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25. — 31. März 2017

Vergilbte Welt

Diese Geschichte hat einen Bekanntheits-Grad, der für jede künstlerische Weiterverarbeitung Fluch und Segen zugleich ist: „Tod in Venedig“, Thomas Mann Novelle um Leid, Verfall und Tod, ist spätestens seit der berühmten Verfilmung von Luchino Visconti im kollektiven Gedächtnis verankert. Daraus eine Oper zu machen, ist eine heikle Aufgabe. Und diese zu inszenieren, bedeutet automatisch auch, den dominanten Bildern aus Novelle und Film etwas überzeugendes Eigenes entgegen zu setzen. Regisseur Graham Vick hat an der Deutschen Oper Berlin in seiner Inszenierung von Benjamin Brittens „Death In Venice“ nun auf Schlichtheit gesetzt: Über drei Stunden Spieldauer wird die Bühne von einem grellen, gelbgrünen Farbton bestimmt. Im 2. Akt ist die Rückwand mit dem plakativen Schriftzug „Achtung“ versehen, ein Hinweis wohl auf die in Venedig grassierende Cholera, aber auch auf die Gefährdung des Lebens generell. Außerdem wird die Bühne dominiert von einem riesigen Porträt des Dichters Aschenbach in jüngeren Jahren und einem monumentalen verwelkten Strauß Tulpen, der auch als imaginäre Sanddüne und damit als Tummelplatz des jungen Tadzio dient, zu dem Aschenbach bald eine verstörender Liebe entwickelt.
Kein Zweifel: Alles steht hier von Anfang an im Zeichen des Verfalls. Der Tod ist sicher – und sichtbar in der oft düsteren Bühnenbeleuchtung, im sargartigen Flügel mitten auf der Bühne, von dem aus die Rezitative ihre sparsame Klanguntermalung bekommen. Vick stilisiert, will der Fantasie der Zuschauer überlassen, Venedig, das Wasser, den Strand zu imaginiere. Und verrät doch mit den wenigen, klischeebehafteten Elementen seiner Inszenierung eigentlich genau an den Stellen zu viel, an denen dieses Imaginieren ansetzen könnte: am Morbiden, Unheimlichen. Fast comichaft übertrieben geben sich die Knaben in ihren choreografierten Bewegungen, beim Mehrkampf, im Spiel. Die flexibel umgedeuteten Stühle, der Tisch, die Tulpen: Schnell hat man sich satt gesehen an diesen blutarmen Requisiten, die so wenig mehrdeutig sind und wie Fremdkörper in dieser vergilbten Welt erscheinen.
Und auch wenn das riesige Sängerensemble, allen voran die Hauptfiguren Gustav Aschenbach (souverän in diesem schwierigen und kräftezehrenden Part: Paul Nilon) und seine diversen Antagonisten (In sieben Rollen: Seth Carico), stimmlich wie darstellerisch absolut überzeugen, bleibt vieles dem Eindruck nach vor allem Klang und Geste und fügt sich nicht zu einer stringenten, berührenden Geschichte. So wird die Aufmerksamkeit zwangsläufig auf Brittens Musik selbst gelenkt, die stellenweise atmosphärisch begeistert, aber dann doch immer wieder in sich zusammenzufallen scheint und hinter der Dichte und Dramatik eines „Billy Budd“ oder „Peter Grimes“ zurückbleibt. Dennoch: GMD Donald Runnicles gebührt für seinen unermüdlichen Einsatz für Brittens Opern in den letzten Jahren größtes Lob. Das Orchester der Deutschen Oper ist auch in „Death In Venice“ wieder einmal in Höchstform und widmet sich diesem schwierigen, delikaten Klangfarbentheater plastisch und nie lärmend. Nach der Premiere am 19. März wurden Sänger und Orchester daher verdient gefeiert, das Regie-Team erntete zaghaften Jubel und einige Buhs. So recht wusste das Publikum anscheinend nicht, was es von dieser Verfall-Studie halten sollte.
Noch bis 28. April an der Deutschen Oper Berlin.

Anna Vogt

(Fotos: Marcus Lieberenz)


18. — 24. März 2017

Große Gefühle

An der Bayerischen Staatsoper in München ist derzeit das Staraufgebot mal wieder kaum zu toppen: Als am 12. März die Premiere von Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ gefeiert wurde, konnte das Publikum Anja Harteros in ihrem Rollendebüt als Maddalena erleben und den zuletzt mit Stimmbandproblemen angeschlagenen Jonas Kaufmann in der Titelpartie. Das Stück wurde jetzt erstmals an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt – obwohl es so unbekannt nun auch wieder nicht: eine Künstleroper mit abschließendem Liebestod, im Kontext der Französischen Revolution, große Arien und viel Drama. So bietet Giordanos Oper den Beteiligten eine Steilvorlage nach der anderen, um ihre Technik und großes Pathos zu zelebrieren. Omer Meir Wellber dirigierte, Erfolg-Regisseur Philipp Stölzl lieferte eine seiner eher filmisch gedachten, opulent ausgestatteten Inszenierungen. Das Münchner Premieren-Publikum tobte.
Noch bis 31. Juli an der Bayerischen Staatsoper.

(Fotos: Wilfried Hösl)


11. — 17. März 2017

MaerzMusik

Der Frühling ist eine Zeit der Erneuerung. Auch in der Musik, wo in Berlin traditionell das Festival „MaerzMusik“ (16. - 26. März) den neuen und neuesten Klängen Gehör verschafft und ihre politischen und gesellschaftlichen Dimensionen zur Diskussion stellt. Bei diesem „Festival für Zeitfragen“, das von den Berliner Festspielen veranstaltet wird, treten an zehn Festivalabenden Kunst und Musik in Dialog mit drängenden Themen unserer Zeit: Dieses Jahr stehen Aspekte von Rassismus, Gender und Kolonialisierung im Fokus. Und die Frage nach der „Norm“ künstlerischer Produktion. In den Konzerten, Performances, Installationen, Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen und Ausstellungen werden diese Diskursfelder ganz unterschiedlich beleuchtet und verarbeitet. Und das von so berühmten Komponisten und Klangkünstlern wie Julius Eastman, Georg Friedrich Haas, Enno Poppe und Helmut Lachenmann. Zu den eingeladenen Musikern gehören das Ictus Ensemble aus Belgien, Les Percussions de Strasbourg, das Ensemble Modern, KNM Berlin sowie das Arditti Quartett und das Sonar Quartett.
Weitere Informationen und Tickets gibt es auf MaerzMusik.

(Fotos: Katrin Schilling, Jörg Baumann, Jade Collet, Moritz Schell, Markus Sepperer)


04. — 10. März 2017

Gewaltkreislauf

Die antiken Mythen üben auch auf heutige Künstler eine ungebrochene Faszination aus, scheinen doch die Geschicke und Gefühle der antiken Helden zeitlos aktuell zu sein. So kreist auch das Musiktheater „Orest“ von Manfred Trojahn um einen berühmten mythischen Stoff, ein äußerst blutiger und grausamer: Orest will sich auf Anweisung des Gottes Apollo rächen für den Mord an seinem Vater Agamemnon, den seine Mutter Klytämnestra und ihr Liebhaber angezettelt haben. Er bringt beide um – hadert aber in Trojahns Lesart mit seiner Tat und der Schuld, die er auf sich geladen hat. Der Kreislauf der Gewalt findet so zu einem Ende, auch durch die Liebe, die Orest offenbart, dass der Blutrausch nur alle in den Abgrund stürzt. 2012 wurde Trojahns Oper in Amsterdam uraufgeführt und gleich zur „Opernaufführung des Jahres“ von der Opernwelt gekürt. Die Züricher Regiearbeit stammt von Hans Neuenfels, die musikalische Leitung hat Erik Nielsen, und in der Hauptpartie kann man Georg Nigl erleben.
Noch bis zum 24. März im Opernhaus Zürich.

(Fotos: Judith Schlosser/Oper Zürich)


25. Februar — 03. März 2017

„Les Troyens“

Ein riesiger Chor, 16 Solisten, ein groß besetztes Orchester, ein opulentes Bühnenbild – und natürlich: das Trojanische Pferd. An der Oper Frankfurt widmet man sich derzeit dem vierstündigen Musikdrama von Hector Berlioz, und das mit großen Mitteln, einer herausragenden, fast ausschließlich aus dem eigenen Ensemble besetzten Sängerriege und vor allem viel Hingabe. Vor 34 Jahren gab es hier die letzte Produktion der „Trojaner“, damals in der Regie von Ruth Berghaus. Am 19. Februar feierte nun die Neu-Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr ihre viel beachtete Premiere. Das Regieteam betonte dabei auch die Aktualität des mythischen Stoffes: Menschen auf der Flucht vor dem Krieg über das Mittelmeer, in der Hoffnung auf ein besseres Leben anderswo. Aeneas, der als einziger der großen Helden die Katastrophe in Troja überlebte, ist das verbindende Element zwischen den beiden Stories, die in Troja und bei Dido spielen und die in „Les Troyens“ miteinander verbunden werden: Zwei Frauen stehen dabei im Mittelpunkt: In Troja Kassandra, die verzweifelt und vergeblich vor dem Trojanischen Pferd warnt, ihren Verlobten bei der Attacke verliert und schließlich den Selbstmord wählt. Und auf der Flucht findet Aeneas später Aufnahme bei Dido, mit der sich ein kompliziertes und hochemotionales Liebesverhältnis entspinnt, das geprägt ist von den Polen Macht und Machtverlust, von Schicksal und Wille. Auch für sie endet das Drama mit einem verzweifelten Selbstmord, als Aeneas sie verlässt, um seiner Bestimmung zu folgen, in Rom ein neues Volk zu gründen Es ist eine Oper von wahrhaft epischen Ausmaßen, eine verworrene Geschichte mit vielen Binnenstories, die vor allem aber eine mitreißende Musik zu bieten hat vom vielleicht begnadetsten Orchestrator des 19. Jahrhunderts.

Noch bis 26. März im Frankfurter Opernhaus.

(Fotos: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt)


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