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Weihnachts-Neuheiten

Alle Jahre bieder?

Chorsatz, Barockensemble oder Weihnachtsalbum der Stars – was man sich rund um’s Fest auf den Plattenteller legen möchte, ist Geschmackssache. Doch auch dieses Jahr finden sich ein paar lohnenswerte Sternchen darunter.

Selten empfindet man die letzten Zuckungen des bürgerlichen Musikbegriffs stärker als in den Gegensätzen, die die CD-Neuheiten vor allem der Weihnachtszeit jedes Jahr zu klammern versuchen – zwischen verklärtem Kitsch, Alter Musik und dem verzweifelten Versuch der verkaufsträchtigen Neuschöpfung.
Doch wie auch immer man jene Wochen erlebt, in der Entscheidung, mit welchen Klängen wir uns die Weihnachtszeit möblieren, sind wir nur unserem Geschmack verpflichtet. Manche ernsthaften Sammler suchen vielleicht nach Repertoireerweiterungen und freuen sich über barocke Weihnachtsmusik rarer Komponisten? Andere haben nur ein Stündchen Muße beim Kaffee und wünschen sich ein Album, das mit Weihnachtsliedern Stimmung aufkommen lässt, die durch moderne Arrangements vom muffigen Beigeschmack des Adventsvorspiels befreit ist. Und wieder andere sehnen sich nach einem eigenen Zugang zum Weihnachtsfest, nach Winterklarheit und Wesentlichkeit. Und auch ihnen kann geholfen werden.
Fangen wir bei der Alten Musik an: Einen beschaulichen Rundgang durch barocke Chorsätze des 17. Jahrhunderts bietet der Kammerchor der Dresdner Frauenkirche unter Kantor Matthias Grünert, in Solosätzen mit Spitzlichtern der Sopranistin Dorothee Mields veziert. Auch wenn der Chor nicht so fokussiert singt und präzise intoniert wie die Profi- Rundfunkchöre, ist das Ergebnis doch recht charmant. Mitreißend ist hingegen schon der Einstieg, mit dem das Vocalensemble Rastatt unter Holger Speck den Hörer empfängt: Hammerschmidts „Freude, Freude, große Freude“ erinnert wieder daran, dass die oft herbeizitierte „Besinnlichkeit“ erst durch die Familienweihnacht des Biedermeier eingeführt wurde. Im Barock durfte man es noch krachen lassen, wie hier: Prall musizierte Chorsätze, die die Staffelung von Favorit- und Kapellchor voll auskosten, dazu ein beherzt zupackendes Instrumentalensemble – so muss Weihnachten klingen. Ganz auf Motetten, Choralsätze und eine Messe Hans Leo Hasslers vertraut das Peñalosa Ensemble. Doch so schön und leichtfüßig die auch vorgetragen sind: Die Beschränkung auf die vier Sängerinnen und Sänger erzeugt auch bei Menschen guten Willens irgendwann den Wunsch nach Abwechslung. Das ist eine der leichtesten Übungen für die Lautten Compagney Berlin unter Wolfgang Katschner, die man guten Gewissens als ein Ensemble bezeichnen kann, das im besten Sinne aus der Praxis kommt. Gemeinsam mit Paul Agnew und (ein weiteres Mal) Dorothee Mields entfachen sie auf Basis von Choralkonzerten des 17. Jahrhunderts einen wahren Budenzauber weihnachtlicher Klänge. Das „Puer natus in Bethlehem“ klingt hier noch wirklich nach der sprichwörtlichen „Frohen Botschaft“, die aufgeregt zu trockener Ledertrommel verkündet wird. Und wenn das Ensemble im tutti dann mit Praetorius den leuchtenden Morgenstern preist, lassen sie ihn in allen Instrumentalfarben schimmern und prangen.

Klassische Choralben

Im Bereich des klassischen Choralbums werfen sich gleich drei deutsche Chöre in die Brust, deren CDs alle ein ähnlicher Programmansatz eint: Die Schlachtschiffe der Weihnachts- Chorliteratur von Praetorius, Eccard, Mendelssohn und Brahms aufzubrechen mit schon klassischer Moderne. So auch der RIAS Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann, über dessen überragende Balance, Intonation und Beweglichkeit man immer wieder in’s Schwärmen gerät. Der Chor schließt damit die letzten Lücken seiner Weihnachts- CD mit Werken der Romantik (unter Uwe Gronostay, 2002 – demselben Jahr also, in dem Rademann viele dieser Chorsätze schon mit seinem Dresdner Kammerchor vorlegte) – eine gelungene Ergänzung. Der Chor ist hier auch wieder berückend klar eingefangen, vor allem in direktem Vergleich zum Chor des Bayerischen Rundfunks unter Florian Helgath. Hier wird über alles so eine hehre Goldwatte gelegt, die dafür sorgt, dass man das Licht beim Anhören nicht zu sehr dimmen sollte. Beim Repertoire fischt Helgath in Vertrautem und Gestrigem, nur mit einem Abstecher zu Komponisten der neuen Innerlichkeit wie Eric Whiteacre gönnt er seinem Chor ein bisschen „Morgen-Luft“. Da lobt man sich das Orpheus Vokalensemble unter Michael Alber, die als einzige auch Chorsätze von Hugo Distler oder Alban Berg aufnehmen. Eine angenehm kühle Klarheit weht aus deren leichten Dissonanzen. Aus der Chorsparte lässt sich das Album „Veni Emmanuel“ des Choir of Clare College, Cambridge unter Graham Ross empfehlen. Es verbindet auf‘s Schönste die hohe Kunst englischer College-Chöre mit einem ganz erfrischenden Programm. Der Evening Service der Adventszeit gliedert sich durch die weihnachtlichen O-Antiphonen (O Sapientia, O Adonai) in strenger Gregorianik, auf die inhaltlich passend ausgewählte mehrstimmige Kompositionen von u.a. Rutter, Tavener, Howells und Warlock antworten. Das reinigt die Ohren! Eine schöne CD für musikalische Entdeckungsreisen. Ganz traditioneller geht hingegen der Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey zu Werke: da gibt es wirklich keine Überraschungen mehr. Aber es gibt ja auch Menschen, die müssen gerade zu Weihnachten und im Kreis der Familie auf den Blutdruck achten.

Da wird es so warm um’s Herz, dass jeder Pullover zu viel ist.

Apropos „Puls flach halten“ – da wenden wir uns doch mal dem vermischten Geschmack zu und finden eine CD, die in den ersten 3:30 Minuten schon so selige Ruhe verbreitet, als hätte man statt des Kaffeebechers zum Narkotikum gegriffen. Aber Spaß beiseite: Wer sich Silent Nights wünscht, der wird genau hier fündig. Samtige Streichertapete und ein Klavier, das die Weihnachtsmelodien wie nachdenklich umspielt. Da wird es so warm um’s Herz, dass jeder Pullover zu viel ist. Dass es auch anders geht, zeigt die Band Quadro Nuevo, die irgendwo zwischen Ethno und Ambient Jazz balanciert, kurz gesagt: Hackbrett trifft Saxophon. Dass das Album Bethlehem trotzdem Spaß macht und weihnachtlichen Swing hat, liegt daran, dass die vier Musiker traumwandlerisch stilsichere Profis sind.
Das Staralbum der Saison kommt diesmal von Albrecht Mayer, Oboist der Berliner Philharmoniker, der sich mit den King’s Singers zusammentat. Garbareks „Officium“ trifft Jingle Bells? Nicht ganz, herausgekommen ist mit Let it Snow! eher eine durchaus humorig gemeinte Rhapsodie zum Thema Winter. Mag auch etwas problematisch sein, dass die Oboe und die Counterstimmen sich durch ähnliche Register Konkurrenz machen, nahm man das eher als Herausforderung zum freien Experiment: Mal beschränkt sich Mayer auf Vor- und Zwischenspiele, mal legen sich ihm die King’s Singers leise summend zu Füßen und lassen ihn die herrlichsten Melodie entfalten. Das Ergebnis fällt sehr unterschiedlich aus, aber wir finden: Reinhören lohnt sich unterm Strich.
Nicht unerwähnt bleiben soll das Album Voice of Joy. Auch wenn wir wirklich, wirklich, wirklich bis zum Einzug ins Paradies gesättigt sind mit singenden Mönchen: Wenn der Franziskaner Alessandro mit Carreras- Portamenti seinen Sakro-Kitsch anstimmt und sogar den Tannenbaum ansingt, wirkt das erstaunlich glaubwürdig. So ein Tenor muss einfach Italiener sein.
Auch ein paar alte Bekannte seien abschließend empfohlen: Aus der Beschäftigung des (zwischen Wagner und Verdi etwas kurz gekommenen) Jubilars Benjamin Britten mit der englischen Knabenchortradition hat sich in der herb-schönen Ceremony of Carols – eines Weihnachtsliederzyklus nur zu Harfenbegleitung – niedergeschlagen. Jetzt wurde nochmal die mustergültige Einspielung des Choir of King’s College Cambridge unter Stephen Cleobury von 1991 mit versprengten weihnachtlichen Kompositionen wie „A Boy Was Born“ op.3 und Brittens Arrangement des Carols „The Holly and the Ivy“ wiederveröffentlicht. Ungeschlagen unter den Weihnachtsplatten ist aber die gerade zum Budget-Preis angebotene lutheranische Christmette zum Weihnachtsmorgen. Paul McCreesh und seine Gabrieli Consort & Players stellten sie aus Choralkonzerten von Michael Praetorius 1994 zusammen. So jubelnd mehrchörig wie im abschließenden „In dulci jubilo“, dabei auch instrumental farbenfroh mit Zinken und Posaunen, Pommern und Schalmeien, Violinen und Gamben und einem viergeteilten Continuo nebst kräftigem Orgelklang ist die Weihnachtsbotschaft auf CD nie wieder verkündet worden.

Berückender Barock:

Freue dich, du Tochter Zion

Bernius, Erb, Kobow, Vocalensemble Rastatt, Les Favorites, Speck

Carus/Note 1

Weihnachten in der Dresdner Frauenkirche

Kammerchor der Frauenkirche Dresden, Grünert

Sony

Hassler

In dulci jubilo

Peñalosa Ensemble

Carus/Note 1

Wie schön leuchtet der Morgenstern

Mields, Agnew, Lautten Compagney Berlin, Katschner

dhm/Sony

Cherubinische Chöre:

Weihnachten!

RIAS Kammerchor, Rademann

hm

Hört! Die Engelsboten singen

Chor des BR, Helgath

BR Klassik/Naxos

In dulci jubilo

Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey

Coviello/Note 1

Veni Emmanuel

Choir of Clare College, Cambridge

hm

Festlich vermischt:

Voice Of Joy

Friar Alessandro

Decca/Universal

Let It Snow!

Albrecht Mayer, The King’s Singers

DG/Universal

Bethlehem

Quadro Nuevo

GLM/Soulfood

Silent Nights

Royal Philharmonic Orchestra, Nigel Hess

DG/Universal

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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