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Jean-Guihen Queyras

Schumann als Zukunftsmusik

Der französische Cellist spielt Schumann auf Darmsaiten – und prompt klingt dieser viel moderner.

RONDO: Herr Queyras, Sie gehören eigentlich nicht zum Lager der historischen Aufführungspraxis. Warum spielen Sie Schumann trotzdem auf Darmsaiten!?

Jean-Guihen Queyras: Es war die Ausgangsidee bei dem Schumann- Projekt, zu dem neben dem Cellokonzert auch die Klavier-Trios sowie das Klavierund das Violinkonzert gehören, die bereits erschienen sind. Es ist sozusagen: ‚Schumann von hintenrum!’ Wir wollten ihn nicht von heute aus, sondern von seinen Ursprüngen her betrachten.

RONDO: Ein Schumann von gestern?

Queyras: Ganz bewusst! Der Hauptgewinn betrifft die unerhörte Transparenz, die dabei zutage tritt. Jahrelang hat man gesagt, Schumann sei ein Genie – aber gut orchestrieren konnte er trotzdem nicht. Das war ein Irrtum. Das Problem lag in der klanglichen Dichte der modernen Orchester. Man muss sie auflockern, sonst können die Dynamik, die Energie und auch die Magie der Werke nicht wirklich entstehen. Unseren Aufnahmen gingen übrigens Konzerte voraus. Schon da hatte ich das Gefühl, etwas völlig Neues zu erleben. Alle Schwerfälligkeit fiel von der Musik ab. Ein Befreiungsschlag!

RONDO: Wie würden Sie den klanglichen Unterschied bei Ihrem Instrument beschreiben?

Queyras: Kleinerer Klang, gespreizteres Register! Das bedeutet, die Klangunterschiede zwischen dem oberen und unteren Bereich sind viel extremer – ähnlich wie das bei der menschlichen Stimme der Fall ist. Die Register sind viel weniger ausgeglichen. Der Cellist Pieter Wispelwey gab vor Konzerten gelegentlich sogar den Hinweis: „Nicht erschrecken!“ Soweit bin ich noch nicht gegangen.

RONDO: Warum war Schumanns Cellokonzert in der Vergangenheit nicht so beliebt wie das von Dvořák?

Queyras: Erstens hat Schumann sein Konzert ungeschickt für das Instrument eingerichtet. Er war denkbar unpragmatisch, was nichts Ehrenrühriges ist. Nur hat das zu einer großen Zurückhaltung der Interpreten geführt, die erst von Pablo Casals überwunden wurde. Und dann liegt es an der Musik selbst. Die gespaltene Welt, das fast Schizophrene des ersten Satzes sind schwer zu treffen. Das Werk ist düster und positiv zugleich. Es braucht, so vermute ich, einen Menschen des 20. oder 21. Jahrhunderts.

RONDO: Spielen Sie Schumann künftig nur noch auf Darmsaiten?

Queyras: Nicht unbedingt, zumal wir ihn bei Konzertprogrammen vielleicht auch mal mit einem Werk von Salvatore Sciarrino kombinieren wollen. Der Konzertalltag zwingt die Pianisten sogar zu noch größeren Kompromissen. Sie können nie sicher sein, was für ein Instrument Ihnen vor Ort angeboten wird. Von Nikolaus Harnoncourt stammt der Satz: „Es kommt nicht darauf an, auf was man spielt; sondern wie man spielt!“ Ich begegne zuweilen der Frage, ob ich bei einer bestimmten Gelegenheit auf Stahl- oder auf Darmsaiten gespielt habe? Man merkt es nämlich nicht unbedingt. Unser Ideal ist, dass man das Instrument nicht mehr herauserkennt.

RONDO: Auch bei Schumanns Trio Nr. 1 ist Ihr Ton spröder, vokalähnlicher und orchestraler als üblich. Entspricht das noch der französischen Tradition, aus der Sie kommen?

Queyras: Die französische Schule hat bei mir gewiss viel hinterlassen, denn meine ersten Lehrerinnen waren sogar sehr französisch. Das bedeutet: etwas leichter im Ton, sehr elegant und auf Linie bedacht. Trotzdem bin ich so früh nach Deutschland, dann nach New York gegangen, dass mein Spiel nicht so horizontal klingt wie bei anderen Franzosen. Ich spiele übrigens auch häufiger im Ausland als in Frankreich. Ich bin untypisch. Andererseits verstehe ich mich sehr gut zum Beispiel mit dem Pianisten Alexandre Tharaud. Und der ist nun wirklich extrem französisch.

RONDO: Spielen auch Isabelle Faust und Alexander Melnikov auf der CD im Sinne der historischen Aufführungspraxis?

Queyras: Isabelle spielt auf Darmsaiten, so wie das bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein üblich war. Sie müssen bedenken: Noch Jascha Heifetz hat grundsätzlich nicht auf Stahl-, sondern auf Darmsaiten musiziert. Ganz genauso war es bei Pablo Casals, meinem absoluten Gott. Sascha Melnikov wiederum besitzt zuhause zwar ein historisches Fortepiano von der französischen Firma Érard. Aber das Instrument war ihm für diesen Fall 30 Jahre zu jung. In der Zwischenzeit hat sich bei der Herstellung von Hammerflügeln viel verändert. Für die Aufnahmen benutzte er daher ein anderes, älteres Instrument.

RONDO: Wie oft müssen Sie, wenn Sie sowohl auf Stahl- wie auf Darmsaiten spielen, Ihr Instrument umrüsten?

Queyras: Nicht häufiger als allerhöchstens 20 Mal im Jahr. Dem Instrument ist das egal. Ich dagegen brauche Zeit, um mich umzustellen. Darmsaiten reagieren empfindlicher, auch labiler als Stahlsaiten. Natürlich wäre es idealer, wenn man ein zweites Instrument dafür verwenden würde. Aber erstens ist das zu teuer, denn ich müsste ein zweites Extra-Flugticket lösen, wenn ich mit zwei Celli verreise. Und zweitens ich bin so glücklich über mein eigenes Cello, und es war so schwierig für mich es zu finden, dass ich nicht darauf verzichten will. Es stammt von Goffredo Cappa aus dem Jahr 1696.

RONDO: Klingt ja fast wie eine zwischenmenschliche Partnerschaft?

Queyras: Das ist auch so. Musikalisch gesehen ist mein Cello so wie meine eigene Stimme, und die würde man ja auch nicht gegen eine andere eintauschen. Grundsätzlich ist die Beziehung zum Cello schon fast so etwas wie eine menschliche Liebesbeziehung. Nur einfacher.

Neu erschienen:

Robert Schumann

Konzert für Violoncello a-Moll, Klaviertrio Nr. 1 D-Dur

Jean-Guihen Queyras, Isabelle Faust, Alexander Melnikov, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado

hm


Erlauchte Gesellschaft

Im Schatten seines berühmteren Klavierkonzertes hat es auch das Cello-Konzert von Robert Schumann zu einer achtbaren Karriere gebracht. Nach Pablo Casals’ impulshafter Einspielung (1953 unter Eugene Ormandy) bekannten sich weitere Groß-Cellisten zu dem Spätwerk: Mstislav Rostropowitsch (1960), Janós Starker (1962) und Jacqueline du Pré (1968), in jüngerer Zeit auch Mischa Maisky (1985, Leonard Bernstein) und Yo-Yo Ma (1987, Colin Davis). Unter historischen Vorzeichen und auf Darmsaiten beschäftigte sich erstmals Pieter Wispelwey damit (1997). Schön auch die französischen Deutungen von Paul Tortelier (1978) und Pierre Fournier (1957 unter Ferenc Fricsay).


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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