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Philippe Jordan (c) Johannes Ifkovits

Wiener Symphoniker

Alle Neune

Das Orchester eröffnet mit seinem ersten Beethoven-Zyklus das Rennen zum 250. Geburtstag 2020 – und das nicht nur lokal.

Beethoven ist ein Mensch, kein Titan und kein Denkmal.“ So einfach sieht Philippe Jordan, der charismatische, sportive Chef der Wiener Symphoniker, den Komponisten, mit dem er sich gegenwärtig am meisten beschäftigt. Er will nicht aufschauen, sondern ihn erleben, ihn für sein Publikum nahbar machen. Ohne Anbiederung. „Er hat uns etwas zu sagen, immer wieder. Davon bin ich noch stärker überzeugt, seit ich mich ihm so intensiv widme.“
Wiens Sinfonieorchester, ungleich öfter und vielfältiger präsent als die Philharmoniker, hat unter dem gefragten, sich bewusst beschränkenden Maestro gehörigen Aufschwung genommen. Seit Herbst 2014 arbeitet man vertraglich zusammen, leider nur noch bis 2020. Denn dann wird der heute 42-jährige Schweizer, der auch als Musikdirektor an der Pariser Opéra national engagiert ist, die Wiener Staatsoper übernehmen. Und damit der Chef jenes Orchesters sein, das als Privatverein Wiener Philharmoniker heißt. Ein Verlust für die Symphoniker, aber auch ein Ritterschlag.
Jordan ist einer der zentralen Dirigenten der jungen Generation. Die sind mit Nikolaus Harnoncourts Originalklang-Erkenntnissen aufgewachsen, haben auch Karajans strukturklaren Ansatz und Abbados inhaltliche Versenkung verinnerlicht. Jordan hat zudem bei seinem Vater Armin Jordan wie bei Daniel Barenboim gelernt. In Paris absolvierte er bereits seinen ersten, auf DVD greifbaren Beethoven-Zyklus. Jetzt hat er Stufe zwei gezündet. Mit den Wienern geht es ans Eingemachte. Wirklich? Bei Beethoven? Ja genau!
Zwei Jahrzehnte ist der letzte Beethoven-Zyklus der Symphoniker unter Vladimir Fedoseyev bereits her; stilistisch eine komplett andere Klassikwelt. Zu Hause und in Shanghai haben sie „alle Neune“ schon gespielt, im Musikverein kommen sie nochmal ab Jahresende. Und während die Philharmoniker gerade unter Andris Nelsons reichlich uneben die Liveaufnahmen für ihren eigenen, zum Beethoven-Jahr 2020 zur Veröffentlichung anstehenden Zyklus eingespielt haben, sind die Symphoniker schon fertig. Gerade veröffentlichte man auf dem eigenen Label die erste von fünf CDs – mit der 1. und 3. Sinfonie.
Plastisch ausziseliert, dabei elegant balanciert, so dirigiert Philippe Jordan, gerade in direkter Folge, aber jedes Werk mit anderem Ansatz: „Beethoven fordert alles, manchmal auch noch mehr.“ Das ist kein extremes Sturm-und- Drang-Rauschen, Moderne steckt bei Jordan im liebevoll modellierten Detail. Man spürt: Er und sein Orchester sind im Spiel wie in den Aufnahmesitzungen sehr Beethoven-affin geworden. Was in der dramaturgisch stringenten „Eroica“ zu hören ist: menschlich, nicht heroisch, präsent, nicht verhetzt, die innovativen Details auskostend – etwa das Spiel mit Synkopen –, aber sie nicht ausstellend. Das hat Fluss und Funken, nichts wirkt ostentativ, erzwungen, überspitzt. Jordan und die Seinen gehen einen goldenen Mittelweg: Vertrautes mischt sich mit Neuem, abgewogen zwischen den diversen Interpretationsströmungen. Das hat trotzdem einen eigenen Zugang, melodisch, strukturiert, nie die großen Bögen vernachlässigend. Ein Hörgenuss.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 1 & 3

Wiener Symphoniker, Philippe Jordan

WSO/Solo Musica

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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