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Hille Perl

Krisensicheres Silber

Mit gleich drei Alben meldet sich Gambistin Hille Perl diesen Herbst zurück. Ein Gespräch über musikalische Erbauung in Zeiten der Eurokrise.

RONDO: Hille, Du lebst mit Deiner Familie auf einem Hof in der Nähe von Bremen. Hast Du auch schon aktive Ambitionen als Landwirtin?

Hille Perl: Nein, bisher ist alles nur Eigenanbau. Wir tauschen höchstens mit den Nachbarn ein Lamm gegen ein Stück Wild oder wir helfen uns beim Schlachten. Wir haben kürzlich mal einundzwanzig Hähne geschlachtet. Zu einem Bauernhof fehlt mir ehrlich gesagt auch das wirtschaftliche Interesse. Aber wenn man keine Lust auf Fleisch aus Mastwirtschaft hat, isst man erstens weniger davon und zweitens will man wissen, wo es herkommt. Ich weiß, wo meine Lämmer gegrast haben, das finde ich sehr beruhigend.

RONDO: Im Booklet der neuen CD beziehst Du Dich auf das scheiternde Wirtschaftswachstum und die Eurokrise. Was ist Wertschöpfung für Dich?

Perl: Als Musiker fragt man sich fast beständig: Warum mache ich das hier eigentlich? Gestern hat der SWR-Rundfunkrat bekannt gegeben, die beiden Orchester in Stuttgart und Freiburg zusammenzulegen. Die Beschäftigung mit Musik ist für mich ein gesellschaftlicher Klebstoff, kosmopolitisch gesehen. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft nur die Berechtigung haben zu existieren, wenn uns mehr ausmacht als wirtschaftliches Wachstum. Als Professorin in Bremen sehe ich junge Menschen aus so armen Ländern wie Armenien ankommen, die mit zwanzig ein musikalisches Niveau haben, wie wir hier nach dem Studium. Mit Geld hat das offenbar nichts zu tun. Dort lernen fast alle Kinder Instrumente, während hier die Musikschulen um ihre Anerkennung kämpfen.

RONDO: Nun finden sich Gambenkonzerte hierzulande wahrscheinlich noch nicht in jedem Plattenschrank. Warum legst Du ausgerechnet diese Musik den Hörern in Krisenzeiten ans Herz.

Perl: Zu den Konzerten von Telemann, Pfeiffer und Graun habe ich mir viele Gedanken gemacht. Sie stammen aus einer Zeit, als das Bürgertum die Geschicke der Gesellschaft zu lenken begann und sich von der Aristokratie abgrenzte. Ich bin überzeugt, dass wir dieses hochkulturelle Erbe nicht vernachlässigen dürfen, gerade jetzt, wo der Mittelstand faktisch nach unten wegbricht. In Amerika kann man jetzt schon beobachten, was uns hier in zehn Jahren blüht, wenn wir nicht gegensteuern. Wenn ich von den rein wirtschaftlich motivierten Zänkereien über die Verteuerung der Elbphilharmonie höre, bin ich irritiert. Eigentlich ist das doch ein moderner Palast, in dem sich diese Gesellschaft darstellen, begegnen und über ihre Werte befragen möchte, wieso geht es plötzlich nur noch ums Geld?

RONDO: Mal abgesehen von Planungsfehlern – da flammt doch aufgrund abstrakt hoher Geldbeträge eine Diskussion darüber auf, für wen das Konzerthaus überhaupt gebaut wird.

Perl: Das dauernde Argument für Kürzungen, dass nur eine Minderheit sich für diese Kultur interessiere, beißt sich in den Schwanz: Wenn wir wollen, dass mehr sich dafür begeistern, müssen wir in kulturelle Bildung investieren, nicht alles klein sparen. Ich habe mich mal erkundigt: Eine der beiden großen Tageszeitungen hat in Bremen nach eigenen Angaben gerade mal 850 Leser. Eine verschwindend kleine Gruppe, aber was sagt das darüber aus, welche Bedeutung diese Leute für das Fortkommen der Gesellschaft haben? Mir geht es um das Interesse an der eigenen Geschichte und der eigenen Herkunft. Für mich ist evident, dass das Interesse der Allgemeinheit an der so genannten Hochkultur seit dem Zweiten Weltkrieg stetig abgenommen hat.

RONDO: Das ist sogar erwiesen. Die größte Fraktion im Konzertsaal stellen die Jahrgänge 1939–44, also jene Generation, für die in der Nachkriegsnot Kultur zum Lebensmittel wurde. Aber heute leben viele Menschen mit Konsumformen der Kultur und empfinden die Auseinandersetzung mit klassischer Musik als fordernd und anstrengend.

Perl: Die Frage ist, können wir neue Generationen für alte Kultur begeistern? Eigentlich habe ich da keine Sorge. Es gibt fantastische Studenten, und jeder neue Gambist bedeutet nicht weniger, sondern mehr Arbeit für mich. Wir müssen daran arbeiten, eine Minderheit zu einer signifikanten Minderheit zu erziehen, deren Begeisterung ansteckend wirkt.

RONDO: Für Jugendliche sind die vielen Stunden, die ein Musiker allein am Instrument verbringt, der größte Lustkiller. Da steht Musik für Kommunikation und Lifestyle. Und doch sind das die Stunden, die einen Musiker formen.

Perl: Umso wichtiger ist es, so früh wie möglich immer auch zusammen zu musizieren. Egal, ob in der Familie gesungen wird oder Musikschüler ins Schulorchester oder in die Band gehen. Meine größte Motivation zum Üben war es, dass ich mit technisch brillanten Musikern, die ich kennengelernt hatte, eines Tages zusammenspielen können wollte. Das ist bis heute so. Ich liebe es, wenn im Zusammenspiel die Post abgeht, man sich die Impulse nur so zuwirft, wie zum Beispiel auch mit Petra [Müllejans] bei den Gambenkonzerten. Das A und O dafür ist das technische Niveau jedes einzelnen.

RONDO: Du hast neben den Gambenkonzerten, einem Nachschlag zur sehr erfolgreichen Telemann- CD, auch Kammermusik von Johann Schenk und „Sixxes“ mit Musik von Cage bis Wolff veröffentlicht. Hältst Du ein größeres Aktienpaket Deines Labels, oder wie hast Du sie dazu überredet?

Perl: Nein, überhaupt nicht. Aber wenn es um das Zusammenspielen und das gegenseitige Ausloten und Vertrauen geht, dann bildet sich über die Jahre ein harter Kern heraus. Wir funktionieren am besten als Ensemble mit ausgeprägten Einzelmeinungen. „Sixxes“ ist es ein Album zu amerikanischer Gambenliteratur des 20. Jahrhunderts. Über allem steht unsere Bewunderung für John Cage, sowie für dessen Schüler Christian Wolff, und auch Lees Kompositionslehrer Richard Cornell. Daneben enthält es Kompositionen von Martha Bishop, einer unglaublich interessierten und gebildeten Amerikanerin, die von Georgia aus die amerikanische Gambenrenaissance betrieben hat.
Was ich an Cage so bewundernswert finde, ist seine Absage an jeden Dogmatismus, er hat sich nie einer der federführenden Schulen Neuer Musik angedient, ist sich durch alle Veränderungen treu geblieben und hat dabei noch diesen tollen, tiefen Humor entwickelt. Und: Er war nie egoman.

RONDO: Grabenkämpfe gibt es ja auch in der Alten Musik zuhauf. Aber kann man mit einer Gambistin, die Schenk und Cage spielt, auch über Vibrato und Besetzungsfragen streiten?

Perl: Oh ja, einen Monteverdi kann man nicht ohne Kenntnis der Zeitkonventionen auf romantischen Instrumenten spielen, da funktioniert die Musik einfach nicht. Man muss wissen, was man tut und die Regeln kennen, bevor man sie außer Kraft setzt. Aber was mich interessiert, ist gute Musik. Egal aus welchem Jahrhundert und von wem. Gerade habe ich mir eine E-Gambe gekauft …

RONDO: Sowas gibt es schon?!

Perl: Allerdings, aber ich habe keine Brettgambe gekauft, sondern eine semiakustische. Lee und ich spielen einmal im Jahr für die Nachbarn in einer kleinen Rockband, Beatles-Arrangements und so. Nun experimentiere ich mit den Mitteln der Klangverzerrung und spiele mich noch einmal quer durch das Repertoire. Derzeit spiele ich eine Bachsuite darauf, das ist einfach sehr, sehr schön und öffnet die Ohren. Das ist eines meiner nächsten Projekte: ‚Born to be mild‘.

Georg Philipp Telemann u.a.

Concerti

Hille Perl, Petra Müllejans, Freiburger Barockorchester

dhm/Sony

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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