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09. — 15. September 2017

Im spirituellen Flow

Es ist noch herbstlich kühl morgens in Utrecht, aber vor dem Eingang des Tivoli Vredenburg hat sich bereits um 8.45 Uhr eine mehr als fünfzig Meter lange Schlange angestaut. Das traditionsreiche Festival Oude Muziek hat treue Fans, aber zu so früher Stunde lockt nicht nur Alte Musik in den großen Saal des multifunktionalen Baus, der den typisch niederländischen, nüchternen Charme des 21. Jahrhunderts ausstrahlt. Sondern der Start eines Konzertmarathons, der sich über zwei Tage mit zwölf jeweils einstündigen Konzerten hinziehen wird. Das ist fast so viel Musik wie Wagners „Ring“, doch der lässt sich immerhin vier Tage Zeit.
Alle 150 biblischen Psalmen erklingen in Vertonungen von 150 verschiedenen Komponisten, von uralten keltischen, armenisch orthodoxen und sephardischen Gesängen über Renaissance, Barock, Klassik und Romantik bis in die Gegenwart spannt sich das A-Cappella-Repertoire des Projekts, das sich vier Chöre in jeweils drei Konzerten aufteilen. Anlass für das gewaltige Projekt, das später noch nach Brüssel und New York reisen wird ist der 80. Geburtstag des niederländischen Kammerchors. Seit September 2015 leitet Peter Dijkstra das 24-köpfige Ensemble: „Es ging uns um diese uralten und doch so hoch aktuellen Texte, mit denen wir für das Festival ein Programm gestalten wollten. Dann wuchs die Idee zu diesem Riesenprojekt, und das war nur möglich durch die enge Kooperation mit den drei anderen Chören. Zu viert bestreiten wir nun 1000 Jahre Chormusik. Und um die Programmatik stimmig zu machen, haben wir zwölf Themenfelder gebildet. Jedes Konzert kreist um ein Thema wie etwa Leiden, Freude oder Unterwerfung. Das Ganze verstehe ich als Monument für die Chormusik.“
Dem Nederlands Kammerkoor unter Dijkstras Leitung gehört dann auch – als Gastgeber – das erste, frühe Konzert um 9.30 Uhr im Grote Zaal, der 1.700 Plätze fasst und so steil ansteigt wie ein Hörsaal. Bei schummrigem Licht hebt das edel timbrierte Ensemble unter dem Motto „A State Of Mankind“ an mit Bachs Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ (Psalm 117) und beeindruckt umgehend mit seinem transparenten, weichen Klang und plastischer Textverständlichkeit. Von Bach springt das Programm ins 21. Jahrhundert zur Uraufführung von Mohammed Fairouz’ Vertonung des 14. Psalms und so geht es weiter in großen Sprüngen von Hans Leo Hassler über Monteverdi zur zweiten Uraufführung des Morgens: Michel van der Aas „Shelter“, eine Vertonung des 5. Psalms. Auf der Bühne ist das Ensemble ständig in Bewegung, mal sind nur sechs Stimmen gefordert, dann zehn oder acht. Bereits im ersten Konzert dämmert die Erkenntnis, dass die Zeitsprünge bei diesem Genre von Musik gerade nicht die stilistischen Unterschiede herausmeißeln, sondern dass im Gegenteil so etwas wie eine gemeinsame DNA dieser Musik hörbar wird. Ein Tonfall, der sich zwischen Meditation, Betrachtung, Klage und gemessener Freude bewegt und über 1000 Jahre bis in die Gegenwart reicht. Und spätestens im zweiten Konzert eine Art Flow erzeugt, der die Zeit vergessen lässt.
Um 11 Uhr betritt „The Choir of Trinity Wall Street“ aus New York die Bühne und präsentiert eine völlig andere Ästhetik: Während Dijkstra im schmalen Anzug mit schwingend lockeren Bewegungen für transparenten Klang sorgte, tritt Julian Wachner im schwarzen T-Shirt auf und arbeitet ungleich muskulöser am Klang. Entsprechend druckvoller, körperreicher und kompakter klingen die wiederum 24 Stimmen, die sich unter dem Motto „Leadership“ durch zwölf Psalmvertonungen arbeiten. Sie beginnen bei Thomas Arnes Psalm 2 über englische Kompositionen, die in Strophenform fast schon Gassenhauer-Charakter haben. Mitreißend!
Dann folgt zur Mittagszeit Det Norske Solistkor aus Oslo unter dem Motto „Gratitude“ mit erneut 24 Stimmen, die Damen in feuerroten Gewändern und ihre Chefin Grete Pedersen im smarten Gehrock. Die Norweger organisieren ihre Umstellungen fließend und lassen häufig die Psalmvertonungen attacca ineinander übergehen. Was für besonders frappierende Effekte sorgt, wenn etwa Beethovens Psalm 19 „Die Himmel rühmen“ nahtlos in die sephardische Vertonung von Psalm 29 und dieser wieder in Rachmaninows hinreißenden Psalm 104 übergehen. Die Norweger kultivieren wiederum einen transparenteren Klang als die New Yorker, auch sie sind perfekt, klangschön und ungemein stilsicher. Der vierte Chor im Bunde schließlich tritt mit nur 10 Stimmen auf: The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips sind zu recht legendär und eine Klasse für sich. Sie treten am Abend um 20.30 Uhr unter dem Motto „Faith“ auf, beginnen mit Haydn (Psalm 41), setzen einen deutlichen Schwerpunkt in der Renaissance mit Franz Schubert (Psalm 92) und Nico Muhly (Psalm 63) als Ausreißer. Die Perfektion der Briten ist atemberaubend, allein, wie sie Töne verklingen lassen und lupenreine Einsätze ohne jedes Ansatzgeräusch produzieren, ist famos. Und in Sachen Intonation hat man den Eindruck, dass die Stimmen wie auf Schienen laufen, ohne jede Irritation. Nach diesem letzten Konzert des ersten Tags tritt eine Art Euphorie der Erschöpfung ein. Man ist geläutert und getröstet. Ein großartiges Projekt!

Regine Müller

(Fotos: Foppe Schut)


02. — 08. September 2017

Auftakt zur Saison

Mit dem Musikfest Berlin beginnt im Spätsommer traditionell die Konzertsaison in der Hauptstadt. Für dieses Gipfeltreffen der Orchester reisen oft auch Weltklasse-Klangkörper an, die man sonst in der Berliner Philharmonie nur selten zu hören bekommt, so in diesem Jahr zum Beispiel das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam (6.9., mit Daniele Gatti), die Filarmonica della Scala (13.9., mit Ricardo Chailly) und MusicAeterna mit Dirigent Teodor Currentzis (7.9.). Aber auch nahezu sämtliche Berliner Orchester präsentieren sich beim Musikfest – von den Philharmonikern über das Orchester und den Chor der Deutschen Oper, das Konzerthausorchester bis hin zur Staatskapelle, dem RSO Berlin und dem DSO Berlin. Parallel sind im Kammermusiksaal der Philharmonie auch kleinere Ensembles und Solisten zu erleben. In diesem Jahr gilt ein besonderer thematischer Schwerpunkt dem Schaffen von Monteverdi, dessen 450. Geburtstag damit gewürdigt wird. Gefeiert wird daneben auch der koreanische Komponist Isang Yun, der 2017 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Das Musikfest Berlin begann am 31. August mit dem Eröffnungskonzert der Staatskapelle Berlin und geht noch bis 18. September.

Mehr Informationen und Tickets gibt es auf Musikfest Berlin.

(Foto von Daniele Gatti: Kai Bienert)


26. August — 01. September 2017

Wertungsspiele

Der Internationale Musikwettbewerb der ARD geht in sein 66. Jahr – aber von Altersschwäche keine Spur! Stattdessen haben sich dieses Jahr so viele junge Musikerinnen und Musiker beworben wie noch nie: 640 aus 53 Ländern und vier Kontinenten. Und auch das Publikum dürfte mit gewohnt großem Interesse diesen weltweit wohl bedeutendsten Wettbewerb mitverfolgen: Bis zu 18.000 Besucher erwarten die Organisatoren in den drei Wettbewerbswochen, vom 28. August bis zum 15. September. Erstmals seit 1993 ist die Gitarre wieder als Wertungsfach mit dabei, daneben sind in diesem Jahr Violine, Klavier und Oboe an der Reihe. In vier Runden können die Musiker ihr Können vor hochkarätig besetzten Jurys unter Beweis stellen. Wer sich dabei einen der begehrten Preise erspielt, kann sich nicht nur über ein Preisgeld freuen und die Teilnahme an einem der Preisträgerkonzerte am 13.-15. September; oft erwartet die Preisträger nach dem Wettbewerb auch ein Karriere-Sprung in die Elite der Solistenriege. Toi Toi Toi für alle Wettbewerbsteilnehmer!
Die ersten beiden Runden – in der Münchner Musikhochschule, im Studio 1 des BR und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs – sind für das Publikum kostenfrei. Für die Semifinal- und Finalrunden im Prinzregententheater und im Herkulessaal braucht man Eintrittskarten, ebenso wie für die drei Preisträgerkonzerte. Ab dem Semifinale werden die Konzerte auch im Livestream übertragen.

Weitere Informationen und den genauen Zeitplan gibt es auf www.ard-musikwettbewerb.de.


19. — 25. August 2017

„Young Euro Classic“

Jedes Jahr im Hochsommer öffnet das Konzerthaus Berlin seine Pforten für einen Konzertreigen der besonderen Art: Beim Musik Festival „Young Euro Classic“ präsentieren sich innerhalb von gut zwei Wochen einige der weltweit besten Nachwuchs-Orchester. Dieses Jahr vom 17. August bis zum 3. September sind unter anderem das Gustav Mahler Jugendorchester mit dabei (31. August), die Baltic Sea Philharmonic (25.8.), das Schwedische O/Modernt Kammarorkester (21.8.) und das I, Culture Orchestra (23.8.). Die Ehre geben sich auch (wie schon des Öfteren) das Schleswig-Holstein Festival Orchester (18.8.) und das Bundesjugendorchester (20.8.) sowie das Bundesjugendballett (19.8.). Außerdem sind junge Musiker aus Kuba mit dabei: Die erste Tour der seit 2014 bestehenden Cuba-European Youth Academy führt die jungen Musiker nach Berlin zu Young Euro Classic, wo sie am 3. September das Festival abschließen werden.
Mehr Informationen und Tickets gibt es auf www.young-euro-classic.de.

(Foto Schleswig-Holstein Festival Orchester: Axel Nickolaus)


12. — 18. August 2017

Moritzburg Festival

Der August steht in Moritzburg, aber natürlich auch in Dresden ganz im Zeichen des Moritzburg Festivals. Vom 5. bis 20. August sind unter der bewährten Leitung von Cellist Jan Vogler nicht nur das Moritzburg Festival Orchester am Musizieren, sondern auch zahlreiche Musiker aus dem In- und Ausland, die sich in diversen Kammermusikformationen zusammen finden. Seit nunmehr 25 Jahren versteht sich das Moritzburg Festival als Labor und Experimentierzone für musikalische Mixturen jeder Art. 1993 wurde es von Jan Vogler, Kai Vogler und Peter Bruns nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Marlboro Festivals“ gegründet. Seitdem sind hier Klassisches und Zeitgenössisches ebenbürtig vertreten, und ein besonderer Fokus liegt auf der Nachwuchsförderung. Denn mit einer Festivaleigenen Akademie kommen junge Musik-Profis in einem Kammermusikensemble zusammen, das Enthusiasmus mit Perfektion verbinden will. Auch einen Composer In Residence gönnt man sich, in diesem Jahr ist es Sven Helbig, dessen Werke derzeit einen besonderen Rang im Festivalprogramm einnehmen und der auch in Komponistengesprächen mit Jan Vogler aus seiner Werkstatt berichtet. Happy Birthday, Moritzburg Festival!

(Fotos: Rene Gaens, Felix Broede)


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