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(c) Peuserdesign/L´arte del mondo

Werner Ehrhardt

Arien-Abenteurer

Ehrhardt und L’arte del mondo erweitern unseren Opernhorizont – diesmal mit der anderen „Così“, ausgerechnet von Antonio Salieri.

Das geht auf die Initiative des Dirigenten Werner Ehrhardt und seines 2004 gegründeten Period- Orchesters l’arte del mondo zurück.
Generalprobe, Aufführung und Drei-Stunden- Nachtakes, das ist die magische Formel der CDs. „Wobei wir meist doch das meiste aus der Liveaufnahme nehmen“, so Ehrhardt, „da sind das Adrenalin und der Einsatz am höchsten, und kleine Fehler sind dann musikalisch gar nicht mehr wichtig“. Diesmal also galt die aktuelle Ausgabe der Reihe „Opern aus den Archiven der Welt“ der anderen „Così fan tutte“, Köln. 1985 bis 2005 leitete Werner Ehrhardt dort das weltweit renommierte Kammerorchester Concerto Köln, mit dem er den dort gepflegten, charakteristischen Interpretationsstil der historischen Aufführungspraxis weiterentwickelte und prägte. Schon damals gehörte es zu den Leitlinien des Ensembles, regelmäßig scheinbar vergessene Komponisten jener Zeit neu zu überprüfen.
Aus dem großen Pool befreundeter Musiker stellte der in Leverkusen lebende Ehrhardt schließlich sein eigenes Orchester auf die Beine, um seinen Ideen noch unmittelbarer folgen zu können. Und dem er bewusst den heute so gut klingenden Namen gab: „L’arte del mondo ist italienisch, so wie viele Komponisten der Barockzeit, und es verweist auf unseren Anspruch, auch über den Tellerrand zu blicken, sich für die Musik anderer Kulturen zu interessieren, Unterschiede wie Gemeinsamkeiten zu studieren.“
Als freier Dirigent wandte sich Ehrhardt gleichzeitig auch den traditionellen Klangkörpern zu. Seither gastierte er mit großem Erfolg beim Staatsopernorchester Stuttgart, dem Konzerthausorchester Berlin, dem Berner Sinfonieorchester, den Hamburger Sinfonikern, dem Stuttgarter Kammerorchester, der Deutschen Kammerakademie Neuss, dem Orchestre de Chambre de Genève oder Capriccio Basel.

Auf der ganzen Welt zu Gast

Mit l’arte del mondo widmet sich Werner Ehrhardt aber auch dem Spiel auf modernen Instrumenten und dem Repertoire bis in die Romantik. Für interkulturelle Projekte ist man bereits mit dem türkischen Pera Ensemble, mit Künstlern der Peking-Oper oder israelischen und palästinensischen Musikern aufgetreten. Mit Daniel Hope und Max Richters global erfolgreicher Neubetrachtung der „Vier Jahreszeiten“ – „Vivaldi Recomposed“ – war man auf der ganzen Welt zu Gast. „Und mir sind extrem unterschiedliche Zugangsweisen wichtig“, so Ehrhardt, „deshalb haben wir gern mit so individuellen Solisten wie Edita Gruberova, Xavier de Maistre, Daniel Müller-Schott, Reinhold Friedrich, Viktoria Mullova, Lars Vogt, Simone Kermes oder Uri Caine zusammengearbeitet.“
Im Lauf der Jahre sind so unter seiner Leitung im Bereich Oper, Oratorium und konzertant- sinfonischem Repertoire bereits über 50 CD-Aufnahmen entstanden, die vielfach mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Unter den Einspielungen finden sich etliche Wiederentdeckungen vergessener Komponisten wie Joseph Martin Kraus oder Franz Xaver Sterkel. Eigenen Stellenwert hat aber das Paket der Opern-Raritäten bei Capriccio und der deutschen harmonia mundi.
„Dafür bin ich den Plattenfirmen, vor allem Sony, sehr dankbar“, erklärt Ehrhardt. „Die vertrauen mir blind, glauben an meinen Spürsinn und mein Gefühl für Qualität. Ich habe zwar Mitarbeiter und Berater, in erster Linie möchte ich darunter den Dramaturgen Olaf Krone und den Journalisten Michael Stegemann nennen. Auch Volker Matern beim WDR, der ja die konzertanten Aufführungen immer mitschneidet, ist sehr wichtig.“ Auch der Leverkusener Pharmakonzern fördert die Initiative. In dessen Erholungshaus auf dem Werksgelände probt und konzertiert das Ensemble. Dass in schöner Regelmäßigkeit eine Rarität pro Jahr ausgegraben und auch in Konzerten wachgeküsst werden kann, hat der Konzern mitangeregt und trägt die Reihe bis heute. „Aber am Ende entscheide ich dann mit meinem Bauchgefühl“, sagt Ehrhardt. „Denn auch jetzt hatten wir beispielsweise noch eine Paisiello-Oper in der Auswahl, aber letztlich fand ich dann doch diese sehr besondere Salieri-Oper passender.“

Antonio Salieri

La scuola de’ gelosi

Emanuele d´Aguanno, Federico Sacchi, Florian Götz, L`arte del mondo, Werner Ehrhardt

dhm/Sony


Keine Konkurrenz

Antonio Salieri (1750 – 1828) ist nur noch als missgünstiger Rivale Mozarts ein Begriff, der auch an dessen Ableben nicht unbeteiligt gewesen sein soll. Alles, was man diesbezüglich vor allem aufgrund der Hit-Verfilmung des Dramas „Amadeus“ von Peter Shaffer über Mozarts älteren Kollegen zu wissen glaubt, basiert nur auf Gerüchten. Auf den Opernbühnen führt Salieri immer noch ein Schattendasein. Cecilia Bartoli hat vor einigen Jahren eine Salieri-CD veröffentlicht. „Les Danaïdes“ wird regelmäßig gegeben. Gerade haben René Jacobs und Christophe Rousset im Theater an der Wien mit „Falstaff“ und „Les Horaces“ zwei Opern des kaiserlichen Wiener Hofkapellmeisters aufgeführt, „Die Schule der Eifersucht“ kommt szenisch im Mai 2017 an der Wiener Kammeroper heraus.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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