Startseite · CD zum Sonntag

20. — 26. Mai 2017

Es ist Monteverdi-Jahr: Am 15. Mai 1567 – vor 450 Jahren – wurde Claudio Monteverdi getauft (sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt). Und bis in die heutige Zeit begeistern und berühren seine Opern und Madrigale. Rinaldo Alessandrini und sein Concerto italiano, ausgewiesene Experten in Sachen Monteverdi, haben aus dessen „Madrigali guerrieri et amorosi“ einige ausgewählt und, umrahmt von Instrumentalstücken, zu einem stimmigen Album gebündelt. In Anlehnung an den Namen der Madrigal-Serie ist die CD „Night. Stories of Lovers and Warriors“ betitelt. Krieg und Liebe werden hier verhandelt und erfahren ihre Intensivierung durch die Nacht: Das Dunkel mit seiner unheimlichen, bisweilen mysteriösen Kraft verstärkt alle Gefühle, wenn Realität und Traum sich mischen, Ängste gegen Hoffnungen kämpfen, und sich doch letztlich der süße Schlaf über alles legt wie eine luftige Decke. Es ist pure, affektgeladene Musik, die Monteverdi für diese sich bisweilen bekriegenden Sphären von Liebe und Krieg komponierte. Und das federnde, transparente und dabei doch stets geerdete Spiel von Concerto Italiano entfaltet gemeinsam mit den klar und schlank artikulierenden, intonationssicheren Stimmen der Solisten einen traumwandlerischen Sog. Da will man gar nicht wieder aufwachen.

13. — 19. Mai 2017

Der Magdeburger Georg Philipp Telemann, der vor 250 Jahren gestorben ist, gehörte zu jener Art von Söhnen, die sich den Studienort nach dem Freizeitwert auswählen und – statt wie erwartet, Jura zu studieren – lieber mit andern Jungs im Keller eine Band gründen. Nur, dass seine „Band“ das studentische Collegium Musicum war, auf dessen geübte Kräfte noch sein Freund und Nachfolger in Leipzig, Johann Sebastian Bach, für seine Konzerte im Caféhaus Zimmermann setzen konnte. Und dass der Rat von Leipzig dem 23jährigen nach Ableben des Amtsinhabers ohne Umschweife die Verantwortung für das städtische Musikleben zugetraut hätte. Das passiert leider heutigen studentischen Bandleadern weit seltener als wünschenswert. Unverständlich also, dass die Nachwelt in dem immens produktiven Universalgenie, Musikdirektor, Notenstecher, Kaufmann, Netzwerker und Blumenzüchter nur einen mäßig begabten Vielschreiber sehen wollte. Dabei lässt nicht nur die stilistische Vielfalt des spielend mit italienischen, französischen, ja sogar polnischen und russischen Eigenheiten jonglierenden Komponisten staunen, auch die Erfindungsgabe im Einsatz noch entferntester Instrumentalkombinationen ist schlicht überwältigend. Wer sonst hat im Barock Konzerte für 2 Flöten und Calchedon (ein Lauteninstrument) oder 3 Oboen und 3 Violinen geschrieben? Und zwar so, dass die Mischung der Klangfarben stets geschmackvoll und stimmig, die Partie der jeweiligen Instrumente durchaus idiomatisch wirkt? Jedenfalls, wenn sich das ausführende Orchester bereits einen Namen als eingeschworene Truppe aus Individualisten gemacht hat, wie die Akademie für Alte Musik Berlin. Ihre Auswahl von Concerti grossi, die sie Telemann zum Jubiläum zusammengestellt haben, wird gerahmt von Festlichem für je 3 Trompeten und 3 Hörner, dazwischen kommen empfindsamere Töne des Wahl-Hamburgers zum Tragen, einschließlich eines Konzertarrangements für Mandoline, Hackbrett und Harfe, an dem der für seine Neugier bekannte Komponist seine helle Freude gehabt haben dürfte. Wer die konzertanten Gefilde des Musikkontinents Telemann im Jubiläumsjahr erkunden will, bekommt auf diesem Album einen ziemlich guten Vorgeschmack von der Ausdehnung und den zu erwartenden Überraschungen, die ihm bevorstehen.

06. — 12. Mai 2017

„Präsenz“: So kann man den Titel „Klātbūtne“ des 2. Cellokonzerts von Pēteris Vasks übersetzen. Sol Gabetta hat dieses Konzert bei dem lettischen Komponisten in Auftrag gegeben und 2015 gemeinsam mit der Amsterdam Sinfonietta eingespielt. Entstanden ist ein klingendes Plädoyer für die faszinierende Klangkunst Vasks, der sprechende Titel liebt und die Menschen mit seiner oft meditativen und emotionsreichen Kunst erreichen und berühren will. Manch einer mag das als kitschig empfinden. Doch ähnlich wie bei Arvo Pärt spielen auch bei Vasks Einfachheit und Intensität aufs engste zusammen, um eine sehr persönlich gefärbte, ja bisweilen bekenntnishafte Musik zu kreieren. Auf Sol Gabettas Album „Presence“ hat man genug Möglichkeiten, sich in diese für die Moderne doch eher ungewöhnliche Musiksprache hineinzuhören, denn neben dem Cellokonzert finden sich noch drei weitere Werke von Vasks: die „Abendmusik“ für Cello und Orgel sowie „Gramata cellam“ I und II. Und Gabetta ist wahrlich die perfekte Interpretin für diese Musik, sie lässt sich mit ihrem kraftvollen Ton und ihrer bedingungslosen Hingabe ein auf diese oft melancholischen, bisweilen herben Erkundungsreisen in die Welt der Stimmungen und Gefühle. Eine faszinierende Kollision von Archaik und Moderne, Zeit und Zeitlosigkeit, Technik und Emotion.

29. April — 05. Mai 2017

Braucht ein Konzert unbedingt ein Orchester, um zu wirken? Wenn wir Johann Mattheson, dem Chronisten und Lexikograf seiner barocken Zeitgenossen Glauben schenken, bezeichnet der Begriff „Concerto“ vor allem jene „Violin Sachen, die also gesetzet sind, daß eine jede Partie sich zu gewisser Zeit hervorthut und mit andern Stimmen gleichsam um die Wette spielt.“ Bei den Concerti à 3 des (vermutlich) Florentiners Giuseppe Antonio Brescianello handelt es sich also keineswegs um Etikettenschwindel auf faden Triosonaten. Unverkennbar sind die Werke des Virtuosen, der 1715 im Gefolge der bayerischen Kurfürstin den Karrieresprung über die Alpen wagte und nach einem enervierenden Pöstchenstreit für dreißig Jahre das Musikleben am Württembergischen Hof in Stuttgart und Ludwigsburg vorteilhaft bestimmte, in konzertanter Satzart gestrickt. Und noch dazu ein überraschender Lustgarten musikalischer Varianten und Effekte, in dem man sich gerne wandelnd erfreut. Eine doppelt treffende Assoziation, denn diese Erstaufnahme steht unter der pflegenden Obhut des Ensembles „Der musikalische Garten“, das die Concerti Brescianellos auch in der Kammerbesetzung, für die sie komponiert sind, zu auftrumpfenden, glitzernden Juwelen macht und sich die thematischen Bälle wie beim Rasenspiel vergnügt zuwirft. Kein Staub der Geschichte – hier treibt alles in frischem Grün.

22. — 28. April 2017

Jeder Künstler braucht eine Muse. Wer weiß, ob Richard Wagner „Tristan und Isolde“ geschrieben hätte, wenn er nicht 1852 in Zürich seine Seelenfreundin Mathilde Wesendonck kennen gelernt hätte. Was da genau gelaufen ist, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Der intime Ton eines Briefes Richard Wagners an Mathilde reichte in jedem Fall aus, um seine erste Frau Minna (die das Schreiben abfing) zu alarmieren. Es folgten ein unschöner Eklat und das Ehe-Aus der Wagners. Mathilde aber war nicht nur „die erste und einzige Liebe“, wie Wagner später über sie schrieb. Ihre hochromantischen Gedichte lieferten dem Komponisten auch Stoff und Inspiration zur Vertonung. In den fünf „Wesendonck-Liedern“ – „Der Engel“, „Stehe still!“, „Im Treibhaus“, Schmerzen“ und „Träume“ – aus den Jahren 1857 und 1858 werden in Mathildes Texten Liebe, Leid und Erlösung als große, metaphorisch ausgeleuchtete Themen aufgegriffen. Richard Wagner machte daraus Opernszenen in Miniaturform, voll von fiebriger Energie und dunkler Melancholie. Auf der Einspielung von Cheryl Studer mit der Staatskapelle Dresden und Giuseppe Sinopoli sind diese fünf kurzen Gesängen Richard Strauss‘ „Vier letzten Liedern“ an die Seite gestellt, die einem ähnlichen Klangkosmos entstammenden. Außerdem: das Vorspiel zum 1. Aufzug sowie „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ – jener Wagner-Oper über eine unlebbare Liebe, in der auch die eigentümliche Verbindung zwischen Richard Wagner und Mathilde Wesendonck mit anzuklingen scheint.

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