Startseite · CD zum Sonntag

18. — 24. November 2017

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf ganz unterschiedliche Vorbilder zurück. Denn „meine wohl wichtigsten Einflüsse sind Debussy, Ravel, Poulenc, überhaupt viele französische Komponisten, aber auch John Adams und Arvo Pärt. Und Björk oder Radiohead“, beschrieb Whitacre mal seine vielfältigen Inspirationen. Vor allem die Rückbesinnung auf die französischen Impressionisten hört man in seinen Chören – im ausgefeilten Spiel mit besonderen Klangwirkungen, die Whitacre teilweise auch mit modernen Mitteln wie Clustern und einer erweiterten Tonalität koppelt. Seine Werke sind gut singbar, aber gehaltvoll, sie sprechen unmittelbar an, und sind doch auch innovativ – eine Musik, die mit den Grenzen zwischen der sogenannten U- und E-Musik spielt. In „Cloudburst“ etwa vertonte er „El cántaro roto“ (deutsch: „Der zerbrochene Wasserkrug“) von Octavio Paz. Es ist einer von Whitacres wohl experimentellsten, aber auch erfolgreichsten Chorsätzen, den er im Alter von 21 Jahren schrieb. Es handelt sich um eine Art lautmalerisches Gewitter, in dessen zweitem Teil die Sänger von Klavier, Windröhrenglocken und Donnerblechen begleitet werden. Übrigens haben auch Sänger hierzulande ab und zu die Gelegenheit, mit Whitacre zu musizieren: 2009 veröffentlichte er auf YouTube seinen ersten virtuellen Chor: 185 Stimmen aus 12 Ländern vereinten sich in seinem Chorsatz „Lux Aurumque“, für das darauf folgende Projekt „Sleep“ mailten bereits 2052 Sänger aus 58 Ländern ihre eingesungenen Stimmen an Whitacre, der daraus einen virtuellen Chor kreierte – Chorgesang 2.0!

11. — 17. November 2017

Vorhang auf! In den überlieferten dreieinhalb Kantaten-Jahrgängen aus Leipzig verwandelte Johann Sebastian Bach die allwöchentliche Pflicht in eine über die Grenzen der Messestadt hinausstrahlende Kür. Später konnte er sich in diesem gewaltigen „Hausbuch der protestantischen Erbauungsmusik“ bedienen oder nach Lage vorhandener Instrumentalisten und Sänger auch mal umarbeiten. Dass Bach an so gut wie jede dieser um die 200 Kantaten sein ganzes Genie verwandt hat, macht sie zu einem riesigen Schatz an Arien und instrumentalen Einfällen – der meistenteils brachliegt. Denn seien wir ehrlich: Nur wirkliche Connaisseure und Bach-Fetischisten versenken sich fortlaufend in diese Vokalwerke, der durchschnittliche Klassik-Hörer bleibt vielleicht mal bei den auf allen Kulturwellen ausgestrahlten Sonntagskantaten hängen, oder weicht auf die bekannten und dramaturgisch wuchtigeren Passionen aus. Was aber nun wirklich schade ist!
Das dachten sich wahrscheinlich auch die Mitglieder der Accademia Bizantina, als sie 2011 über ein Bachkantaten-Album nachdachten. Und sie trieben es insofern auf die Spitze, dass sie aus der immensen Fülle der vorhandenen Werke lediglich die einleitenden Sinfonien herauspickten. Die aber haben es in sich: ein sprühender Reigen musikdramatischer Miniaturen „vor dem Vorhang“ ist das, der seinen ganzen Esprit auch ohne theologische Wortdeutereien erfüllen und die Zuhörer in Bann schlagen muss. Oft ergibt sich der Charakter schon aus dem Titel der jeweiligen Kantate, etwa die prunkvollen Fanfaren bei „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ BWV 29. Oder die in feierlicher Demut entgegen tänzelnde Flöte aus „Himmelskönig, sei willkommen“ BWV 182. Bei anderen Sinfonien klingeln die Ohren, etwa dem Oboenmelos aus „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ BWV 156 – woher war das nochmal? Richtig, dem f-Moll-Klavierkonzert, und vielleicht aus Zeitmangel vor dem herannahenden Sonntag flugs umgearbeitet. Eine andere Oboenkantilene voller Schmelz leitet die Kantate des Titels „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ BWV 12 atmosphärisch passend ein. Es ist ein unerschöpflicher Schatz, der von der Accademia Bizantina in klugem Wechsel aus aufbrausenden und ruhigen Sätzen komponiert wurde und hier mit einem hervorragend austarierten, edel-warmem Ensembleklang formvollendet serviert wird. Was ließe sich mehr und größeres über eine solches Album schreiben? Machen wir es den Musikern nach – und wollen einfach mal stumm genießen.

04. — 10. November 2017

Johannes Brahms hatte bekanntlich keine eigenen Kinder, aber er hatte einen Patensohn, der ihm sehr am Herzen lag: Felix Schumann, das jüngste Kind von Clara und Robert Schumann. Mit Felix allerdings meinte es das Schicksal nicht gut, schon mit Mitte zwanzig starb er 1879 nach langer Krankheit an der Tuberkulose. Brahms hatte ihn ein Jahr zuvor noch während einer Italienreise in Palermo besucht, wo Felix auf Kur war. Kurz nach dieser Reise begann Brahms mit der Komposition an seiner ersten Violinsonate, noch erfüllt von den Eindrücken aus Italien, aber auch bedrückt über das Schicksal seines Patenkindes. Er schickte kurz vor Felix´ Tod im Februar 1879 einen Ausschnitt aus dem zweiten Satz als Zeichen seines Mitgefühls an Clara und schrieb dazu: „Wenn Du Umstehendes recht langsam spielst, sagt es Dir vielleicht deutlicher als ich es sonst könnte wie herzlich ich an Dich u. Felix denke – selbst an seine Geige, die aber wohl ruht.“ Als der Brief Clara erreichte, war ihr Sohn wenige Tage tot. Im Sommer desselben Jahres erhielt Clara die ganze Sonate von Brahms mit dem Vermerk: „Es wäre mir eine gar große Freude, wenn ich ihm ein kleines Andenken schaffen könnte.“ Wie selten sonst bei Brahms kann man so in dieser Sonate auch die persönlichen Gefühle des Komponisten widerhallen zu hören. Als Erinnerung an die vergangene Kindheit von Felix und als typisch romantischer Ausdruck der Melancholie und Trauer lässt Brahms die Sonate auf einer ganz besonderen Melodie basieren, die aber erst im Finalsatz komplett erklingt: ein Melodie-Zitat aus seinen „Regenliedern“, mit denen er Jahre zuvor Gedichte von Klaus Groth vertont hatte. „Wecke mir die Träume wieder“, heißt es in diesen Zeilen, „die ich in der Kindheit träumte, wenn das Nass im Sande schäumte!“ Es sind Erinnerungen an eine bessere Zeit, eine Zeit mit Felix.

28. Oktober — 03. November 2017

Für Martin Luther war die Musik weit mehr als schönes Beiwerk des Glaubens: „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht den Menschen fröhlich“. Während sein Zeitgenosse Giovanni Pierluigi Palestrina später dem Konzil von Trient zu zeigen versuchte, dass Musik nicht der Textverständlichkeit schadet, erkannte Luther an der Beliebtheit der alten lateinischen Hymnen, dass der schnellste Weg ins Herz der Menschen über die Musik führt. Der Gemeindegesang und die Rolle der von Luther (um-)gedichteten und von den ersten Kantoren gesetzten Choräle im geistlichen Leben gehören zu den markantesten Neuerungen des Reformators. Wenn am 31.10. das 500. Jubiläum des Wittenberger Thesenanschlag als Reformationsfest gefeiert wird, blicken wir dabei auch auf eine fast ebenso lange Traditionslinie musikalischer Auseinandersetzung mit Luthers musikalischem Erbe zurück. Dabei passten Kirchenmusiker aller Jahrhunderte, allen voran Johann Sebastian Bach, die schlichten und altvertrauten Melodien der Choräle stets in ihren musikalischen Zeitgeschmack ein. Ob als Fundament für virtuose Choralvariationen an der Orgel, Verbindungsglied zur Gemeinde wie in den Passionen oder als Bekenntnis wie in Mendelssohn Bartholdys „Reformationssinfonie“. Der Weimarer Posaunenprofessor Christian Sprenger stellt für seine Arbeit als Komponist und Arrangeur ebenfalls den Choral in den Mittelpunkt. Zunächst trat er mit seinem Ensemble „genesis brass“ auf mehreren Alben mit Fantasien hervor, doch für das Jubiläum durfte es auch eine Nummer größer sein. Am Pult der Weimarer Staatskapelle hat er zwölf ins Sinfonische geweitete Kompositionen aufgenommen, darunter „Nun danket alle Gott“, „Liebster Jesu, wir sind hier“ oder „Ein feste Burg ist unser Gott“. In schönstem Breitwandfilmsound kommen die alten Choräle daher. Oftmals von weiträumigen Vorspielen vorbereitet entfalten sie sich erst allmählich aus dem Material, bis sie sich mit Einsatz des Chores in Originalgestalt zeigen, und natürlich wird dieser Höhepunkt – Sprengers Herkunft geschuldet – mit mächtiger Blechbläsergruppe gefeiert. Diese „Lutheran Symphonix“ sind ein gelungener, herrlich unverkniffener und festlicher Beitrag zum Jubiläum, der die Lebendigkeit von Luthers musikalischem Erbe unter Beweis stellt.

21. — 27. Oktober 2017

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. Stattdessen fließen seine Kompositionen frei und melancholisch, changieren zwischen Euphorie und Pathos: die ganze, große, spätromantische Gefühlspalette! In Mjaskowskis beiden Cellosonaten hört man einen Romantiker, der Tschaikowski und Rachmaninow nacheiferte und dabei dennoch seinen eigenen Stil fand. Er traf eine klare Entscheidung zugunsten seiner Leidenschaft, dem Komponieren: Als er 1911 die erste Cellosonate, noch vor dem ersten Weltkrieg, schrieb, hatte er seinen Offiziers-Beruf bereits an den Nagel gehängt. Dass der Weltkrieg wenig später dafür sorgte, dass er eingezogen und schließlich im Kampf schwer verwundet wurde, muss eine Tragödie seines Lebens gewesen sein. Doch Mjaskowski erholte sich davon und wurde später langjähriger Kompositions-Professor am Moskauer Konservatorium. Und außerdem Schöpfer von u.a. 27 Sinfonien, 13 Streichquartetten und 9 Klaviersonaten! In seinem Lebensverlauf, aber auch in seinem Output zeigt sich so ein unbedingter Schöpfungswille, eine nicht enden wollende Berufung zur schönen, klingenden Kunst. Musik statt Krieg – ein Statement, das heute sicher ebenso wichtig ist wie vor hundert Jahren.

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CD zum Sonntag:

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