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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Pierre Boulez

Grande finale du disque

Altmeister Pierre Boulez vollendet seinen vielbeachteten Mahlerzyklus mit der Neueinspielung der 8. Sinfonie. Jürgen Otten war für RONDO bei den Aufnahmesitzungen dabei und pilgerte eigens in die Jesus-Christus-Kirche, das für seine Akustik hoch geschätzte Gotteshaus in Berlin Dahlem.

Es gibt diese Tage. Tage, die wie geschaffen sind für die Kunst. Tage wie diese im Mai 2007. Ätherisches Licht, da wie dort. Vor der Dahlemer Jesus-Christus- Kirche scheint aus azurblauem Himmel machtvoll die Sonne über Berlin. Drinnen, in einem der akustisch beeindruckendsten Räume Europas, strahlt gleichsam göttliche Allmacht. »Veni creator spiritus« schallt es aus Hunderten von Kehlen. Die Orgel brummt, das Orchester dröhnt, es droht die Überschwemmung durch Klangmassen. Wer jetzt nicht augenblicklich gläubig wird, ist verloren.
Und gewiss wären es auch all jene der hier versammelten rund 300 Musiker, die sich an diesem Vormittag erst nach der anberaumten Zeit auf ihrem vorgesehenen Platz einfinden würden. Denn wenn Pierre Boulez eines nie mochte, dann ist das fehlende Präzision. In der Musik, außerhalb der Musik. Alle Beteiligten wissen es. Also kann die Aufnahmesitzung für Mahlers »Sinfonie der Tausend«, wie sie etwas übertrieben genannt wird, pünktlich beginnen. 80 Mikrofone hören mit. Und der Aufnahmeleiter. Ein Vollprofi.
Er hat die Oberaufsicht über ein außergewöhnliches Werk, das einen außergewöhnlichen Zyklus beschließt. Die Achte, Tongemälde mit nachgerade titanischen Ausmaßen, fehlte noch in Boulez’ Plattensammlung. Und da in der Staatsoper kurz zuvor ohnehin die Mahleriana ausgebrochen war, dachte man sich bei der zuständigen Plattenfirma wohl: Wir nutzen die Chance. Auch wenn es, wie man so schön (und semantisch unrichtig) sagt, ein »rabenteures« Projekt ist. Was es in der Tat war.
Boulez interessiert das natürlich von Herzen wenig. Er will die Vollendung seines Mahlerzyklus. Und ob Zufall, Schicksal oder göttliche Fügung: Die Achte eignet sich vortrefflich als Pièce für das Grande finale du disque, hielt doch ihr Schöpfer selbst das Opus Magnum für das Vollkommenste, was er je zu Papier gebracht hat. Boulez weiß dies zu würdigen, seine Interpretation vermeidet jede pompöse Geste, jeden Kitsch, jede unnötige Spielerei. Und er hat sich, wie es seine Art ist, so perfekt vorbereitet, dass jetzt, in Gottes Haus, alle Beteiligten so gut präpariert sind und so weit vorne auf der Stuhlkante sitzen, dass der Dirigent fast durchspielen und durchsingen lassen kann. Sein Aufnahmeleiter bestätigt dies: Das berühmte Telefon klingelt auffällig selten. Und dann auch nur wegen einiger Kleinigkeiten. Ein Auftakt war nicht markant genug, eine Trompete zu leise, ein Choreinsatz unentschlossen in der Artikulation. Kaum der Rede wert.
Schon der alte Karajan verband die Plattenproduktion nur allzu gern mit dem Ereignis im Konzertsaal. Wer das ehrenrührig finden will, mag es tun: Der Qualität einer jeden Aufnahme indes hat solche Bündelung noch selten geschadet. Dies gilt auch für Boulez’ Lesart der Achten. Sie wirkt wie eine Beglaubigung dessen, was sein Festtagedirigat als interpretatorische Einsicht behauptet hat: Boulez wählt in beiden Fällen einen kompromisslos analytischen Weg durch das Dickicht der Sinfonie mit ihren zahllosen Konnotationen und Allusionen; es ist der Weg der Durchdringung.
In der Kirche wird jetzt nur noch gefeilt. Die Aufnahme bietet Boulez die Möglichkeit, noch in den letzten Winkel der Partitur hineinzuleuchten. Mal tut er es mit Luzidität, mal mit (kontrollierter) Energie. Mal mit feiner Feder, mal mit dem Schwert; in Mahler ist ja stets beides enthalten. Und darin, in dieser kaum aufzulösenden Zerrissenheit, ist er der legitime Nachfolger Schuberts. Boulez scheint das zu wissen. Doch wäre es wohl zu viel von ihm verlangt, wenn er jetzt auch noch anfinge zu strahlen wie die Sonne oder gleich wie der liebe Gott.

Neu erschienen:

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 8

Twyla Robinson, Erin Wall, Michelle DeYoung, Simone Schröder, Staatskapelle Berlin, Pierre Boulez

DG/Universal

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Jürgen Otten, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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