Startseite · CD zum Sonntag

09. — 15. September 2017

Am 11. Juli durchbrechen sie die Stadtmauer, und alles, was Beine hat, versucht zum Fischertor zu gelangen, um von dort ins Freie, in die Donauauen zu fliehen. Wir schreiben das Jahr 1683, die Osmanen sind auf dem Vormarsch nach Wien und nehmen die kleine Gemeinde Hainburg im Handstreich. Doch die Flügel des Stadttors lassen sich nicht schnell genug öffnen, der Druck der Nachfolgenden führt zu einer Massenpanik. 8000 Menschen sterben im folgenden Massaker. Nicht so der Wagnergeselle Thomas Haydn, und das ist unser Glück. Denn seine beiden Enkel Michael und Joseph haben das Rad der Musik einen gehörigen Schwung weitergedreht.
Nur durch Zufall verschlägt es den sechsjährigen Joseph Haydn wieder nach Hainburg zurück, zum Musik- und Schulunterricht, und hier entscheidet sich auch sein Musikerschicksal, als er 1740 dem Wiener Hofkapellmeister Johann Georg Reutter vorgestellt wird. Die Singprobe verläuft vielversprechend, Joseph wird bei den Sängerknaben von St. Stephan aufgenommen.
Das Ensemble dolce risonanza unter Florian Wieninger hat für sein Album „Haydn …out of Hainburg“ Musik verschiedener Komponisten dieser Zeit versammelt. Neben Reutter kommen auch Joseph Fux, Johann Albrechtsberger zu Wort, und natürlich die Haydn-Brüder, alles in streng kammermusikalischer Besetzung, nur für wenige Streicher und Orgel (Solist Anton Holzapfel). Und gerade dadurch umso (durch-)hörenswerter. Denn wie aus dem kleinen Hainburg die Wiener Karriere, so entfaltet sich auch in dieser kleinen Form die ganze Eleganz der Haydnschen Einfälle. Und weil im Marienmonat September sowohl an Mariä Geburt (8.9.) als auch die Sieben Schmerzen Mariä (15.9.) erinnert werden, lässt sich der Höhepunkt dieser Auswahl auch doppelt genießen. Es ist das Salve Regina „a quattro voci ma Soli“ Hob. XXIIIb:2, für das sich noch Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander dazugesellen. Platz ist in der kleinsten Hütte – und für Haydn doch immer!

02. — 08. September 2017

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass der britische Tenor Ian Bostridge mit dem Pianisten Julius Drake sein Album zum Englischen Liederbuch veröffentlichte. Damit erlaubte er dem Hörer einen Streifzug vorbei an all den schönen, reifen Früchten, die die britischen Komponisten der Romantik aus der Beschäftigung mit ihrem Volksliedererbe gewonnen hatten. Mag sich lange Zeit für das Inselkönigreich der böse Spruch gehalten haben, ein Land ohne Musik zu sein, so galt das wenn überhaupt für den schmalen Ausschnitt der Kunstmusik, aber sicher nicht für die volksmusikalische Tradition. All diesen Liedern wohnt eine gewisse Gratwanderung zwischen sommerlicher Heiterkeit und frühherbstlicher Wehmut inne, wie man sie auch von der irisch-gälischen Musik her kennt. Diese Atmosphäre macht das Album zum perfekten Begleiter für die spätsommerlichen Tage. Da wären die tatsächlich irische Melodie "My love´s an arbutus", die mehrdeutig schwebenden "Twilight Fancies" von Fréderick Delius oder die für ein Klavierlied unglaublich ausgreifende Beschwörung "Sleep" von Ivor Gurney. Von jungem Leben und frühem Liebesleid erzählt Benjamin Brittens duftig und volksliedhaft gesetzter Besuch in den "Salley Gardens", dessen Erzähler die Lebensweisheiten seiner Geliebten leichtfertig in den Wind schlägt: "She bid me take love easy, as the leaves grow on the tree; But I, being young and foolish, with her would not agree." Daneben steht auch Ralph Vaughan Williams´ "Silent Noon", dass eine flüchtige Mittagsstunde im Gras zu zweit einfängt. All diese Albumblätter und Momentaufnahmen zu einem Hausbuch englischer Liedtradition zu bündeln gelingt aber erst der Gestaltungskunst und der bei aller Makellosigkeit und perfekter Atemführung stets leicht melancholisch gefärbten Stimme Ian Bostridges. Wer das kann, möge sich mit diesem Album auf den Ohren eine gute Stunde ins Gras legen und den Wolken zuschauen- so lange die Temperaturen das noch erlauben.

26. August — 01. September 2017

Einen Tag vor seinem 90. Geburtstag ist am 20. August der Komponist Wilhelm Killmayer gestorben – einer der einflussreichsten Tonschöpfer unserer Zeit, der zudem als Professor an der Münchener Musikhochschule ganze Generationen von Nachwuchs-Komponisten geprägt hat. Er hinterlässt ein gewaltiges Oeuvre, das zum Teil noch richtig entdeckt werden will. Wie stark seine Kunst geprägt ist von klassischen und romantischen Einflüssen, kann man besonders schön in dieser Gegenüberstellung von Schumanns Romanzen und Fantasiestücken mit Killmayers eigenen Romanzen und Bagatellen erlauschen, die der Cellist Nicolas Altstaedt mit Pianist José Gallardo 2010 eingespielt hat. Denn in allen diesen Duo-Stücken spürt man eine ergreifende Intimität des kammermusikalischen Dialogs, jeder Moment scheint einzigartig und kostbar zu sein. Die etwa 200 Jahre, die diese Kompositionen voneinander trennen, werden so, durch die Finger und Herzen der beiden Interpreten, vergessen gemacht. Stattdessen zelebrieren die Stücke eine zeitlose Unbeschwertheit, aber oft auch eine tiefe Melancholie, die als faszinierende atmosphärische Gegenpole für Schumann ebenso wesentlich waren wie für Wilhelm Killmayer.

19. — 25. August 2017

Mitten hinein ins Hollywood der 30er Jahre wirft uns Woody Allens neuer Film „Café Society“ – und in das Great American Songbook. Der in die Honigfarben des kalifornischen Sommers getauchte Film lebt atmosphärisch von den inspirierten, swingenden Evergreens des wohl berühmtesten Songwriter-Gespanns Rodgers & Hart. Erzählt wird – wie immer bei Allen betont leicht und beiläufig – die Geschichte vom kleinen jüdischen Juweliersgesellen Bobby Dorfmann. Der darf bei seinem Onkel, einem erfolgreichen Casting-Agenten Hollywoods Filmluft schnuppern und in die große Welt der Stars eintauchen, bis er mit gebrochenem Herzen nach New York zurückkehrt und dort einen Nachtclub eröffnet. Diesen kurzen Plott nutzt Allen, um im Geflecht zwischen Bobby, seinem Onkel Phil und dessen Assistentin Vonnie – zugleich Bobbys Schwarm und Phils heimliche Geliebte – eine bittersüße Romanze zu entspinnen und die Oberflächlichkeit der oberen Gesellschaft zu karikieren. Dabei wäre dieses Dasein ziemlich unerträglich, ließe es sich nicht mit einem Cocktail, einem Smalltalk und einem der heiter-melancholischen Songklassiker von Rodgers & Hart bannen. Eine Sommerkomödie über verpasste Chancen – und das falsche Leben nach richtigen Entscheidungen.

12. — 18. August 2017

Die Klangflächen entstehen aus dem Nichts, werden überlagert von anderen, bäumen sich sanft auf und verklingen wieder: Der Beginn von Toshio Hosokawas „Blossoming“ für Streichquartett öffnet Assoziationsräume, angestoßen natürlich auch durch den Titel. Genauso dienen auch die anderen Überschriften auf dieser mit „Silent Flowers“ betitelten CD als Brücken zu Bildern und Vorstellungen: „Kalligrafien I bis VI“, verschiedene „Landscape“-Studien und „Urbilder“. Die Beziehung des zeitgenössischen japanischen Komponisten zu den traditionellen Künsten und Ideen seines Heimatlandes ist nicht zu überlesen bzw. zu überhören. Als wohl wichtigste Inspiration aber für seine Kompositionen dient die Natur, der er auch auf dieser reinen Streichquartett-CD mit musikalischen Mitteln nachspürt. Dabei treffen in seinen klangsinnlichen Werken außermusikalische Einflüsse auf westliche Avantgarde, ohne dass man beides voneinander trennen könnte oder sollte. Vielmehr verflechten sich die unterschiedlichen Sphären ineinander zu einem faszinierenden, schillernden Mikrokosmos der Klänge. Das ist nicht immer so zart und ätherisch wie zu Beginn von „Blossoming“; im Mittelteil dieser Komposition geht es vielmehr mit metallischen Klängen zur Sache, und es entspinnt sich ein harscher, bisweilen brutaler Wettstreit unter den vier Instrumentalisten. Mit dem Arditti Quartet, dem wohl renommiertesten Quartett für Neue Musik, findet diese Musik ihre perfekten Interpreten, mit einem feinen Gespür für die Extrempole dieser ungewöhnlichen und (auch technisch höchst anspruchsvollen) Kompositionen.

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CD zum Sonntag:

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Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


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