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24. — 30. Juni 2017

Wagner im Varieté

Der Schlusston ist gerade verklungen, da schimpft vom Rang eine empörte Stimme „lächerlich!“ in den Saal und drückt damit aus, was ein Teil des Publikums beim folgenden Schlussapplaus dem Regie-Team entgegen schleudern wird. Wer im „Rheingold“, dem mit in Düsseldorf exakt zweieinhalb Stunden kurzen Vorspiel der Tetralogie, bereits das ganze folgende Drama in seiner ganzen Schwere angelegt sehen will, muss tatsächlich enttäuscht sein von Dietrich W. Hilsdorfs Deutung, die Wagner demonstrativ leicht nimmt. Bereits vorab hatte der Regie-Altmeister zu Protokoll gegeben, dass er auf Abstand gehe zu Wagner, sich gegen das Gift der Musik mit der Lektüre von Börne und Zola geimpft habe und überhaupt die Wagner’sche Leitmotiv-Technik banal finde. Dergleichen hören Wagnerianer nicht gerne, Distanz zum Werk kann ja aber bekanntermaßen überaus fruchtbar sein, wie etwa Pierre Boulez im Graben bewies und zuletzt mit „Rheingold“ auch Frank Castorf, dessen Bayreuther Version eine brillante Trash-Orgie war.
An der Rheinoper rahmt Dieter Richters Bühnenbild das Portal mit einem Kranz von bunten Glühbirnen wie im Varieté, die beim Einzug der Götter nach Walhall putzig blinken. Und noch vor dem Vorspiel betritt Norbert Ernst als Loge im weinroten Frack als smarter Conférencier die Bühne, entzündet züngelnde Flammen in den bloßen Händen und zitiert Heinrich Heines berühmtes „Loreley“-Gedicht: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?“. Heinrich Heine in seiner Geburtsstadt Düsseldorf zu zitieren, ist alles andere als abwegig, zumal Heine Wagners Zeitgenosse war. Dann wiederholt Ernst aber das Wörtchen „es“ bedeutungsschwer und spielt damit auf das berühmte Es-Dur des folgenden Orchestervorspiels an, womit Hilsdorfs Distanz zum Werk Wagners mit dem Holzhammer verabreicht wird. Jaja, Heine spielt auf Wagners Antisemitismus an, und Es-Dur klingt bekanntlich das magische Ursuppen-Vorspiel.
Hilsdorf will nichts wissen von Aufführungstraditionen des „Ring“ – wobei Patrice Chéreaus „Jahrhundert-Ring“ deutliche Spuren in seiner Deutung hinterlassen hat –, aber auch nichts bewusst Neues, Anderes machen, sondern das tun, was viele vor ihm auch schon versuchten: Den Mythos dekonstruieren. Das gelingt ihm. Aber auf Kosten der Fallhöhe. Die Kapitalismus-Kritik ganzer Generationen von „Ring“-Deutern schwingt bei Hilsdorf nur subkutan mit, er konzentriert sich auf die psychologischen Spielchen im großbürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts.
Der öffnet sich hinter dem Varieté-Portal und könnte ebenso ein Bordell wie ein Warteraum der Villa Hügel sein. Auf der Rückfront flimmern weitgehend überflüssige Videos, auf der linken Seite führt eine steile Treppe ins Obergeschoss. Der Raum bleibt neutral und bildet auch die Kulisse für das unterirdische Nibelheim, wo krachend schwere Loren Teile der Türen mitreißen. Die Geschichte des Zwergs Alberich, der vergeblich um die Rheintöchter buhlt und der Liebe abschwört zugunsten des Goldes, und das Drama um Wotan, der sich Walhall bauen ließ und die Rechnung nicht bezahlen kann, erzählt Hilsdorf mit der Leichtigkeit eines Konversations-Stücks. Alberich (Michael Kraus) muss mit Hinkefuß und Buckel wie der Glöckner von Notre-Dame chargieren, die Rheintöchter erinnern an die Cancan-Tänzerinnen von Henri Toulouse-Lautrec. Wotan wird von Gattin Fricka im Rollstuhl herein gefahren, Erda platzt aus einem Rund-Sofa im Kostüm von Elisabeth I. heraus – samt roter Perücke, die sich dann Wotan grabscht –, die Riesen poltern in Zimmermannstracht herein, Freia trägt zuckersüßes Rosa, die Herren Froh und Donner Anzüge des 19. Jahrhunderts. Hilsdorf inszeniert psychologisch genau, zeichnet alltägliche, kleinformatige Charaktere. Das ist streckenweise amüsant, aber manches hängt durch und widerspricht der emotionalen Binnenspannung des Wagner-Stroms.
Musikalisch teilt Axel Kober im Graben Hilsdorfs Distanz und musiziert teils erhellend, teils öde geschäftlich und weitgehend immun gegen Wagners Rausch-Gefahr. In Reihe acht im Parkett klingt vieles ernüchternd trocken, man sehnt Hans Wallats sinnlichen, episch strömenden „Ring“-Ton zurück, manches dröhnt auch ärgerlich laut, wenig delikat, und die Nibelheim-Ambosse scheppern bloß heiser vom Band. Das Sänger-Ensemble ist allerdings ohne Abstriche famos: An der Spitze ist Norbert Ernst als Loge auch darstellerisch die reifste Figur auf der Bühne, Michael Kraus als Alberich klingt formidabel, muss aber arg karikieren, Simon Neal ist ein zunächst starker Wotan, der dann etwas abbaut, die stimmstarken Rheintöchter sind wie aus einem Guss, Cornel Frey hat einen fulminanten Auftritt, und den beiden großartig singenden Riesen Fasolt (Bogdan Talos) und Fafner (Thorsten Grümbel) hat Hilsdorf seinen ganzen differenzierenden Scharfsinn gewidmet.
Ein neuer „Ring“ an der Deutschen Oper am Rhein war überfällig. Das Zwei-Städte-Institut galt früher als „Bayreuth am Rhein“, hatte aber von dem letzten „Ring“ aus der Ära von Kurt Horres lange Zeit nur noch eine „Walküre“ im Repertoire. Nun darf man gespannt sein, wohin die Reise mit Hilsdorfs ausgenüchtertem „Ring“ gehen wird.

Regine Müller

(Fotos: Hans Jörg Michel)


17. — 23. Juni 2017

Britten im Marschland

Die Uraufführung von Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ muss in drangvoller Enge stattgefunden haben. Denn in der Jubilee-Hall von Aldeburgh standen damals Anno 1960 nur knapp 300 Sitzplätze zur Verfügung. Viel zu wenig auch für das stetig wachsende Festival, das Britten in dem rauen Küstenstädtchen in der englischen Grafschaft Suffolk bereits 1948 gegründet hatte. Doch statt ein neues Konzerthaus in Aldeburgh zu bauen, fanden Britten und sein Team eine damals noch völlig exotische Lösung für das Platzproblem: Der damalige Festival-Manager Stephen Reiss stieß auf der Suche nach Lagerräumen für die Bühnenbilder auf eine still gelegte Mälzerei im nahe gelegenen Snape. Weniger als ein Jahr dauerte es, bis aus dem viktorianischen Fabrikgebäude ein Konzertsaal wurde, der bis heute Maßstäbe setzt. Die Idee der Umnutzung stillgelegter Industriebauten war damals visionär, und bis heute ist Snape Maltings ein besonders geglücktes Beispiel dieser Umnutzungsidee. Der rustikale Charakter der ehemaligen Mälzerei ist noch spürbar, denn die Backsteinwände blieben erhalten, die Decke wurde durch eine spitz zulaufende Holzkonstruktion ersetzt. Das Fabrikdorf befindet sich zudem nicht in einer öden Industriebrache, sondern in idyllischer Marschlandschaft, in der das Publikum in der Pause auf Stegen durchs Schilfrohr lustwandelt.
Vor 50 Jahren wurde der Glücksort Snape Maltings mit der Premiere von „A Midsummer Night’s Dream“ eröffnet und anlässlich des runden Geburtstags gab es nun zur Eröffnung des Festivals eine Neuinszenierung.
Traditionell ist das sommerliche Britten-Festival kein Mekka für Fans von radikalen Regie-Lösungen. In Suffolk steht die musikalische Qualität im Vordergrund, und die ist erneut superb. Ryan Wigglesworth am Pult des Aldeburgh Festival Orchestra leuchtet Brittens fein gesponnene Partitur mit äußerster Delikatesse aus und nutzt die warme und höchst transparente Akustik des Saals optimal. Iestyn Davies’ biegsamer Countertenor gibt dem Oberon differenzierte Farben und angemessene Blasiertheit. Sophie Bevans leuchtend irisierender Sopran bewältigt die Tücken der Tytania-Partie mit Bravour, die Liebespaare sind rollendeckend und stimmlich famos besetzt, herausragend Matthew Rose als bodenständig burlesker Bottom, der aber niemals chargiert und Jack Lansbury als artistisch quecksilbriger Puck.
Regisseurin Netia Jones arbeitet auf der Bühne mit wenigen Requisiten: Ein Thespiskarren, eine Schaukel, ein Fahrrad, die Kostüme sind im 19. Jahrhundert zu verorten. Über die ganze Bühnenbreite ist eine transparente Leinwand gespannt, die mit Projektionen bespielt wird und zugleich durchsichtig bleibt für dahinter stattfindende Schattenspiele in Scherenschnitt-Optik. Die Projektionen zeigen Naturmotive wie zitternde Tautropfen in sonnenbeschienenen Spinnweben, sich öffnende Blüten in Nahsicht, aber auch Uhrwerke in rastloser Bewegung. Assoziationen an die Ästhetik der Stummfilm-Ära sind gewiss beabsichtigt und funktionieren Dank der Geschmackssicherheit der Regisseurin, ohne dass Kitsch-Alarm ausgelöst werden müsste. Die Personenführung ist souverän und schließt nahtlos an den authentisch britischen Wortwitz an. Großer Jubel für einen im besten Sinne zauberhaften Abend.

Regine Müller

(Fotos: Hugo Glendinning)


10. — 16. Juni 2017

Erde, Feuer, Wasser, Luft

Erde, Feuer, Wasser, Luft: Das Motto der diesjährigen Musikfestspiele Potsdam Sanssouci (9. bis 25. Juni) rückt die vier Elemente in den Fokus. In den Schlössern, Palais und Gärten Potsdams werden gut zwei Wochen lang die unterschiedlichen Elemente und ihre vielfältigen Verbindungen untereinander in den Konzertformaten erkundet – von der Sanssouci Jazznacht über eine spanische Barockoper bis hin zu Fahrradkonzerten und Hausmusiken. Die über 80 Konzerte bestreiten Künstler aus 23 Ländern, darunter der Balthasar-Neumann-Chor und das Balthasar-Neumann-Ensemble (Eröffnungskonzert am 9.6.), das Deutsche Filmorchester Babelsberg und Concerto Copenhagen. Das Gesamtprogramm wurde von Andrea Palent und Jelle Dierickx konzipiert. Zum Abschluss gibt es am 25. Juni nach dem Konzert das traditionelle Feuerwerk über dem Schloss Sanssouci.

Mehr Informationen und Tickets gibt es auf www.musikfestspiele-potsdam.de.

(Foto: Stefan Gloede)


03. — 09. Juni 2017

Auf der Zielgeraden

Der Sommer ist da und mit ihm – demnächst – die Saisonpause, in der sich das Musikleben traditionell von den Opern- und Konzerthäusern ganz auf die großen Musikfestivals verlagert. Derzeit setzen die vielen Opernhäuser hierzulande zu einem letzten großen Endspurt an. In München begann man diesen mit einer Neuproduktion von Wagners „Tannhäuser“ mit Kirill Petrenko und in der Regie von Romeo Castellucci, bevor am 1. Juli die allerletzte Premiere stattfinden wird, eine spannende noch dazu: Schrekers „Die Gezeichneten“ (Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Regie: Krysztof Warliwowski). Weitere interessante Sommerproduktionen gibt es auch an der Berliner Staatsoper mit u.a. Bizets „Perlenfischer“ (24.6.; ML: Daniel Barenboim, R: Wim Wenders!) und Rameaus „Zoroastre“ an der Komischen Oper (18.6.; ML: Christian Curnyn - R: Tobias Kratzer). In Stuttgart bringt man noch Tschaikowskis „Pique Dame“ neu heraus (11.6.; ML: Sylvain Cambreling - R: Jossi Wieler, Sergio Morabito) und in Wien an der Staatsoper Debussys „Pelléas et Mélisande“ (18.6.; ML: Alain Altinoglu - R: Marco Arturo Marelli). Bereit für die letzte Runde?

(Fotos: Wilfried Hösl/Staatsoper München)


27. Mai — 02. Juni 2017

Händel ruft!

Halle, die Geburtsstadt von Georg Friedrich Händel, wird jährlich im Frühsommer zur Pilgerstätte für Freunde der Alten Musik. Denn nicht nur Händels Werke stehen bei den „Händel Festspielen Halle“ im Mittelpunkt, sondern ebenso die seiner bekannten oder weniger bekannten Zeitgenossen. Neben Barockmusik kann man aber in Halle auch Jazz und Weltmusik erleben – und wer weiß, vielleicht findet sich dabei ja der eine oder andere Querverweis zwischen den eigentlich so unterschiedlichen Stilrichtungen und Epochen. Barock-Experten wie Ann Hallenberg, Vivica Genaux und Countertenor Xavier Sabata werden sich bei den „Festkonzerten“ präsentieren. Mit Spannung werden aber auch die Neuproduktionen dieser Saison erwartet: Händels „Jephtha“ in einer szenischen Aufführung (musikalische Leitung: Christoph Spering; Regie: Tatjana Gürbaca) und Händels „Acis und Galatea“ unter der Leitung von Jana Semerádová (Regie: Vit Bruckner). Mit „Sosarme, Re di Medea“ gibt es auch eine Erfolgsproduktion vom letzten Jahr erneut zu sehen, die Bernhard Forck gemeinsam mit Regisseur Philipp Harnoncourt 2016 als szenische Erstaufführung erarbeitet hat. Vom 26. Mai bis zum 11. Juni lohnt sich in diesem Jahr also eine Fahrt nach Halle besonders, vor allem, aber nicht nur für Händel-Fans.

Weitere Informationen und das genaue Programm gibt es auf www.haendelfestspiele-halle.de.

(„Sosarme“: Falk Wenzel)


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