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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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(c) Julien Mignot/harmonia mundi

Antoine Tamestit

Großartig bei Stimme

Auf dem Album „Bel canto“ lässt der Bratschist sein Instrument herzzerreißend schön singen. Pate dafür stand auch Maria Callas, wie er im Interview verriet.

RONDO: Nach Ihrer Schubert-CD mit Arrangements von Liedern ist „Bel canto“ jetzt Ihre zweite Einspielung, die eine Art Hommage an die menschliche Singstimme ist. Woher stammt diese Lust, auf der Bratsche zu singen?

Antoine Tamestit: Im Grunde bin ich sogar ein wenig besessen vom Singen. Angefangen hat alles, als ich an der Yale University bei Jesse Levine studierte. Von ihm habe ich neben dem natürlichen Vibrato vor allem das für den gesungenen Ton nötige Legato gelernt. Später dann habe ich viele Jahre mit dem wundervollen Pianisten Markus Hadulla zusammen gespielt, der sich besonders mit der Kunst des Liedes beschäftigt hat. Seine Sichtweise auf die Musik, aber auch die vielen Liedernotenhefte, die damals auf seinem Klavier lagen, haben mich sehr geprägt. Und in dieser Zeit bin ich geradezu solchen Liedsängern wie Dietrich Fischer-Dieskau und Fritz Wunderlich verfallen …

RONDO: Bei welchen Sängern von heute werden Sie dagegen schwach?

Tamestit: Auf jeden Fall bei Matthias Goerne und Renée Fleming. Zudem bin ich ja auch noch mit einer Sängerin verheiratet! Ich versuche mich von diesem Klang inspirieren zu lassen, der einfach ganz natürlich aus dem Körper heraus entsteht. Dazu gehört dieses endlose Legato und dieses bedeutsame Atmen zwischen einzelnen Phrasen.

RONDO: Gleich mit dem Eröffnungsstück von „Bel canto“ sorgen Sie für eine kleine Überraschung – nämlich mit einer Bratschensonate von Henri Vieuxtemps, den wir doch eigentlich als Geigenvirtuose abgespeichert haben.

Tamestit: Natürlich war er ein berühmter Violinist. Aber im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, zu denen immerhin kein Geringerer als Paganini gehörte, hat Vieuxtemps auch die Viola gespielt und sie vehement verteidigt. Und nicht zuletzt ist seine Bratschensonate einfach wie maßgeschneidert für dieses Instrument. Sie umfasst das gesamte Spektrum, angefangen von der wunderbaren Tiefe auf der C-Saite bis hinauf zum Gesang auf der hohen ASaite. Und allein schon der noble, poetische Beginn des 1. Satzes sowie der nostalgische 2. Satz mit seiner berührenden Melodie machen das Stück für mich zu einem Meisterwerk des gesamten Bratschen-Repertoires.

RONDO: Neben Vieuxtemps gibt es auf „Bel canto“ mit Casimir Ney und Jacques-Féréol Mazas noch weitere französische Romantiker zu entdecken. Außerdem spielen Sie für Bratsche und Klavier arrangierte Opernhits von Donizetti und Bellini. Welche Idee steckt hinter dem Programm?

Tamestit: Speziell ein weiteres „Capriccio“ von Vieuxtemps sowie „Le songe“ von Jacques-Féréol Mazas, das ich bereits am Pariser Konservatorium als 16-Jähriger gespielt habe, machten mir noch mal klar, welche Bedeutung die große Oper vor allem auf das Paris des 19. Jahrhunderts ausgeübt hat. All die Instrumentalstücke sind vom Stil des Belcanto und seiner Virtuosität inspiriert.

RONDO: Welche Rolle hat überhaupt gerade die italienische Oper für Sie gespielt?

Tamestit: Ich habe sie auch während meiner Zeit in Yale für mich entdeckt. Aber im Grunde interessierte ich mich da für alle Opern, auch für die deutschen. Außerdem gab es da ja noch diesen französischen Kinofilm „Diva“, den ich mal als Teenager gesehen hatte. Da taucht eben auch die berühmte Arie aus „Norma“ auf. Und seitdem ist sie in meinem Kopf. Daher habe ich jetzt „Casta Diva“ für „Bel canto“ arrangiert. Wobei ich eigentlich nur die Gesangslinie spiele. Was mich dabei aber auch überrascht hat, sind die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen dieser Arie und der ebenfalls aufgenommenen „Élégie“ von Vieuxtemps.

RONDO: Haben Sie sich gerade für den italienischen Teil der CD musikalisch besonders vorbereitet bzw. eingestimmt?

Tamestit: Tatsächlich – und zwar mit Aufnahmen speziell von Maria Callas, Joan Sutherland und Nathalie Dessay.

RONDO: Auf „Bel canto“ werden Sie am Klavier von Cédric Tiberghien begleitet. Ihre erste Zusammenarbeit?

Tamestit: Wir geben seit vielen Jahren immer wieder Konzerte – obwohl wir im Grunde schon viel länger miteinander befreundet sind. Diese persönliche Bindung macht daher auch unser Spiel so einzigartig. Ich bin immer wieder berührt von Cédrics musikalischem Feingefühl und seiner großen Ausstrahlung. Was soll ich sagen: Ich hätte mir keinen besseren Partner und Musiker für dieses Projekt vorstellen können.

Neu erschienen:

Henri Vieuxtemps, Gaetano Donizetti u.a.

Bel canto. The Voice Of Viola

Antoine Tamestit, Cédric Tiberghien

harmonia mundi

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Ganz schön Alt

Eigentlich wollte der 1979 in Paris geborene Antoine Tamestit sofort die Geige gegen das Cello eintauschen, nachdem er im Alter von 10 Jahren die Bach-Suiten gehört hatte. Aber seine damalige Violinlehrerin spielte ihrem Schützling eine Bratsche vor. Und Tamestit war hellauf begeistert. „Nach wenigen Tagen spannte ich Bratschensaiten auf meine kleine Violine, die jetzt so tief klang, dass ich ihr Vibrieren im ganzen Körper spürte.“ Heute hat der ehemalige Student von u.a. Tabea Zimmermann das Glück, als Dauerleihgabe die vielleicht wertvollste Viola der Welt zu spielen. Es ist die 1672 von Stradivari gebaute „Mahler“-Bratsche, auf der Monsieur u.a. Violinkonzerte von Jörg Widmann und Olga Neuwirth uraufgeführt hat.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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