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Jacke wie Hose? Musikerinnen fordern Freiheit in der Kleiderwahl (c) pixabay.com

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Kleider machen Musiker

Solisten haben es gut. Sie dürfen im Grunde alles anziehen, was ihr Designer-Kleiderschrank hergibt oder der exquisite Geschmack verlangt. Anne-Sophie Mutter mag die klassische, wenngleich nicht bis unters Kinn züchtig hochgeschlossene Edelgarderobe. Das komplette Gegenteil ist der chinesische Tastenfloh Yuja Wang, die ihre Körpergröße von geschätzten 1,50 Meter schon mal mit gefährlich hohen Stöckelschuhen aufbockt. Und wenn sie sich in ihrem Ultra-Mini ans Klavier setzt, zieht sie die Blicke zunächst auf ihre nun überlang wirkenden Beine und erst dann auf ihre pfeilschnellen Finger. Solche Hingucker gibt es aber natürlich auch beim modeüberbewussten Mann. Stichwort: Organist Cameron „Swarosvki-Blingbling“ Carpenter. Oder der Engländer Charlie Siem, der nicht nur auf dem Griffbrett Bella Figura macht, sondern nebenbei für Karl Lagerfeld und Vivienne Westwood modelt.
Was bei den Solisten-Stars an vorderster Konzertparkett-Kante möglich ist, ist aber in der Musikermasse namens „Orchester“ ein absolutes Tabu. Schließlich will man bereits anhand der Kleidung signalisieren, dass hier ein hundertköpfiges Ensemble an einem Strang zieht. Weshalb jede modische Extravaganz sofort einen strafenden Blick von den Kollegen auslöst und das Orchestermitglied danach zum Rapport in die Chefetage befördern würde.
Bei deutschen Orchester sorgt daher der Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern vom 31. Oktober 2009 für ein gewisses Maß an Uniformität. Unter Paragraf 28 steht haargenau beschrieben, wie sich Orchestermusiker zu kleiden haben: „(1) Der Musiker hat bei den Aufführungen dunkle Kleidung zu tragen. Soweit zwischen dem Arbeitgeber und dem Orchestervorstand nichts anderes vereinbart ist, gilt als dunkle Kleidung:
a) bei den Musikern schwarzer oder dunkelblauer Anzug (Jacke und Hose aus demselben Stoff), weißes Hemd, Krawatte, schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe,
b) bei den Musikerinnen schwarzes oder dunkelblaues, mindestens knielanges Kleid, schwarzer oder dunkelblauer Hosenanzug
(Jacke und Hose aus demselben Stoff), bzw. entsprechendes Kostüm, schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe.“
So weit, so genau geregelt. Wobei man dem Passus für die Musikerinnen schon entnehmen kann, dass Frauen lange nicht mehr nur in Röcken oder Kleidern aufspielen müssen, sondern sich stattdessen auch für ein schmuckes Beinkleid entscheiden dürfen. Diese Entscheidungsfreiheit ist im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit – könnte man vermuten. Denn es gibt immer noch auf der Erde manche Orte, an denen Musikerinnen auch modisch um die Gleichberechtigung ringen müssen. „Die Frauen unter den Philharmonikern können alles spielen“, so jüngst die „New York Times“. „Nur nicht in Hosen.“ Gemünzt war diese Feststellung auf die guten alten Gepflogenheiten bei den New Yorker Philharmonikern, ihre weiblichen Mitglieder nur in absoluten Ausnahmefällen in Hosen aufspielen zu lassen. Die haben aber nun laut die Stimme erhoben und fordern die kleiderordnende Befreiung. Die Zeichen für eine Zeitenwende stehen dabei gar nicht schlecht. Denn neben dem neuen Chefdirigenten Jaap van Zweden ist es die erst gerade inthronisierte Präsidentin Deborah Borda, die vermutlich auf der Seite ihrer Musikerinnen steht. Doch wie Borda in der jetzt aufgeflammten Diskussion zugeben musste, gibt es da noch eine Gruppe, die man keinesfalls vor den Kopf stoßen möchte. Es sind die reichen Spender der New Yorker Philharmoniker, die von Hause aus eher konservativ sind.

Guido Fischer



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