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(c) Baghir

Jean Rondeau

Freiland-Haltung

Darf ruhig pieken: Der Cembalist mit Naturlook hat der nur im Gesicht glatten Familie Bach ein Porträt gewidmet – Konzerte mit Auslauf und viel frischer Luft.

Lange hat es gedauert. Aber nun hat doch die Klassische Musik auch noch ihren Hipster Poster Boy bekommen. Mit viel haarigem Gestrüpp auf dem Kopf und im Gesicht. Ganz romantisch in die Ferne blickend. Aber doch kein Waldschrat, sondern ein wohlondulierter Rübezahl. Und dafür musste sich nicht mal Emanuel Pahud verunstalten oder Philippe Jaroussky als Conchita die Porzellanwangen schwärzen. Und auch bei Daniil Trifonov hätten wir zu lange warten müssen, bis aus seinem Ziegenbärtchen mehr geworden wäre.
Natürlich kommt der nicht nur von PRLeuten Heißersehnte aus der Schublade Alte Musik, Fach Cembalo. Doch der 1991 geborene Jean Rondeau (kein Pseudonym!) hat mit Schafswollsocken und Tofu eigentlich nicht so viel am Hut. Er ist durchaus ein Kind der Generation iPad. Im März 2016 erschien sein Debütalbum „Bach – Imagine“ mit Werken von Johann Sebastian Bach in Deutschland. Seine schon im Februar 2016 in Frankreich herausgekommene zweite CD „Vertigo“ hat inzwischen einen „Diapason d’or“ erhalten. Und jetzt geht Rondeaus erste Ensemble-Scheibe an den Start: eine durchaus heftige Frequenz. Aber der der Epoche, der er sich vornehmlich widmet. Freilich nur vornehmlich – davon gleich. Aber von nix kommt nix: Jean Rondeau war schon immer ein struppiges, aber extrem fleißiges Bienchen. Bereits vor seinem Studium am Pariser Konservatorium bei Blandine Verlet und Olivier Beaumont hatte er zehn Jahre Cembalo- Unterricht. Neben seinem Hauptinstrument studierte er außerdem Generalbass, Orgel, Künstler bleibt bei seinen Repertoireleisten, mit denen er so mutig wie bescheiden fast aus dem Stand Furore machte, und widmet sich solistisch besetzt mit fünf Streichern und einem Fagottspieler Cembalokonzerten der Bach-Dynastie.
Anlässlich seines Einstiegs gleich mit dem Schwersten war er freilich schon ins Grübeln gekommen: „Bei meiner ersten Solo-CD mit Johann Sebastian Bach zu beginnen, war für mich wirklich kein Pappenstiel“, reflektiert Rondeau rückblickend über die Scheibe, wo er sich auf der Front noch brav im Jackett, aber mit steilgestellten Haaren präsentiert. „Es macht mich sehr glücklich, ist aber auch ziemlich mutig. Bach ist ein Gott, und es ist schwer, die Musik eines Gottes zu spielen. Aber ich sage mir, dieser Gott ist so demütig, er akzeptiert, dass wir seine Musik spielen, das ist das Schöne und Überwältigende daran. Die Musik von Johann Sebastian Bach also gleich jetzt einzuspielen, das ist ein ganz großes Glück.“
Ja, ein Glückskind ist er schon, der Pariser Rondeau. Schließlich ist bereits sein Name Musik, noch dazu verweist er auf einen Tanz aus der Epoche, der er sich vornehmlich widmet. Freilich nur vornehmlich – davon gleich. Aber von nix kommt nix: Jean Rondeau war schon immer ein struppiges, aber extrem fleißiges Bienchen. Bereits vor seinem Studium am Pariser Konservatorium bei Blandine Verlet und Olivier Beaumont hatte er zehn Jahre Cembalo- Unterricht. Neben seinem Hauptinstrument studierte er außerdem Generalbass, Orgel, Klavier sowie Chordirigat bei Didier Louis. Zwischendurch belegte Rondeau auch Kurse an der Guildhall School of Music and Drama in London. Zusätzlich studierte er Komposition am Conservatoire à rayonnement régional de Paris (CRR) sowie Musikwissenschaft an der Université Paris-Sorbonne. Und damit immer noch nicht genug: In dieser haarigen Brust schlug nämlich auch das Herz eines Jazzers, und so vertiefte er sich zusätzlich in die improvisatorischen Klänge – schließlich war die Musik der Aufklärung nichts Anderes, wenn auch über festem Harmoniefundament.

„Let it swing“

„Let it swing“ (oder wie das eben auf Französisch heißt), so könnte man seinen Musizieransatz beschreiben. Jean Rondeau mag es locker kreiselnd, schön elastisch aus dem Handgelenk heraus, aber Sorgfalt ist ihm erste und hehrste Pflicht. Nur wer den Notentext beherrscht, darf sich Freiheiten der Interpretation herausnehmen. Das lässt sich sehr schön auch auf seiner zweiten CD feststellen, die der Veröffentlichung hierzulande noch harrt.
„Vertigo“, diesmal präsentiert sich Monsieur nur im Halbschatten von hinten, verschränkt auf hinreißende Weise Cembalostücke von Jean-Philippe Rameau mit denen von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (1705-55), dem „Maître de musique des Enfants de France“. Das heißt, Royer war für die musikalische Ausbildung der Kinder König Ludwigs XV. zuständig. Kurz vor seinem Tod wurde er zudem Leiter der königlichen Kammermusik und Orchesterchef der Oper. Rondeau spielt das lyrisch versonnen, aber auch als entspannter Turbotastenwirbler.
Längst hat Jean Rondeau jede Menge Preise abgeräumt, technisch kann ihm keiner. Trotzdem fand er auf seiner ersten CD, die – mutig, mutig – die berühmte Chaconne aus der d-Moll-Violin-Partita in der Brahms-Bearbeitung für die linke Hand wieder auf das Cembalo transferiert, dass da doch zu viele Harmonien verloren gingen. Und nahm eigenmächtig ergänzend die rechte Hand zu Hilfe. Er ist einer, der gern um Ecken denkt und trotzdem ins Schwarze trifft.
Wiederholt arbeitete Jean Rondeau mit dem Orchester „Les Ambassadeurs“ zusammen und ist Mitglied des Barockensembles „Nevermind“. Er ist außerdem Gründer der Jazz-Combo „Note Forget“, welche ihm als Plattform für seine Jazzkompositionen und -improvisationen dient. Und kürzlich feierte er auch noch als Filmkomponist sein Debüt: Er schrieb den Soundtrack für den Christian- Schwochow-Film „Paula“, der die Malerin Paula Modersohn-Becker porträtiert. Und wir sind sicher: Diese Aktivitäten haben alle eines nicht – einen Bart.

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach u.a.

Dynastie (Cembalokonzerte von Johann Sebastian Bach und Söhnen)

Jean Rondeau, Sophie Gent, Fanny Paccoud, Antoine Touche, Thomas de Pierrefeu, Evolene Kiener

Erato/Warner


Alte Liebe

„Ich habe das Cembalo für mich entdeckt, als ich es im Alter von fünf Jahren im Radio hörte“, erinnert sich Jean Rondeau. „Was im Nachhinein interessant ist, wenn ich diese frühe Leidenschaft analysiere: Es war tatsächlich der Klang dieses uns allen völlig unbekannten Instruments, der es mir angetan hat. Diese Liebe ist wie jede Liebe ziemlich irrational. Das Cembalo wieder in den Vordergrund stellen zu wollen, kann einem wie eine Kampfansage erscheinen, aber das ist es nicht wirklich, dahinter steht keine gewaltsame, rabiate Absicht. Es geschieht vielmehr aus Liebe und aus dem Wunsch zu teilen. Denn es ist viel schöner, eine Liebe zu teilen.“ (Jean Rondeau)


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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