Startseite · CD zum Sonntag

24. — 30. Juni 2017

Nichts für Angsthasen: Das sommernachts-freiluftig dahinflutende Oktett von Franz Schubert ist in Wahrheit auch ein Durchbruch nach mehreren Jahren sinfonischer Quälerei. An der Überfigur Beethoven haben sich etliche Generationen von Komponisten die Zähne ausgebissen, und wie später auch Johannes Brahms fand Schubert in der Kammermusik eine Hintertür zum eigenen Stil in der Sinfonik. Die Besetzung mit solistischen Holzbläsern und Streichern entspricht klanglich einem agilen, warm timbrierten Mini-Orchester. Und entsprechend bietet Schubert beides: Die traditionellen Serenaden-Sätze einer Freiluftmusik, durchbrochen in den Ecksätzen und dem ausgreifenden Adagio um Sätze von sinfonischer Tiefe und der für Schubert so typischen bittersüßen Sehnsucht.
Ganz aus dem Sinn einer Schubertiade, dem Musizieren von Freunden, lebt auch das Kammermusikfestival „Spannungen“ in Heimbach, das diesen Sonntag nach einer Woche zuende gehen wird. 2009 fand sich ein All-Star-Ensemble um Klarinettisten Jörg Widmann zusammen, unter anderem mit Dag Jensen, Isabelle van Keulen, Veronika Eberle, Rachel Roberts und Tanja Tetzlaff. Gemeinsam kostete man aber nicht nur die seelischen Klippen und Nachtflüge des Schubertschen Oktetts aus, sondern zugleich ein Schwesterwerk aus Widmanns Feder, dass sich ganz ungeniert der Reflektion romantischer Klangwelten widmet, auch wenn es sie durch bedrohlich fahle Streicherfäden oder auch mal vierteltönige Reibungen immer wieder schärft. Der langsam aufsteigende Klagegesang von Violine und Klarinette zu Beginn des langsamen Mittelsatzes braucht sich an Eindringlichkeit hinter Schuberts Oktett wahrlich nicht zu verstecken.

17. — 23. Juni 2017

Kürzer werden die Nächte nicht als in diesen Tagen, wenn der Sommer bis in die späten Abendstunden sein mildes Licht verströmt. Als Arnold Schönberg 1899 sein Streichsextett „Verklärte Nacht“ niederschrieb, war der Sommer schon fortgeschritten, aber Schönberg mit seinen 26 Jahren noch jung und überraschend romantisch. Er komponierte das Werk im österreichischen Payerbach, wo er mit seinem Mentor und Freund Alexander Zemlinsky und dessen Schwester Mathilde – seiner zukünftigen Frau – den Sommerurlaub verbrachte: das richtige Setting, um einen nächtlichen Spaziergang zu vertonen. In Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“, das Schönberg als Inspiration nutzte, geht es um die Aussprache eines Liebespaars im Angesicht der Natur: Die Frau gesteht ihrem Freund, ein Kind von ihrem ungeliebten Ehemann zu erwarten – die Nachricht stößt überraschenderweise auf Verständnis und Milde bei ihrem Geliebten. Schönberg vertonte die Empfindungen des Liebespaares und ihre Spiegelung in der nächtlichen Natur mit einer erweiterten Tonalität, die aber noch nichts von der radikalen Dodekaphonie der späteren Zeit erahnen lässt, und verbindet die fünf Stimmungsbilder durch ein musikalisches Leitmotiv miteinander. Eine Begegnung zweier Menschen, die trotz schwieriger Bedingungen zu einem versöhnlichen Ende findet. So wird letztlich „diese Nacht der Tragödie (…) in eine verklärte Nacht verwandelt“ (Schönberg).

10. — 16. Juni 2017

Aus dem Vollen geschöpft: Wie ein goldglänzender Hochaltar strahlt die Missa „In labore requies“ von Georg Muffat. Und wenn man ihre Besetzung ansieht, versteht man, warum sie nicht allzu oft aufgeführt wird: 24 Stimmen verteilen sich auf fünf im Kirchenschiff verteilte Chöre, drei davon sind instrumental besetzt mit Trompeten und Pauken, Zinken und Posaunen, Violinen und Violen, zwei davon mit Sängern. Der Versbeginn aus der Pfingstantiphon „Veni Creator Spiritus“ verweist auf eine mögliche Entstehung zum Pfingstfest 1690, als Muffats neuer Dienstherr Johann Philipp Graf Lamberg zum Fürstbischof von Passau geweiht wurde. Es ist die einzige Messe, die der weitgereiste Komponist des österreichischen Barock hinterlassen hat; als einziger schaffte er es, sowohl beim französischen Großmeister Jean Bapstite Lully in Paris, als auch bei Bernardo Pasquini und Arcangelo Corelli in Rom zu studieren und so im Spagat die beiden Hauptgeschmäcker der Barockmusik in seinen Stil zu integrieren. Schöne Randnotiz der Geschichte, dass es Joseph Haydn war, der das Mess-Manuskript wahrscheinlich von Muffats Sohn erwarb; über die Notensammlung der Fürsten Ésterhazy hat es schließlich seinen Weg in die Nationalbibliothek von Budapest gefunden.
Die prachtvolle, erfindungs- und effektreiche Messe ist eine Steilvorlage für Johannes Strobl und seine Capella Murensis, denn die Klosterkirche des Schweizer Benediktonerklosters Muri, an der Strobel als Kantor arbeitet, verfügt wie schon der Salzburger Dom über vier Emporen und zwei historische Orgeln. Denen kommt – und das hebt diese Aufnahme aus der ohnehin schmalen Zahl von Einspielungen von Muffats Messe hervor – eine dominante und (im Vergleich zu den üblichen Holztruhenorgeln) brillant strahlende Rolle im Continuo zu. Umso erfreulicher, dass auch die Capella Murensis, das Trompeten-Consort Innsbruck und die Zinkenisten von Les Cornets Noirs das hohe Niveau der Interpretation einlösen können. Für Besitzer einer SACD-Anlage gibt es noch das besondere Schmankerl dass sie die räumliche Verteilung der Chöre ins eigene Wohnzimmer holen können. Alle anderen genießen, wie hier luxuriöser Kirchenhall und glasklar durchhörbare Oberstimmen aufnahmetechnisch überein gebracht wurden – wenn das mal kein fürstbischöfliches Vergnügen ist!

03. — 09. Juni 2017

Musikgeschichte selektioniert bisweilen gnadenlos. Folgt ein Komponist nicht dem Zeitgeist, ist er schnell weg vom Fenster. Dabei begann bei Max Bruch alles so vielversprechend: Er war ein begabtes Wunderkind, wurde schon früh mit Mozart und Mendelssohn vergleichen und später in einem Zug mit Brahms genannt. Doch anders als Bruchs berühmte Weggefährten im 19. Jahrhundert wurde Bruch über 80 Jahre alt und schrieb auch im 20. Jahrhundert noch eifrig weiter, ohne sich auch nur im Entferntesten um den ästhetischen Wandel, um die heraufziehende Moderne zu kümmern. So wurde er von der Rezeption irgendwann als reaktionär abgespeichert, und mit Ausnahme seines Violinkonzerts kann man seine Werke nur selten in Konzerten erleben. Vollkommen zu Unrecht, wie auch diese CD des Trio Apollon beweist. Denn hinter anderen berühmten Romantikern muss sich Bruch tatsächlich nicht verstecken, sein Klarinettentrio erinnert in schönster Art an das von Brahms (auch wenn bei Bruch eine Viola, bei Brahms noch ein Register tiefer das Cello besetzt ist). Und auch die kleineren Stücke wie das Cello-Gebet „Kol Nidrei“, die Geigen-Kanzone op. 55, hier in einer Bearbeitung für Klarinette eingespielt, und die (1911 entstandene!) Romanze für Viola und Klavier zeugen von der berührenden Ausdruckskunst eines der großen Vergessenen. Höchste Zeit für ein Revival!

27. Mai — 02. Juni 2017

Welche Kraft, welcher Furor! Wenn man die Auswirkungen betrachtet, die Antonio Vivaldis erster gedruckter Stoß von Violinkonzerten auf die Entwicklung der Gattung hatte, kann man die nicht ganz uneitel „L’Estro armonico“ (Harmonische Eingebung) getaufte Sammlung op. 3 nur als Donnerschlag bezeichnen. Gleich zwei Raubdrucke versuchten, der 1711 veröffentlichten Ausgabe etwas vom Gewinn streitig zu machen. Und Vivaldis Komponistenkollegen in ganz Europa, versuchten es ihm gleichzutun. Mit einem Schlag war der „Rote Priester“ aus Venedig eine Berühmtheit in Musikerkreisen. Auf dem Papier wirkt die Sammlung zunächst recht konstruiert: Aus dem stets achtstimmigen Satz mit vier Violinen und Streichern treten im Turnus wechselnd alle vier, nur zwei oder die Solo-Violine konzertierend hervor. Doch das klingt strenger gebaut, als es ist: Vivaldis Konzerte op. 3 überraschen mit einem geradezu verschwenderischen Einfallsreichtum, virtuosen Herausforderungen und einem nur als italienisch zu bezeichnenden, überschäumenden Esprit. Kein Wunder, dass der junge Johann Sebastian Bach sich mehrere der Werke in Abschriften besorgte und nicht nur genau studierte, sondern wie nachvollziehend auf Cembalo solo übertrug.
Inzwischen fast zwanzig Jahre alt ist die Aufnahme des Opus 3, mit der seinerzeit der Violinist Fabio Biondi und sein Ensemble L’Europa galante für Aufsehen sorgten. Und zu recht: nach einer bereits Jahrzehnte andauernden Vivaldi-Renaissance gelang es ihnen hier dennoch, die meisten ihrer Vorgänger als eintönig pulslos und in romantische Klangwatte gepackt zu deklassieren und hinwegzufegen - mit Vivaldischem Furor.

« zurück 37/37 weiter »





CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Nichts für Angsthasen: Das sommernachts-freiluftig dahinflutende Oktett von Franz Schubert ist in Wahrheit auch ein Durchbruch nach mehreren Jahren sinfonischer Quälerei. An der Überfigur Beethoven haben sich etliche Generationen von Komponisten die Zähne ausgebissen, und wie später auch Johannes Brahms fand Schubert in der Kammermusik eine Hintertür zum eigenen Stil in der Sinfonik. Die Besetzung mit solistischen Holzbläsern und Streichern entspricht klanglich einem agilen, warm […] mehr »


Top