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(c) Edouard Bressy

Jean Rondeau

Nichts geschönt

Ob die spanische Königin María Barbara wohl vor Schreck in Ohnmacht gefallen wäre, wenn sie die Sonaten ihres Klavierlehrers Domenico Scarlatti (1685 – 1757) in Jean Rondeaus Interpretation gehört hätte? In jedem Fall hätte sie zuvor den Brief lesen sollen, den ihr der Cembalist in Scarlattis Namen geschrieben und im Booklet seines neuen Albums veröffentlicht hat. Hier schildert er, warum die Begriffe Improvisation, Komposition und Interpretation eine Einheit für ihn bilden und dass er sich selbst vor allem als Erzähler von Geschichten sieht. Keine Frage, dass es dabei auch mal wild und sprunghaft zugehen kann. Trotzdem hält sich der Erzähler immer an den vorgegebenen Text, es kann nur manchmal vorkommen, dass er einzelne Wörter eigenwillig betont. Oder zumindest so, wie man es von anderen nicht gewohnt ist.
„Mir geht es immer um absolute Ehrlichkeit in dem, was ich umsetzen will“, sagt der 27-jährige Franzose, der neben dem Cembalo auch an der Orgel, im Jazz und in der Filmmusik zu Hause ist. Dazu gehört es, die Idee einer Komposition nicht zurecht zu bürsten, sondern ihre Unmittelbarkeit herauszustellen. Sein Vorgehen gleicht einer Art „Method Acting“ für Musiker: Um sich Musik wirklich einverleiben zu können, muss er zunächst in die Rolle ihres Schöpfers eintauchen. Mit Polarforscherbart und wilder Haarpracht hält sich Rondeaus Nähe zum glattrasierten Scarlatti zwar optisch in Grenzen. In seiner interpretatorischen Unverwechselbarkeit kommt er dafür umso mehr dem Originalitätsrausch nahe, in dem sich das Barock- Genie Klaviersonate um Klaviersonate abrang.
Wer von Horowitz bis zum früh verstorbenen Scott Ross die großen klassischen Scarlatti-Interpreten auf Flügel oder Cembalo im Ohr hat, dürfte Rondeaus Aufnahmen ziemlich ungewöhnlich finden. Die Eigenwilligkeit rührt jedoch, wie man bald ahnt, weniger vom Interpreten her als vom Komponisten. Diesem unterstellt man oft genug, das Verdienst seiner Werke läge hauptsächlich darin, dass sie an die Musik späterer Kollegen erinnere. In Rondeaus Lesart fällt der Zwang, sich ständig an etwas erinnert zu fühlen, weg. Alles wirkt wie herausgerissen aus dem ewigen Kontext, der sich Aufführungstradition nennt. Wo etwa Emil Gilels die d-Moll-Sonate K 141 wie einen Minutenwalzer von Chopin abperlen lässt, klingt das Stück hier mit seinen harten Repetitionen wie frisch aus der Laborküche für experimentelle Klänge. „Cembalo zu spielen ist so etwas wie die Entschlüsselung einer alten Sprache“, sagt Rondeau, ein Forscher nach dem Urlaut, nach der Urintention des Komponisten. Freilich gibt ihm das Cembalo, hier der Nachbau eines deutschen Instruments aus dem frühen 18. Jahrhundert, klangliche Möglichkeiten, über die der Flügel mit seiner schnöden Weichheit nicht verfügt. Im Kampf mit der Mechanik dieses so klangfarbenreichen Instruments gibt es keine Versteckmöglichkeiten. Jean Rondeau wäre sicher auch der letzte, der sie gesucht hätte.

Neu erschienen:

Domenico Scarlatti

Sonaten

Jean Rondeau

Erato/Warner

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 5 / 2018



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