einer guten alten Varieté-Show. Goldblum macht als launiger Conferencier Späße mit seinem Publikum, es wird Essen serviert und ungezwungen der Musik gelauscht, die sich programmatisch von Duke Ellington über Thelonious Monk bis hin zu Herbie Hancock in seinen Hardbop-Tagen erstreckt. Genau diesen Geist wollte Produzent Larry Klein auch für das Album einfangen. „Er sagte: Ihr Jungs macht da wirklich etwas Besonderes, das ist echter Jazz, aber es erinnert mich an die Zeiten, als Jazzkonzerte noch gesellschaftliche Events waren, zu denen man ging, um Spaß zu haben“, berichtet Goldblum. Also wurden die legendären Columbia Studios angemietet, in denen schon Frank Sinatra oder Nat King Cole aufnahmen, und in ein gemütliches Kabarett mit Tischen und Stühlen verwandelt.
Klein brachte aber nicht nur die Idee für einen intimen Clubabend mit, sondern auch musikalische Gäste: die beiden Sängerinnen Imelda May und Haley Reinhart sowie Till Brönner. „Er ist spektakulär“, schwärmt Goldblum von dem Deutschen, „er ist wahrscheinlich der beste Trompeter der Welt.“ Der Schauspieler holte dann noch seine Kollegin Sarah Silverman mit ins Boot, und fertig war die perfekte Mischung für eine unterhaltsame Konzertstunde.
Auf „The Capitol Studio Sessions“ hört man nun gut geölt groovende Instrumentalnummern wie „Cantaloupe Island“ oder „Caravan“, Raritäten wie Charles Mingus‘ „Nostalgia In Times Square“ oder Stanley Turrentines „Don’t Mess With Mister T“ sowie Mitsingklassiker wie „My Baby Just Cares For Me“, „Straighten Up and Fly Right“ oder „Gee Baby (Ain‘t I Good To You)“. Das kann mal ein bisschen frivol sein, wenn die Sängerinnen den Mann am Klavier mit ihren lasziven Stimmen angurren, und sehr komisch, wenn sich Goldblum und Silverman bei „Me and My Shadow“ ein überdrehtes Gesangsduett liefern. Aber auch recht berührend, wie etwa in der Ballade „It Never Entered My Mind“, in der Goldblum Brönners fluffige Flügelhornschwelgereien mit einem feinsamtigen Piano-Fundament unterlegt. Überhaupt macht der Hollywoodstar seine Sache an den Tasten sehr ordentlich, er interagiert sensibel mit den Mitmusikern, wirft hier und da ein paar Monk-Akkordschrägheiten ins Geschehen und gibt sich auch als Solist keine nennenswerte Blöße. Das ist deutlich mehr als nur Liebhaberei.
Er habe sich als Teenager in einem Anfall von jugendlichem Übermut Gigs in Cocktail- Bars in und um Pittsburgh herum besorgt, aber nie eine Karriere als Musiker in Betracht gelegenzogen, erzählt Goldblum. Dafür war die Liebe zur Schauspielerei, die ihn schon im Alter von zehn Jahren ergriffen hatte, einfach zu übermächtig. Aber immer, wenn sich die Gelegenheit ergab, habe er seine Fähigkeiten als Pianist in Filmarbeiten einfließen lassen. Zuletzt in „Thor: Tag der Entscheidung“, in dem er als Fantasy-Bösewicht Grandmaster absurderweise auch mal am Klavier hockt. Der Blockbuster spielt übrigens auch eine wichtige Rolle für die Entstehung von Goldblums Debütalbum. Eigentlich sollte er in der Talkshow des Briten Graham Norton bloß Werbung für den Film machen, fand sich dann aber unversehens am Flügel wieder, wo er den Sänger Gregory Porter beim Stück „Mona Lisa“ begleitete. Die Verantwortlichen von Decca Records bekamen das mit – und die Idee für Goldblums Outing als Jazzmusiker war geboren.
Dass es überhaupt so weit kam, verdankt der Plattennovize einem berühmten Kollegen, der ihm einst zu einer seiner ersten Filmrollen verhalf: Woody Allen, der selbst bekanntermaßen regelmäßig die Klarinette in einem Tradjazz- Ensemble in New York bläst. „Ich habe früher manchmal mit meinem Schauspielerfreund Peter Weller gejammt, er spielt Trompete“, berichtet Goldblum, „er drehte damals einen Film mit Woody Allen und erzählte ihm von unseren musikalischen Treffen. Der riet ihm: Ihr solltet es so machen wie ich und euch eine wöchentliche Auftrittsmöglichkeit besorgen; das macht Spaß, und ihr werdet besser. So gesehen ist Woody Allen an allem schuld.“

Erscheint am 9. November:

„The Capitol Studio Sessions“ (CD oder 2 LPs)

Jeff Goldblum, The Mildred Snitzer Orchestra

Decca/Universal


Hollywoodstars und der Jazz

Neben Jeff Goldblum, Peter Weller („RoboCop“) und Woody Allen gibt es noch weitere Hollywoodstars der Gegenwart, die sich nebenberuflich Jazz, Blues und Artverwandtem verschrieben haben. Johnny Depp etwa ist ein talentierter Gitarrist, der in dem Film „Chocolat“ Django Reinhardts „Minor Swing“ fingerfertig zupfte. „Dr. House“ Hugh Laurie macht als Sänger und Pianist kein Geheimnis um seine Blues-Vorlieben. Die 80er-Jahre-Ikone Molly Ringwald („Pretty In Pink“) brachte 2013 als Sängerin ihr Jazz-Debütalbum „Except Sometimes“ auf Concord Records heraus, während Jeff Bridges countrylastiger Plattenerstling 2011 vom legendären Jazzlabel Blue Note veröffentlicht wurde.


Josef Engels, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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