Startseite · CD zum Sonntag

22. — 28. April 2017

Jeder Künstler braucht eine Muse. Wer weiß, ob Richard Wagner „Tristan und Isolde“ geschrieben hätte, wenn er nicht 1852 in Zürich seine Seelenfreundin Mathilde Wesendonck kennen gelernt hätte. Was da genau gelaufen ist, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Der intime Ton eines Briefes Richard Wagners an Mathilde reichte in jedem Fall aus, um seine erste Frau Minna (die das Schreiben abfing) zu alarmieren. Es folgten ein unschöner Eklat und das Ehe-Aus der Wagners. Mathilde aber war nicht nur „die erste und einzige Liebe“, wie Wagner später über sie schrieb. Ihre hochromantischen Gedichte lieferten dem Komponisten auch Stoff und Inspiration zur Vertonung. In den fünf „Wesendonck-Liedern“ – „Der Engel“, „Stehe still!“, „Im Treibhaus“, Schmerzen“ und „Träume“ – aus den Jahren 1857 und 1858 werden in Mathildes Texten Liebe, Leid und Erlösung als große, metaphorisch ausgeleuchtete Themen aufgegriffen. Richard Wagner machte daraus Opernszenen in Miniaturform, voll von fiebriger Energie und dunkler Melancholie. Auf der Einspielung von Cheryl Studer mit der Staatskapelle Dresden und Giuseppe Sinopoli sind diese fünf kurzen Gesängen Richard Strauss‘ „Vier letzten Liedern“ an die Seite gestellt, die einem ähnlichen Klangkosmos entstammenden. Außerdem: das Vorspiel zum 1. Aufzug sowie „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ – jener Wagner-Oper über eine unlebbare Liebe, in der auch die eigentümliche Verbindung zwischen Richard Wagner und Mathilde Wesendonck mit anzuklingen scheint.

15. — 21. April 2017

Schichtarbeit: Die Aufführungspraxis ist in die Jahre gekommen. Dem rauschhaften Entdecken der ersten Goldgräberzeit in völlig unberührten Archiven folgte eine Phase der Rückkehr und immer wieder neue Sichtung und Wertung der großen Werke. So war die „Matthäus-Passion“ von John Eliot Gardiner 1988 ein Meilenstein in der Entrümpelung Bachs von den Traditionen romantischer Aufführungspraxis.
Die Passionen Bachs aufzuführen, glich seit jeher einer archäologischen Detailarbeit. Mehrere Jahrzehnte lang setzte der Thomaskantor seine Werke im Wechsel mit Kompositionen von Vorgängern und Zeitgenossen auf den Plan und fertigte dabei auf die jeweilige Aufführungsbesetzung zugeschnittene Varianten an. So sehr wir etwa die musiktheatralisch mitreißenden, ganz auf die drastische Bilderflut des Pietismus zugeschnittenen Brockes-Passionen von Händel, Telemann, Keiser und Co. schätzen gelernt haben, die seinerzeit viel beliebter waren als Bachs oratorische Passion - heute sind wir froh, dass der Leipziger Stadtrat seinem Kantor verbot, sich allzusehr der neuen Kunstform Oper anzunähern. Die Überlagerung der historischen Schichten - Augenzeugenbericht im Bibeltext (Evangelist), Reaktion der Gemeinde (Choräle des 16. Jhs), Reflektionen des Individuums (Rezitative und Arien des Barock), ergänzt noch durch den Erfahrungshintergrund der Moderne, mit dem sich ein heutiger Hörer diesem Werk in historischer Aufführungspraxis nähert, schaffen ein unerschöpfliches Spannungsfeld und Geflecht aus Bezügen.
Nun, fast dreißig Jahre später, legt Altmeister Gardiner im eigenen Label eine zweite Aufnahme vor. Inzwischen verzichtet er auf nahmhafte Solisten und besetzt alle Arien aus dem Kreis seines jungen, hochmotivierten Chores. Nicht alle haben Spitzenqualitäten, aber kann man das für Bachs Chorknaben annehmen? Für manchen Liebhaber der alten Fassung ist dies vielleicht die größte Einbuße, doch die Ent-Individualisierung passt zum Ansatz Gardiners, einen Schritt zurückzutreten und das Ganze in den Blick zu nehmen. Vom pathetischen, opernhaften Furor der ersten Einspielung verabschiedet er sich, präsentiert das Werk lichter, schnörkelloser (wortwörtlich, viele Verzierungen im Gesang fallen weg) und oratorischer – in den Rezitativen teils näher am Sprech- als am Musiktheater. Das Geschehen kommt dadurch deutlich besser in Fluss, Anschlüsse gelingen ohne Verzögerungen, die Binnenarchitektur der Passion interessiert Gardiner mehr als das verliebte Stehenbleiben bei jeder Arie. Insgesamt hinterlässt diese Aufnahme den Eindruck, dass der stilistische Rechtfertigungsdruck, der die Anfangsjahre der Alten Musik belastete, endgültig gewichen ist. Gardiner schaut allein auf die Wirkung von Bachs Über-Kunstwerk. Und der Hörer mit ihm.

08. — 14. April 2017

Die Bratsche und die menschliche Stimme haben vieles gemein: eine (meist) angenehme Mittellage, die Fähigkeit zum elegischen Gesang, ein ähnliches Timbre. Erst kürzlich hat Meister-Bratschist Antoine Tamestit daher ein ganzes Album dem „bel canto“ auf der Viola gewidmet, doch auch schon auf seiner Schubert-Einspielung aus dem Jahr 2009 mit der Arpeggione-Sonate und Liedern, die hier zum Teil im Duett mit Sängerin Sandrine Piau erklingen, hat er sich als begnadeter instrumentaler Sänger bewiesen. Und wie gut passt diese liedhaft schlichte Sonate mit den ausgewählten Schubert-Liedern wie „Liebesbotschaft“, „An den Mond“ oder „Wehmut“ zusammen! Gemeinsam mit Markus Hadulla am Klavier bewegt sich Tamestit zunächst auf den Spuren des längst vergessenen Instruments Arpeggione, einem faszinierenden Zwitter-Wesen aus Gitarre und Cello. Mit elegischen, typisch Schubert’schen Melodien und virtuosen Zwischenpassagen wird die Komposition bis heute von Cellisten und Bratschern geliebt, wobei sie zwar federleicht klingt, aber technisch so einige Herausforderungen mit sich bringt. In Schuberts Liedern, vor allem auch im unmittelbaren Dialog mit Piaus Stimme, zeigt die Bratsche dann einmal mehr auf, wie gut sich die beiden Klangsphären zu ergänzen wissen. Ein Album zum Dahinschmelzen.

01. — 07. April 2017

Die ganze Welt ist eine Bühne: Die erste historisch informierte Aufnahme aller 107 Sinfonien Joseph Haydns zu stemmen, das hat sich Giovanni Antonini mit seinem Giardino Armonico vorgenommen. Stichtag des Projekts ist der 300. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2032, doch dank der solventen Joseph Haydn Stiftung Basel im Rücken ist nicht zu befürchten, dass dem Orchester in so langer Zeit finanziell die Puste ausgehen könnte. Das charmante an dem Projekt ist, dass Antonini die Sinfonien thematisch auswählt und mit anderen, weniger bekannten Werken ihrer Entstehungszeit kontrastiert. So verortet er Haydn im Panorama seiner Zeit - einen Komponisten, der zwar viele Jahrzehnte geografisch abgeschieden in Esterháza arbeitete, aber - mit Notenmaterial aus aller Welt versorgt - dabei im Geiste regen musikalischen Austausch mit seinen Kollegen und den verschiedenen Strömungen hielt. In Vol. 4 wird die sinfonische Welt eine Bühne, und das Orchester zum Hauptdarsteller. Ob in der Inaugurationssinfonie Nr. 70 zur Eröffnung des neuen Opernhauses von Esterháza, der mit Buffa-Zitaten gespickten Nr. 12 oder der berühmten Sinfonie Nr. 60 "Il Distratto". Im Wortsinn des Titels "zerstreut" präsentiert sich hier der Klangkörper schon darin, dass er ganze Passagen aus der "Abschiedssinfonie" Nr. 45 hervorholt, bevor die Musiker ins eigentliche Werk zurückfinden. Oder die Violinen kurz nach Beginn des Finales nachholen müssen, ihre Saiten zu stimmen. Klug kombiniert wird diese große Komödie aus musikalischen Wechselbädern und Harlekinaden mit Domenico Cimarosas einsätziger Farce für Dirigent (Bariton) und ungehorsamem Orchester: "Il Maestro di Capella". Antonini legt auch mit dieser neuen Folge einen Geniestreich der Haydn-Interpretation vor: Angriffslustig, dabei aber klangvoll, sprühend, aber nie gehetzt, atemberaubend exakt getimed - einen besseren Haydn als bei Antonini findet man nirgends.

25. — 31. März 2017

Manchmal ist ein kleiner Skandal genau das richtige Marketing-Mittel: Sicher hat sich Maurice Ravel zwar ziemlich geärgert, als er sich mit seinem Streichquartett um den renommierten Rom-Preis bewarb, der vom Pariser Conservatoire mitgetragen wurde, und – zum wiederholten Male! – abgelehnt wurde. Die Begründung: Verstöße gegen die Kompositionsnormen. Doch letztendlich lenkte der „Skandal“ reichlich Aufmerksamkeit auf Ravels erstes und einziges Quartett. Denn hitzige Debatten innerhalb des Conservatoire entbrannten, sie kosteten den Hochschulleiter schließlich sogar seinen Job. Ungewöhnlich und unkonventionell ist dieses Quartett in jedem Fall, das längst als ein Meisterwerk des französischen Impressionismus gilt. In vier Sätzen knüpfte Ravel zwar rein formal durchaus noch an die klassisch-romantische Tradition an. Doch innerhalb dieser Sätze malt die Musik delikate, fließende Farbflächen, weckt Assoziationen und kreiert Stimmungen, integriert raffiniert baskische Tanzrhythmen und spielt mit harmonischen Mehrdeutigkeiten, wie es nur im Frankreich Anfang des 20. Jahrhunderts so zu finden ist. Das Hagen Quartett kombiniert auf seiner CD dieses Streichquartett von Ravel mit Debussys Quartett op. 10, das für Ravels Werk eine wichtige Inspiration war, und – aus etwa der gleichen Zeit, doch in einer ganz anderen Tradition verwurzelt – Weberns Quartett von 1905.

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CD zum Sonntag:

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