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17. — 23. Februar 2018

Haifischmusik

Was für Gestalten! Bettler, Gauner, Huren und Ehrenmänner bilden das Personal in der „Dreigroschenoper“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht. In dieser Geschichte ist alles drin: Liebesgeschichte, Konflikte, Gewalt, Satire. Es sind zeitlose Themen, die über die Jahrhunderte nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Denn auch zwischen dem Theaterstück mit Musik „Dreigroschenoper“, uraufgeführt 1928 in Berlin, und der Vorlage dazu, John Gays „The Beggar`s Opera“ von 1728 liegen schließlich ganze zweihundert Jahre. Am 18. Februar feiert die „Dreigroschenoper“ in der Oper Halle Premiere, die Regie führt Henriette Hörnigk. Danach noch bis 17. Juni auf dem Spielplan.

(Fotos: Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel)


10. — 16. Februar 2018

Im ¾-Takt

Die Zeit rund um Fasching ist an vielen Häusern auch traditionell die Zeit der rauschenden Opernbälle – wie etwa in Wien, wo an der Staatsoper am 8. Februar der jährliche Opernball mit viel Pomp und Prominenz zelebriert wurde. Wer keine Lust hat, selbst das Tanzbein zu schwingen, der kann die Welt des „Opernballs“ auch als Operette auf sich wirken lassen – an der Volksoper Wien, wo Richard Heubergers „Opernball“ am 17. Februar Premiere feiert. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Ehepaar aus der Provinz ist auf Stadtbesuch in Paris. Die Männer, klischeehaft auf Abenteuer aus, werden von ihren Frauen auf die Probe gestellt – ob sie wohl treu bleiben? Die Operette entstand 1898, der Regisseur Axel Köhler, der an der Volksoper mit „Opernball“ sein Haus-Debüt gibt, verlegt die Handlung nun nach – natürlich! – Wien und zudem in die heutige Zeit.

(Fotos: Johannes Ifkovits, Barbara Pálffy/Volksoper Wien)


03. — 09. Februar 2018

Frauenpower

Nicht in München, nicht in Berlin, nicht in Frankfurt – nein, im kleinen Chemnitz will man es nun wissen und bringt im Jahr 2018 den gesamten „Ring“ neu heraus. Was für eine Mammutaufgabe für ein kleines Haus! Die Tetralogie startet mit dem Vorabend „Rheingold“ (Premiere am 3.2.), gefolgt von „Die Walküre“ (Premiere am 24.3.), „Siegfried“ (Premiere am 29.9.) und „Götterdämmerung“ (Premiere am 1.12.). Im nächsten Jahr dann gibt es drei Mal die Möglichkeit, den ganzen Ring in Chemnitz als Zyklus zu erleben. Ein besonderer Fokus dieses „Rings“, so heißt es im Vorfeld aus Chemnitz, liege auf der Frau. Denn von ihr gehen die zentralen Impulse in diesem Musikdrama aus: Erda wacht über die Weltenordnung, Frauen wie die Rheintöchter oder Brünnhilde bringen die Männer um den Verstand. Und nur eine wird schlussendlich das Göttergemetzel überleben: Gutrune. Die Frauen in dieser Tetralogie sind höchst unterschiedlich, verfolgen verschiedene Ziele, sind vielschichtig und komplex. Daher wird auch die Regie dieser Tetralogie nicht von einer Person geführt, sondern liegt in der Hand von vier Frauen: Verena Stoiber, Monique Wagemakers, Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler, die jeweils einen Teil des „Rings“ inszenieren. Die musikalische Leitung haben der neue Chemnitzer GMD Guillermo García Calvo und der erste Kapellmeister, Felix Bender. Toi Toi Toi für den Start dieses Großprojekts!

(Fotos: Kirsten Nijhof)


27. Januar — 02. Februar 2018

Jugend musiziert

Der Januar ist für viele Musikschullehrer und ihre Sprösslinge ein stressiger Monat: In den verschiedenen Bundesländern starten derzeit die Regionalausscheide von „Jugend musiziert“, dem größten Musikwettbewerb für den Nachwuchs. Jährlich treten dabei etwa 20.000 Teilnehmer gegeneinander an. Seit 1964 gibt es diesen jährlichen Wettstreit, der in drei Runden abläuft und der Nachwuchsförderung dienen soll: Die Besten aus den etwa 140 Regionalwettbewerben qualifizieren sich für die jeweiligen Landeswettbewerbe, die besten davon wiederum für den Bundeswettbewerb. Alle Kinder und Jugendliche, die das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet haben (bei Orgel und Gesang geht es sogar bis 27) und noch in keinem musikalischen Vollstudium oder in der Berufspraxis stehen, dürfen teilnehmen. Sie werden in verschiedene Altersgruppen eingeteilt, um Fairness zu gewährleisten. Und nicht nur Solisten sind hier gefragt, sondern ebenso wird die Kammermusik gefördert. Allerdings wechseln die Instrument- und Kammermusik-Kategorien sich in einem dreijährigen Turnus ab. Dieses Jahr sind u.a. die Blasinstrumente dran, außerdem Gitarre, Zither, Mandoline und Orgel. Toi Toi Toi für alle, die antreten!

(Foto: pixabay)


20. — 26. Januar 2018

Gefangen

Luigi Dallapiccolas „Il prigioniero“ – auf Deutsch: „Der Gefangene“ – ist ein drastischer Fall eines allein nicht überlebensfähigen Opern-Einakters. Denn seine existenziellen Dimensionen verlangen nach besonders starker Gesellschaft. An der Brüsseler Monnaie-Oper kombiniert Andrea Breth Dallapiccola nun mit Wolfgang Rihms „nächtlicher Szene“ „Das Gehege“ auf einen Text aus dem Schauspiel „Schlußchor“ von Botho Strauß. Kent Nagano hatte seinerzeit bei Rihm die 45-minütige Kurzoper als „Vorspiel“ zu Richard Strauss’ „Salome“ für die Münchener Staatsoper bestellt, wo es 2006 zur Uraufführung kam.
Beide Einakter kreisen jeweils auf ihre Weise um das Thema Gefangenschaft: Dallapiccola erzählt die Geschichte eines Gefangenen der spanischen Inquisition, dessen Wärter die Hoffnung auf Freiheit schürt, was sich jedoch als grausame Täuschung erweist, denn am Ende wartet doch der Scheiterhaufen. Die letzte Szene von Rihms Vorlage aus Strauß’ „Der Schlusschor“ dagegen spielt am Abend des Mauerfalls: Eine namenlose Frau macht im Zoo einem Adler erotische Avancen. Doch das Tier reagiert nicht auf die bizarren Absichten der Frau, sie schilt den Adler daraufhin „schlappes Wappen“, verhöhnt und zerfleischt ihn. Im historischen Kontext des Mauerfalls verweist der Adler unschwer aufs Deutsch-Nationale, aber während Strauß’ Textvorlage noch mehrdeutig schillert zwischen bizarrer Erotik und Lächerlichkeit, hat Rihm den Monolog ohne jede ironische Brechung zum bedeutungsschweren Drama überhöht. Darin ist er ganz einig mit Regisseurin Andrea Breth, die beide Opern ästhetisch eng verklammert.
Martin Zehetgruber hat an die Rückwand der Bühne massive dunkelgraue Granitwände gewuchtet. In Dallapiccolas „Il prigioniero“ ist es zunächst nur ein Käfig, in dem Georg Nigl als Gefangener alle Phasen der Folter zwischen Schmerz, Einsamkeit und irrlichternder Hoffnung durchleidet. Seine Mutter (Ángeles Blancas Gulín) ist zuerst bloß ein singender weißer Kopf in rabenschwarzer Nacht, später liegt sie regungslos auf dem Käfig. Auch die Wärter und der Gefangene verharren häufig in eingefrorenen Posen. Der Chor singt aus dem Off, so dass es auf der Bühne überwiegend leer bleibt, abgesehen davon, dass die Zahl der Käfige stetig wächst.
Noch mehr Käfige beherrschen dann die Bühne bei Rihms „Gehege“. Diesmal betrifft die Käfighaltung den rätselhaften Adler, den Breth in mehrfacher Verkörperung zeigt. Mal im Business-Anzug mit Vogelmaske, mal mit Gefieder am Ärmel. Ángeles Blancas Gulín ist nun die namenlose Frau mit dem fatalen Begehren, aber auch sie sitzt bisweilen in einem der Käfige.
Ansonsten bleibt Breth bei „Das Gehege“ bei der eingeführten Ästhetik: Die Gesten der Akteure frieren immer wieder ein, das Geschehen wird strukturiert durch längere Blacks, unterbrochen von Stroboskop-Gewittern. Manche Szenen sind von hinten beleuchtet, so dass pittoreske Scherenschnitt-Bilder entstehen. Ähnlich war Breth schon mit ihrer letzten Regiearbeit, Harold Pinters „Das Geburtstagsfest“ für die Salzburger Festspiele verfahren. Die Regisseurin fordert ihre Darsteller aufs Äußerste und schafft eine beklemmende Stimmung immerwährender Repression und Ausweglosigkeit. Wie immer bei Breth ist das handwerklich virtuos gearbeitet und minutiös ausgeführt.
Musikalisch ist der Doppelabend von atemberaubender Qualität auf Festspielniveau. Franck Ollu leitet das Monnaie-Orchester souverän, setzt auf zuspitzende Transparenz ohne plärrende Effekte, der Chor ist famos präpariert. Georg Nigl geht als Gefangener in jeder Hinsicht an seine Grenzen: Als überragender Darsteller ist er derzeit konkurrenzlos und setzt seinen anfangs noch balsamisch tönenden Bariton kompromisslos ein. Kaum nach steht ihm Ángeles Blancas Gulín, die in „Das Gehege“ alle Möglichkeiten ihres zugleich biegsamen dramatischen Soprans vom gehauchten Piano bis zur metallischen „Elektra“-Attacke ausreizt und selbst kopfunter hängend noch gebieterische Verführungs-Töne produziert.
Das alles ist insgesamt beeindruckend und enorm gut gemacht. Trotz der Perfektion aber zieht der Abend sich und bleibt in seiner gediegenen Abstraktion ein bisschen allgemein.

Regine Müller

(Fotos: B. Uhlig)


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