Startseite · CD zum Sonntag

15. — 21. Juli 2017

„Meistersinger“, „Tannhäuser“, „Der fliegende Holländer“, „Faust“, „Lohengrin“ und „Rienzi“: Würde man alle diese Opern-Schinken ganz anhören, wäre man wohl Tage beschäftigt. Die Ouvertüren zu Wagners berühmten Werken liefern schon mal das ganze Drama, die ganze Wucht und das Liebeswähnen und -leiden – aber zeitlich eingedampft auf überschaubare 10 bis 15 Minuten. Auch unabhängig von ihren musiktheatralen Einbindungen sind diese Vorspiele große Orchestrierungskunst und gerade für die, die Wagner wegen seiner komplizierten Plots und seiner oft eigenartig anmutenden Opernsprache scheuen, ein guter „Ersatz“. Wie etwa in den ersten Takten des Vorspiels zum „Tannhäuser“ die Blechbläser mystisch ansetzen, die Celli dann übernehmen und wie später die Violinen in ihren endlos herabperlenden Gegenstimmen einen klanglichen Kontrapunkt zu dieser Waldsphäre setzen: Wagner war einfach ein großartiger Architekt der Stimmungen und Klangsphären, und das ist hörbar in jeder dieser Ouvertüren. Georges Szell und das Cleveland Orchestra kosten dies auf beeindruckendem Niveau aus – in einer angenehmen Balance aus Pathos und Gelassenheit.

08. — 14. Juli 2017

Halb ist es Lust, halb ist es Klage: Volkslieder unterscheidet vom volkstümlichen Schlager nicht nur der fehlende Einsatz von Schlagzeug, ihre Texte trauen sich auch, völlig fern von Schunkellaune und Heimatdusel sich den harten Themen des Lebens zu widmen. Ja, sie scheinen ihre Süße geradezu vornehmlich aus Wehmut, Abschied und Verlust von Lieb und Herkunft zu ziehen. Darin wurzeln sie noch in den Erfahrungen, die Handwerksburschen auf Wanderschaft machen mussten, um „weltläufig“ und reif zu werden. Eine Steilvorlage für die Romantiker, die hier nicht nur die „Volkspoesie“ als Dichtkunst der Schwarmintelligenz am Werke sahen, sondern die Wanderschaft und ihre Themen zum Symbol der Lebensreise erhoben und ihre Inspiration daran entzünden konnten. Von Schubert bis Mahler stand das Lied hoch im Kurs, aber dem echten, überlieferten Volkslied hat sich wohl kein Romantiker mit mehr Leidenschaft gewidmet als Johannes Brahms. Für seine Sammlungen, denen er sich in hohem Alter sogar noch verstärkt widmete, fasste er die schlichten Juwelen der bekannten Melodien in die Fassung seiner spätromantisch komplexen, nie jedoch Wort und Gesangslinie verfälschenden oder überlagernden Klavierbegleitungen. In dieser fast zwanzig Jahre alten Aufnahme stehen sich ideale Partner für diese beiden Welten gegenüber, dem hell und volksliedhaft geradlinig gestaltenden Bariton Stephan Genz der einfühlsame Begleiter Roger Vignoles.

01. — 07. Juli 2017

Wer noch ein wenig durchhalten muss vor dem Sommerurlaub oder allzu sehr unter der derzeitigen Regenfront leidet, der kann mit „Southamerican Getaway“ der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker zumindest schon mal Urlaub im Kopf machen. Die 12 Meistercellisten koppeln hier großartige Unterhaltung, Virtuosität und Innovation zusammen, denn was sie da aus ihren Instrumenten holen und in ausgefallenen Kombinationen an Timbre und Technik vermengen, ist Klangkino vom Feinsten. Der erdige, sangliche Ton, für den das Cello so berühmt ist, wird hier etwa in den „Bachianas Brasileiras“ von Hector Villa-Lobos vorzüglich mit der Sopranstimme Juliane Banses kontrastiert. Aber die Cellofraktion weiß auch effektvolle rhythmische Feuerwerke abzubrennen und die erotische Eleganz der Tangomusik, wie in den Arrangements von José Carli, zu zelebrieren. So präsentiert sich das Cello auf dieser CD in seiner klanglichen Vielfalt mal wieder als ein Alleskönner – potenziert durch 12 Ausnahme-Künstler, die sich dennoch als Mitglieder eines Orchesters naturgemäß bestens auf die Ensemblekunst verstehen. Ein hervorragender Soundtrack auch für den nassen deutschen Sommer.

24. — 30. Juni 2017

Nichts für Angsthasen: Das sommernachts-freiluftig dahinflutende Oktett von Franz Schubert ist in Wahrheit auch ein Durchbruch nach mehreren Jahren sinfonischer Quälerei. An der Überfigur Beethoven haben sich etliche Generationen von Komponisten die Zähne ausgebissen, und wie später auch Johannes Brahms fand Schubert in der Kammermusik eine Hintertür zum eigenen Stil in der Sinfonik. Die Besetzung mit solistischen Holzbläsern und Streichern entspricht klanglich einem agilen, warm timbrierten Mini-Orchester. Und entsprechend bietet Schubert beides: Die traditionellen Serenaden-Sätze einer Freiluftmusik, durchbrochen in den Ecksätzen und dem ausgreifenden Adagio um Sätze von sinfonischer Tiefe und der für Schubert so typischen bittersüßen Sehnsucht.
Ganz aus dem Sinn einer Schubertiade, dem Musizieren von Freunden, lebt auch das Kammermusikfestival „Spannungen“ in Heimbach, das diesen Sonntag nach einer Woche zuende gehen wird. 2009 fand sich ein All-Star-Ensemble um Klarinettisten Jörg Widmann zusammen, unter anderem mit Dag Jensen, Isabelle van Keulen, Veronika Eberle, Rachel Roberts und Tanja Tetzlaff. Gemeinsam kostete man aber nicht nur die seelischen Klippen und Nachtflüge des Schubertschen Oktetts aus, sondern zugleich ein Schwesterwerk aus Widmanns Feder, dass sich ganz ungeniert der Reflektion romantischer Klangwelten widmet, auch wenn es sie durch bedrohlich fahle Streicherfäden oder auch mal vierteltönige Reibungen immer wieder schärft. Der langsam aufsteigende Klagegesang von Violine und Klarinette zu Beginn des langsamen Mittelsatzes braucht sich an Eindringlichkeit hinter Schuberts Oktett wahrlich nicht zu verstecken.

17. — 23. Juni 2017

Kürzer werden die Nächte nicht als in diesen Tagen, wenn der Sommer bis in die späten Abendstunden sein mildes Licht verströmt. Als Arnold Schönberg 1899 sein Streichsextett „Verklärte Nacht“ niederschrieb, war der Sommer schon fortgeschritten, aber Schönberg mit seinen 26 Jahren noch jung und überraschend romantisch. Er komponierte das Werk im österreichischen Payerbach, wo er mit seinem Mentor und Freund Alexander Zemlinsky und dessen Schwester Mathilde – seiner zukünftigen Frau – den Sommerurlaub verbrachte: das richtige Setting, um einen nächtlichen Spaziergang zu vertonen. In Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“, das Schönberg als Inspiration nutzte, geht es um die Aussprache eines Liebespaars im Angesicht der Natur: Die Frau gesteht ihrem Freund, ein Kind von ihrem ungeliebten Ehemann zu erwarten – die Nachricht stößt überraschenderweise auf Verständnis und Milde bei ihrem Geliebten. Schönberg vertonte die Empfindungen des Liebespaares und ihre Spiegelung in der nächtlichen Natur mit einer erweiterten Tonalität, die aber noch nichts von der radikalen Dodekaphonie der späteren Zeit erahnen lässt, und verbindet die fünf Stimmungsbilder durch ein musikalisches Leitmotiv miteinander. Eine Begegnung zweier Menschen, die trotz schwieriger Bedingungen zu einem versöhnlichen Ende findet. So wird letztlich „diese Nacht der Tragödie (…) in eine verklärte Nacht verwandelt“ (Schönberg).

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CD zum Sonntag:

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