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(c) Tim Hagedorn

Frankreich

Der Sound der Grande Nation

2016 kommt der frankophile Musikfan von Barockoper bis Jazz und Chanson voll auf seine Kosten – ganz besonders bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci.

Dass das deutsch-französische Verhältnis in all den zurückliegenden Jahrhunderten immer wieder gewaltige, vor allem kriegerische Belastungsproben bestehen musste, weiß jedes Geschichtsbuch zu erzählen. Aber eben auch in der Musik wurde schon mal so manche Konfrontation gesucht. Wie im Jahr 1717, als August der Starke den französischen Meistercembalisten Louis Marchand und Johann Sebastian Bach zu einem Wettstreit nach Dresden geladen hatte. Kurz vor dem anberaumten Termin schien Marchands Selbstbewusstsein jedoch auf Kirschkerngröße geschrumpft zu sein. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, war er plötzlich verschwunden und über alle Berge zurück nach Frankreich entfleucht. Seitdem ist die deutsch-französische Musikhistorie vom friedlichen Miteinander geprägt. Der Kölsche Jung Jacques Offenbach brachte den Parisern das musikalische Amüsement bei. Gottvater Bach fand in den Orgelmonsieurs Widor, Dupré & Co. größte Bewunderer. Und dass der jüngst verstorbene Pierre Boulez seit den 1950er Jahren seinen Erstwohnsitz in Baden-Baden hatte, spricht für die intensive, nachbarschaftliche Musikfreundschaft.
Nun würdigen gleich zwei Festivals das Musikland Frankreich in gebührender Vielfalt und mit reichlich Prominenz. Es sind das Berliner „Frankreich Festival – Rendezvous am Gendarmenmarkt“ (19. – 28. Februar) sowie die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci („Bonjour Frankreich!“; 10. – 26. Juni). Und hier wie dort stehen allein die Veranstaltungsorte für eine besondere Verbundenheit mit den Franzosen. So flohen Ende des 17. Jahrhunderts Zehntausende von Hugenotten aus dem katholischen Frankreich nach Berlin bzw. Potsdam und prägten fortan in ihrer neuen Heimat das geistige und künstlerische Leben. Nicht zufällig heißt Potsdams bedeutendstes Baudenkmal eben nicht „Ohne Sorgen“ – sondern „Sanssouci“.

Frankreich am Gendarmenmarkt

Dass das ungemein vitale Musikleben Frankreichs in dieser erlesenen Breite jetzt vorgestellt wird, ist nicht zuletzt dem Engagement des „bureauexport“ zu verdanken. So arbeitet die Berliner Dependance dieses französischen Musikexportbüros eng mit der Kulturabteilung der französischen Botschaft und den französischen Kulturinstituten in Deutschland zusammen, um die bunte französische Musikszene in Deutschland noch populärer zu machen.
Bei dem im Berliner Konzerthaus veranstalteten „Frankreich Festival – Rendezvous am Gendarmenmarkt“ gastiert etwa der Jazz- und Weltmusiker-Trompeter Ibrahim Maalouf, in Frankreich ein absoluter Superstar. Mit Vincent Peirani (Akkordeon) und Emile Parisien (Sopransaxofon) ist zudem ein inzwischen auch in Deutschland bekanntes Traumduo zu hören. Zu den klassischen Deluxe-Botschaftern der Grande Nation gehören dagegen etwa Maestro Marc Minkowski, der beim Eröffnungskonzert Wagner, Offenbach und Franck dirigiert. Die französische First Lady der Ondes Martenot, Valérie Hartmann- Claverie, spielt mit dem von Iván Fischer geleiteten Konzerthausorchester Berlin Messiaens klangvisionäre „Turangalîla- Sinfonie“. Und Harfen-Beau Xavier de Maistre trifft auf das Ensemble Les Siècles!

Lully oder Jazz in Sanssouci?

Zu einer fulminanten Rundreise durch die herrlichsten Landschaften vor allem der französischen Barockmusik laden sodann die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Und ob es sich nun um prachtvoll inszenierte Opern-Leckerbissen aus der Feder von Lully („Armide“) und Rameau („Pygmalion“) handelt oder um festliche, von Feuerwerk illuminierte Instrumentalmusik – bei den über 80 Veranstaltungen, die im und um das Schloss Sanssouci zu erleben sind, darf sich der frankophile Musikfan wunschlos glücklich fühlen. Schließlich gibt sich hier stets die Crème de la Crème die Ehre: So kommt auch Jordi Savall mit seinem Concert des Nations. Weder fehlen Christophe Rousset mit Les Talens Lyriques noch die tolle Pianistin Lise de la Salle, der mitreißend extravagante Countertenor-Freak Dominique Visse sowie das Jazztuba-Schwergewicht Michel Godard. Und was für Esprit in Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ stecken kann, wenn ihm auf historischen Instrumenten Beine gemacht wird, beweist der unvergleichliche Jos van Immerseel mit seinem Orchester Anima Eterna. Bienvenue, kann es da nur lauten.

Sie suchen französisches Savoir-vivre in Deutschland?

www.bureauexport.berlin/de

Oder einen Frankreichurlaub in Berlin-Brandenburg?

www.musikfestspiele-potsdam.de
www.konzerthaus.de/festival-frankreich

Oder gleich direkt zur Île de France?

Natürlich lockt auch Frankreichs Machtzentrum 2016 mit musikalischen Trüffeln. So öffnet im Juni die altehrwürdige Opéra Royal im Versailler Schloss ihre Pforten für zwei barocke Musiktheater-Spektakel. Zunächst präsentieren Dirigent Christophe Coin und Regisseur Denis Podalydès „Le bourgeois Gentilhomme“ von Lully & Molière. Kurz danach garantiert Hervé Niquet mit Le Concert Spirituel und dem Regie-Duo Corinne et Gilles Benizio wilden Klamauk – in der „Don Quichotte“-Oper vom Rameau-Zeitgenossen Joseph Bodin de Boismortier. Wer es dagegen bahnbrechend rockiger mag, der kann in einer großen Ausstellung in der Pariser Philharmonie/Cité de la Musique die Historie der Kultband The Velvet Underground Revue passieren lassen (30.3. – 21.8).

www.chateauversailles-spectacles.fr www.philharmoniedeparis.fr/fr/musee-expositions/expositions/ exposition-the-velvet-underground Foto:

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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