Als „imaginäres Oratorium“ und als „Orchester-Kantate“ wurde Gustav Mahlers 8. Sinfonie immer wieder bezeichnet, da der Komponist in ihr wie in keiner anderen seiner Sinfonien die menschliche Stimme als Sprachrohr höherer Mächte einsetzt. Gleich acht Solisten sowie mehrere Chöre bilden da eine mächtige Vokalwand, gegen die immerhin eine riesige Batterie an Orchestermusikern erst einmal anspielen muss. Für Adorno hatte Mahler mit dieser „sinfonischen Schwarte“ zwar damit all seine Versuche geopfert, dem irdisch Zerrissenen anhand von volksmusikalischen Zitaten Kontur zu geben. Doch wenngleich all die Märsche, Ländler und Kuhglocken 1910 dem mit einem satten Orgelklang eröffneten Pfingsthymnus „Veni, creator spiritus“ Platz machten mussten – auch über 100 Jahre nach der Erstaufführung kann dieses Riesen-Credo als ein Klangpanorama mitreißen, das sich mit seinen Wagner- und Strauss-Infusionen freilich bisweilen gefährlich nah am edelromantischen Kitsch bewegt.
Nun sind zwei Neuaufnahmen der Achten mit Orchestern erschienen, die eine besondere Beziehung zu diesem Opus magnum besitzen. Die Münchner Philharmoniker waren es bekanntlich, die 1910 das Werk aus der Taufe gehoben haben. Im Jahr 1916 übernahm dann das von Leopold Stokowski geleitete Philadelphia Orchestra die amerikanische Premiere. Beim Live-Mitschnitt hundert Jahre später stand jetzt Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin am Pult des Philadelphia Orchestras. Und die in Paris mitgeschnittene Aufführung mit den Münchner Philharmonikern übernahm selbstverständlich mit Valery Gergiev ebenfalls der Chef höchstpersönlich.
Der Unterschied zwischen beiden Einspielungen spiegelt sich sogleich im Klangbild wider. Während die Münchner in voller Pracht, brillant gestaffelt und mit entsprechender Tiefenschärfe rüberkommen, zeigt sich der Phil-Sound gerade im Opulenten erstaunlich unkonturiert. Genau das wirkt sich dann auch auf die jeweilige Textverständlichkeit gerade bei den Solisten aus. Aber selbst von der phänomenalen Durchdringung, Durchleuchtung und Präsentation der Gesamtarchitektur her liegen die Vorteile klar bei den Münchnern. Gergiev verleiht diesem sinfonischen Monstrum eine sensationelle Passform in chorischer Artikulation und orchestraler Transparenz. Gleichzeitig ist man erstaunt, welche Farben der Expressivität und auch des Resignativen es bei Mahler noch zu entdecken gibt. So „russisch“ dämonisch und leidvoll, fast wie ein Klagegesang von Modest Mussorgski, hat man selbst den Eingangschor „Waldung, sie schwankt heran“ des „Faust“-Teils selten gehört. Yannick Nézet-Séguin braucht hingegen für diesen eigentlich kurzen Satz mehr als eine Minute länger. Was sich dementsprechend im zerdehnten Fluss des Mahlerschen Tons widerspiegelt. Vieles bekommt dadurch diese sentimentale Schlagseite, die an das amerikanische Mahler-Bild eines Leonard Bernstein erinnert. Diese Form des großen Gefühls weiß Nézet-Séguin immerhin mit seinem Riesenteam klangkulinarisch erstklassig umzusetzen. In die Tiefe hingegen geht Gergievs Mahler.

Guido Fischer, 08.02.2020




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