Startseite · CD zum Sonntag

23. — 29. September 2017

Der Cello-Horizont scheint leider ziemlich begrenzt: Die Brahms-Sonaten kennt man, die von Chopin natürlich, von Richard Strauss. Aber wer hat schon wirklich die Sonaten aus England auf dem Schirm – von Frank Bridge etwa oder Arnold Bax?! Zum Glück hat sich Cellist Johannes Moser mit seinem bewährten Partner am Klavier, Paul Rivinius, 2010 genau diesen beiden spätromantischen Kammermusikentdeckungen gewidmet und sie mit der etwas bekannteren Cellosonate von Benjamin Britten op. 65 kombiniert. Britten war Bridges berühmtester Schüler, so dass es nicht zuletzt auch spannend ist, im unmittelbaren Aufeinandertreffen ihrer Werke nach Spuren des einen im Schaffen des anderen zu horchen. Bridges Sonate, die während des ersten Weltkriegs entstand, scheint der Klangsprache von Strauss oder Chopin oft gar nicht mal so fern: Opulent und fließend entspinnt sich die Sonate in zwei träumerischen Sätzen wie eine Rhapsodie, die zwischen Melancholie und Glück, zwischen Hell und Dunkel sich nicht entscheiden kann. Kühler und kontrastreicher dagegen sind die fünf Sätze aus Brittens Sonate aus dem Jahr 1961, geben dabei aber stets dem Cello und seinen besonderen Klangmöglichkeiten eine großartige Bühne – die Johannes Moser genussvoll nutzt, ohne aber je pathetisch oder plakativ zu werden. Klangzeugnisse eines turbulenten frühen 20. Jahrhunderts.

16. — 22. September 2017

Sie hält die Augen geschlossen, die Eule dagegen schaut wach, aber scheinbar emotionslos zur Seite. Das Cover ist nur eines der Rätsel, die dieses Album dem Hörer stellt: „If The Owl Calls Again“ („Wenn die Eule wieder ruft“) hat die holländische Sopranistin Christianne Stotijn ihre CD genannt, eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Liedern aus mehreren Jahrhunderten – und in mehreren Sprachen. Denn Stotijn singt hier auf Deutsch, Französisch, Englisch und Niederländisch. Der Titel stammt ursprünglich von einem Gedicht von John Haynes. Doch Stotijn nimmt diese Worte als assoziativen Ausgangspunkt, um sich musikalisch mit den Themen Natur und Religion zu befassen, die in der Weisheit der Eule aufeinandertreffen. Der Ruf des Nachtvogels bringt Licht in die Dunkelheit, nimmt ihr etwas von ihrem Schrecken. Und sie selbst, so sagte die Sängerin mal, lebe im Wald und kenne den Ruf der Eule gut. Nacht, Wald, Einsamkeit, Religion sind die Themen, um die dieses Album kreist, und dabei treffen Gebete von Ravel und Mussorgski auf spätromantische Kunstlieder etwa von Bridge oder Marx. Viele Entdeckungen gibt es hier zu machen! Als musikalische Partner hat sich die Sängerin zudem den wunderbaren Bratschisten Antoine Tamestit eingeladen, aber auch Flöte und Kontrabass wirken als suggestive Klangsphären in diesem Album mit. Es sind wunderbare, kontemplative musikalische Miniaturen, die manch einen vielleicht gerade jetzt, beim Übergang zu den dunklen Jahreszeiten, ansprechen.

09. — 15. September 2017

Am 11. Juli durchbrechen sie die Stadtmauer, und alles, was Beine hat, versucht zum Fischertor zu gelangen, um von dort ins Freie, in die Donauauen zu fliehen. Wir schreiben das Jahr 1683, die Osmanen sind auf dem Vormarsch nach Wien und nehmen die kleine Gemeinde Hainburg im Handstreich. Doch die Flügel des Stadttors lassen sich nicht schnell genug öffnen, der Druck der Nachfolgenden führt zu einer Massenpanik. 8000 Menschen sterben im folgenden Massaker. Nicht so der Wagnergeselle Thomas Haydn, und das ist unser Glück. Denn seine beiden Enkel Michael und Joseph haben das Rad der Musik einen gehörigen Schwung weitergedreht.
Nur durch Zufall verschlägt es den sechsjährigen Joseph Haydn wieder nach Hainburg zurück, zum Musik- und Schulunterricht, und hier entscheidet sich auch sein Musikerschicksal, als er 1740 dem Wiener Hofkapellmeister Johann Georg Reutter vorgestellt wird. Die Singprobe verläuft vielversprechend, Joseph wird bei den Sängerknaben von St. Stephan aufgenommen.
Das Ensemble dolce risonanza unter Florian Wieninger hat für sein Album „Haydn …out of Hainburg“ Musik verschiedener Komponisten dieser Zeit versammelt. Neben Reutter kommen auch Joseph Fux, Johann Albrechtsberger zu Wort, und natürlich die Haydn-Brüder, alles in streng kammermusikalischer Besetzung, nur für wenige Streicher und Orgel (Solist Anton Holzapfel). Und gerade dadurch umso (durch-)hörenswerter. Denn wie aus dem kleinen Hainburg die Wiener Karriere, so entfaltet sich auch in dieser kleinen Form die ganze Eleganz der Haydnschen Einfälle. Und weil im Marienmonat September sowohl an Mariä Geburt (8.9.) als auch die Sieben Schmerzen Mariä (15.9.) erinnert werden, lässt sich der Höhepunkt dieser Auswahl auch doppelt genießen. Es ist das Salve Regina „a quattro voci ma Soli“ Hob. XXIIIb:2, für das sich noch Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander dazugesellen. Platz ist in der kleinsten Hütte – und für Haydn doch immer!

02. — 08. September 2017

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass der britische Tenor Ian Bostridge mit dem Pianisten Julius Drake sein Album zum Englischen Liederbuch veröffentlichte. Damit erlaubte er dem Hörer einen Streifzug vorbei an all den schönen, reifen Früchten, die die britischen Komponisten der Romantik aus der Beschäftigung mit ihrem Volksliedererbe gewonnen hatten. Mag sich lange Zeit für das Inselkönigreich der böse Spruch gehalten haben, ein Land ohne Musik zu sein, so galt das wenn überhaupt für den schmalen Ausschnitt der Kunstmusik, aber sicher nicht für die volksmusikalische Tradition. All diesen Liedern wohnt eine gewisse Gratwanderung zwischen sommerlicher Heiterkeit und frühherbstlicher Wehmut inne, wie man sie auch von der irisch-gälischen Musik her kennt. Diese Atmosphäre macht das Album zum perfekten Begleiter für die spätsommerlichen Tage. Da wären die tatsächlich irische Melodie "My love´s an arbutus", die mehrdeutig schwebenden "Twilight Fancies" von Fréderick Delius oder die für ein Klavierlied unglaublich ausgreifende Beschwörung "Sleep" von Ivor Gurney. Von jungem Leben und frühem Liebesleid erzählt Benjamin Brittens duftig und volksliedhaft gesetzter Besuch in den "Salley Gardens", dessen Erzähler die Lebensweisheiten seiner Geliebten leichtfertig in den Wind schlägt: "She bid me take love easy, as the leaves grow on the tree; But I, being young and foolish, with her would not agree." Daneben steht auch Ralph Vaughan Williams´ "Silent Noon", dass eine flüchtige Mittagsstunde im Gras zu zweit einfängt. All diese Albumblätter und Momentaufnahmen zu einem Hausbuch englischer Liedtradition zu bündeln gelingt aber erst der Gestaltungskunst und der bei aller Makellosigkeit und perfekter Atemführung stets leicht melancholisch gefärbten Stimme Ian Bostridges. Wer das kann, möge sich mit diesem Album auf den Ohren eine gute Stunde ins Gras legen und den Wolken zuschauen- so lange die Temperaturen das noch erlauben.

26. August — 01. September 2017

Einen Tag vor seinem 90. Geburtstag ist am 20. August der Komponist Wilhelm Killmayer gestorben – einer der einflussreichsten Tonschöpfer unserer Zeit, der zudem als Professor an der Münchener Musikhochschule ganze Generationen von Nachwuchs-Komponisten geprägt hat. Er hinterlässt ein gewaltiges Oeuvre, das zum Teil noch richtig entdeckt werden will. Wie stark seine Kunst geprägt ist von klassischen und romantischen Einflüssen, kann man besonders schön in dieser Gegenüberstellung von Schumanns Romanzen und Fantasiestücken mit Killmayers eigenen Romanzen und Bagatellen erlauschen, die der Cellist Nicolas Altstaedt mit Pianist José Gallardo 2010 eingespielt hat. Denn in allen diesen Duo-Stücken spürt man eine ergreifende Intimität des kammermusikalischen Dialogs, jeder Moment scheint einzigartig und kostbar zu sein. Die etwa 200 Jahre, die diese Kompositionen voneinander trennen, werden so, durch die Finger und Herzen der beiden Interpreten, vergessen gemacht. Stattdessen zelebrieren die Stücke eine zeitlose Unbeschwertheit, aber oft auch eine tiefe Melancholie, die als faszinierende atmosphärische Gegenpole für Schumann ebenso wesentlich waren wie für Wilhelm Killmayer.

« zurück 40/40 weiter »





CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Der Cello-Horizont scheint leider ziemlich begrenzt: Die Brahms-Sonaten kennt man, die von Chopin natürlich, von Richard Strauss. Aber wer hat schon wirklich die Sonaten aus England auf dem Schirm – von Frank Bridge etwa oder Arnold Bax?! Zum Glück hat sich Cellist Johannes Moser mit seinem bewährten Partner am Klavier, Paul Rivinius, 2010 genau diesen beiden spätromantischen Kammermusikentdeckungen gewidmet und sie mit der etwas bekannteren Cellosonate von Benjamin Britten op. 65 […] mehr »


Top