home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Startseite · Klartext · Pasticcio

Dem Goldkopf fehlt die Silbertolle (c) Stocksnap/pixabay.com

Pasticcio

Maestro ohne Herz und Hirn!

Der Roboter als praktische Haushaltshilfe, die staubsaugt und den Rasen mäht, ist schon lange kein Hirngespinst mehr. Auch wenn es hier und da immer noch am entsprechenden Feintuning mangelt. Doch auch in der Musik ist die Maschine nicht mehr wegzudenken. Man erinnere sich nur an Jacques Offenbachs „Olympia“, an Conlon Nancarrows Selbstspielklavier-Wahnsinn oder an die elektronischen Klangmanifeste eines Stockhausen. Nun aber droht im Musikbetrieb eine ganze Berufsgruppe auszusterben. Denn Roboter haben das Dirigieren gelernt, wie man jetzt seit einem etwas anderen Verdi-Abend weiß. Im italienischen Pisa hatte man im Rahmen eines internationalen Robotik-Festivals ein Konzert mit dem Philharmonischen Orchester von Lucca anberaumt – mit Andrea Bocelli als Stargast. Der Tenor schmetterte den Verdi-Dauerbrenner „La donna é mobile“ – doch dirigiert wurde das Ganze von einem Roboter, der auf die Modellbezeichnung „YuMi“ hört. Der schneeweiße Kasten mit seinen Technik-Ärmchen wurde von einer Schweizer Firma entwickelt und konstruiert. Und um nun den sieben Minuten langen Verdi-Knaller dirigieren zu können, brauchte es ganze 17 Stunden, um YuMi entsprechend zu programmieren. Als Pate stand dafür der echte Dirigent Andrea Colombini parat, dessen Gesten der Roboter nachahmte. „YuMi ist sehr flexibel, er kann jedoch die Sensibilität eines menschlichen Dirigenten nicht ersetzen. Vor allem kann er nicht improvisieren oder sich auf die Musiker einstellen“, so der bestimmt auch etwas erleichterte Colombini. „Es ist nur ein Arm, kein Hirn, kein Herz.“ Was außerdem wohl noch der Serienreife im Wege stehen dürfte, ist YuMis fehlende Aura und Magie, von der sich das Publikum packen lassen könnte. Dieses Ding kann schließlich weder hochhüpfen wie einst Lenny Bernstein, noch besitzt es die fotogene Silbertolle eines Karajan oder den einnehmenden Charme eines Simon Rattle.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Blind gehört

Zuletzt erschienen:

Marlis Petersen: „Mozart, der alte Rocker!“

zum Artikel

Pasticcio

Die Hauptstadt erwacht – mit Abstand

Es war eine Meldung, die Hoffnung machte. Im Juli konnte man tatsächlich lesen, dass im Gegensatz […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top