Startseite · CD zum Sonntag

20. — 26. Januar 2018

Im Italien des 19. Jahrhunderts ist für Instrumentalisten nicht viel zu holen. Die großen Komponisten dieser Zeit: Alle schrieben sie Oper. Verdi, Puccini, Rossini, Donizetti, es ist zum Verzweifeln (zumindest aus Sicht der Kammermusik- und Orchesterfreunde)! Doch muss man nur ein wenig Schatzgräber-Instinkt mitbringen und gründlich suchen, wie es die Münchener Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem für ihre Debüt-CD bei Sony getan haben, und man stößt doch auf die eine oder andere Kammermusik-Offenbarung. Im Zentrum der CD „Serenata Italiana“ steht die Cellosonate in Fis-Moll von Giuseppe Martucci, der zu seiner Zeit als „Brahms Italiens“ gehandelt wurde. Und die leidenschaftlich aufschäumenden Cellokantilenen, die vollgriffige Klavierbegleitung und die dichte motivisch-thematische Arbeit erinnern tatsächlich an die beiden Cellosonaten des 23 Jahre älteren Johannes Brahms. Martucci, selbst Konzertpianist, komponierte diese Sonate mit 24 Jahren. Sie hat es wahrlich verdient, ihren Platz im nicht gerade umfangreichen Repertoire der romantischen Cellosonaten zu finden. In Raphaela Gromes und Julian Riem, die derzeit auf Konzerttournee ihre neue CD vorstellen, hat Martucci schon mal begeisterte und begeisternde Fürsprecher gefunden.

13. — 19. Januar 2018

Souvenir d’Italie: Wer bei russischer Kammermusik harmonisches Räucherwerk und schweren Samt erwartet und sich vorbereitend den Hemdkragen öffnen will, wird überrascht sein. Michail Glinka, der „Vater der russischen Musik“, war ein reisefreudiger Mann. Nachdem er seine stilbildende Oper „Ein Leben für den Zaren“ in St. Petersburg abgeliefert hatte, und weil es dort politisch so ungemütlich für Freigeister wie ihn wurde, begab er sich 1830 nach Italien und tauchte tief in die Belcanto-Tradition Bellinis und Donizettis ein und traf nebenbei auch Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein dort entstandenes Klaviersextett besticht denn auch durch ein paar äußerst zündende melodische Einfälle und ist von mehr rhythmischem Feuer beseelt, als das Großstadtleben in Russland wohl hergegeben hätte. Vater wurde er damit auch in dieser Gattung, wenn man auf die Sextett-Satz des damaligen Musikstudenten Peter Tschaikowski oder das Folgewerk aus der Feder von dessen späterem Studenten Sergei Ljapunow. Kennen Sie nicht? Seine (konkurrierenden) Zeitgenossen bezeichneten ihn abschätzig als uninspirierten Nachschöpfer seines Mentors Mili Balakirew, was auch sein Klaviersextett von 1915 nicht verleugnet. Doch das sollte einer Begegnung nicht im Wege stehen, verbindet es doch traumverlorene Nachtbilder mit dem orientalistisch-klangsinnlichen Schmelz sinfonischer Werke seiner Zeit. Ist ein Klaviersextett nun große Kammermusik oder ein Klavierkonzert für den Hausgebrauch? Beides – denn die solistische Stimmführung der Streicher verlangt kammermusikalische Präzision und Ensemblespiel, während dem Pianisten konzertante Virtuosität abverlangt wird. Dem fabergé-quintett mit Pianistin Ulrike Payer als Gast gelingt beides vortrefflich. Die musikalische Leistung wird angenehm unterstützt durch die schöne, unverfälschte Aufnahme des Raumes durch die Tontechnik. Ein Genuss!

23. — 29. Dezember 2017

Be-swingte Weihnachten! Wem die Ohren noch nicht klingeln von den weihnachtlichen Evergreens, der sollte sich an den Feiertagen dieses Album der Kings Singers in den CD-Spieler legen. Die britische Gruppe steht schon mit ihrem Namen für ganz große Sangeskunst, und auf diesem Weihnachtsalbum findet sich unter den sechs Sängern sogar noch der legendäre David Hurley, der inzwischen als letzter der langjährigen Formation die Kings Singers verließ und Platz machte für einen (sehr gelungenen) Generationenwechsel. Dieses „Christmas Songbook“ ist so kurzweilig wie vielfältig: A cappella-Arrangements von Klassikern wie „Still, Still, Still“, „Silent Night“ und „In The Bleak Midwinter“ wechseln sich ab mit verjazzten Nummern wie „Rudolph, The Rednosed Reindeer“ oder „White Christmas“. Und diese Weihnachtsgesänge sind nicht nur in der Intonation lupenrein und im Gesamtklang wunderbar ausbalanciert, sondern stets zielsicher unkitschig – aber doch mit einer berührenden Ernsthaftigkeit, ja Besinnlichkeit. Ein tolles Weihnachts-Album!

16. — 22. Dezember 2017

Zugegeben: Letzte Woche haben wir mit unserer CD-Empfehlung ganz schöne Hör-Kalorien aufgetischt. Dagegen wirkt das a-capella-Album deutscher Adventslieder von Schwesternhochfünf wie ein Spaziergang im Winterwald: klar, kühl, konzentriert. Die Stimmen beginnen im Einklang wie ein Schwesternkonvent der Hildegard-von-Bingen-Zeit, doch schon, wenn beim Arrangement von „Maria durch ein Dornwald ging“ hörbar ein Geflecht aus Sekunden und Reibungen zu flirren beginnt, zeigt das Album, was in ihm steckt: ziemlich heutige, experimentelle Lesarten von (allzu) vertrauten Weisen, die den eng beieinander liegenden, aber recht unterschiedlich timbrierten Stimmen von Schwesternhochfünf auf den Leib geschrieben zu sein scheinen. Von dort ausgehend gibt es eine ganze Menge heute wenig bekannter Leisen zu entdecken, etwa „Der Morgenstern ist aufgedrungen“, „Ich brach drei dürre Reiselein“ oder das zu tiefst berührende, weil unter dem Drang der Diktatur in Deutschland nach der Weihnachtshoffnung suchende „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper. Dass die Intonation auch mal etwas wackelt beim Einstieg auf dem Hochton lässt das Konzept nicht unangenehm kühl, sondern menschlich wirken. Wer es mit Einkehr und Besinnung ernst meint, wird auf diesem Album fündig werden.

09. — 15. Dezember 2017

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die Chorlandschaft der Colleges sowohl für Spitzenklangkörper sorgt, als auch für ein reiches, über Jahrzehnte gepflegtes Repertoire an „Carols“. Eine Kostprobe dieser englischen Spezialität legte aktuell etwa der Chor des Oxforder Merton College gerade auf dem schottischen Label Delphian vor. Natürlich kommt Altmeister John Rutter und seinem unverwechselbar eingängigen Stil dabei eine Sonderrolle zu, sowohl als Komponist wie auch als Arrangeur. Felix Mendelssohn Bartholdys „Festgesang“ erinnert daran, welche Verehrung dem Romantiker in England seit seinen Besuchen an der Themse bis heute entgegen gebracht wird. Ebenso ist der langjährige Chorleiter des King’s College Cambrigde, David Willcocks, mit zwei Chorsätzen vertreten. Sein ehemaliger Chorist Bob Chilcott hat nach seinem Ausscheiden die Seiten gewechselt. Und lässt nun seine Erfahrungen als Sänger in seinen weit über die Grenzen Englands hinaus bei Chören beliebten Carols einfließen. „The Shepard’s Carol“ etwa, den Bericht der Hirten bei ihrer Ankunft am Stall, fasst Chilcott in einen suggestiven Spannungsbogen. Ausgehend vom schlichten, pastoralen Bordun steigert sich der Chor zu strahlendem Forte, als die Hirten vom Licht erzählen, das ihnen begegnet ist.

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CD zum Sonntag:

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