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Gelungenes Gesungenes

Musik der Welt

+ Cristina Branco blickt über den Tellerrand: Fado als Universalmusik + Maria Teresas Gesang vereint ganz unterschiedliche Stile des portugiesischen Sprachraums + Nach 1000 Jahren erweckt Tempus Fugit eine „Wunder wirkende“, korsische Messe zu neuem Leben +

Man versucht gern, traditionelle ethnische Musik und Weltmusik voneinander zu trennen. Die Differenzierung fällt heute schwerer denn je. Bei Weltmusik kommt es zur Vermischung verschiedener Musikstile, zu Veränderung – ein nur scheinbar modernes Phänomen. Traditionelle ethnische Musik ist Folklore oder klassische Musik eines Volkes. Also etwas, das bleibt, wie es schon immer war? Gewiss nicht! Austausch zwischen den Völkern gab es schon immer, und so stand meist Vermischung am Anfang von Traditionen. Reine Tradition ist reiner Zufall. Traditionen sind lebendig, verändern sich mit den Menschen. Bezeichnenderweise stammen einige „traditionelle“ Formen der (ach so konservativen) bayerischen Volksmusik oder die beliebtesten lateinamerikanischen Tänze erst aus dem 20. Jahrhundert.
Dagegen wirkt der portugiesische Fado, der im 19. Jahrhundert entstand, steinalt. An ihm etwas zu ändern – Tristesse zur Gitarrenbegleitung – scheint ein Sakrileg und geschieht doch zwangsläufig. Sechs Jahre nach dem Tode Amália Rodrigues schickt sich eine ganze Schar junger Thronanwärterinnen an, den Fado im neuen Kleid ins neue Jahrtausend zu überführen, mit anderen Themen, Besetzungen, Einflüssen. Allen voran Cristina Branco mit ihrem Album „Ulisses“ (Emarcy/Universal 0602498208984). Die Odysseus-Metapher erinnert nicht nur daran, dass die Portugiesen einst ein mächtiges Seefahrervolk waren, und daran, dass – wie Heraklit schon wusste – alles fließt, sie wirkt auch wie eine Rechtfertigung: Wer die Welt sieht/hört, hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht über den Tellerrand zu blicken. Also singt sie mit ihrer klaren, reinen Stimme auch Joni Mitchell, Mercedes Sosa, lässt sich von der portugiesischen Gitarre des auch als Komponisten beachtlichen Ensembleleiters Custódio Castelo begleiten, aber auch vom im Fado-Kontext unüblichen Klavier.Den Fado weitet sie so behutsam und sacht zu einer Chanson und Pop einschließenden Universalmusik, ja nur ein Stück ist typischer Fado und doch: O Wunder, keine Änderung rüttelt an der Essenz des Fado. Manchmal müssen sich die Dinge ändern, um die gleichen zu bleiben. Wermutstropfen nur die letzte Minute: Da zerstört ein sturgetakteter Drum- Computer alle Innigkeit, oder soll es den Einbruch der Maschinenwelt in die Romantik symbolisieren.
Bei Maria Teresa, deren weiche Stimme und angenehme Ruhe wohlig wärmen, ist Fado nur noch eine Startrampe. Als Französin mit portugiesischen Eltern hat sie es sicher leichter als Branco, mit Konventionen und Klischees des Genres zu brechen. Der Titel ihres Albums „Lusofonia“ (Le Chant du Monde/harmonia mundi 2741289) bezieht sich auf den gigantischen portugiesischen Sprachraum. Da haben wir neben der Traurigkeit des Fado die Fröhlichkeit der brasilianischen Samba, den seligen Schwebezustand des Bossa oder Impressionen von den Kapverden oder aus Angola.
Was ist nun traditionell? Musik, die von nur wenigen Menschen gepflegt wird oder gar ausgestorben ist und mit wissenschaftlicher Hilfe rekonstruiert werden muss, kann man schwerlich als traditionell bezeichnen. Oder doch? Die korsische Messe „Vultum tuum“ entstand noch unter byzantinischem Einfluss im Frühmittelalter. Von Rom im 11. Jahrhundert verboten, wurde sie 1000 Jahre nicht mehr gesungen. Dabei soll sie Wunder wirken: In der Messe soll das Gesicht der Madonna musikalische Gestalt angenommen haben; es soll sogar erscheinen, wenn sie von rein schwingenden Männerstimmen gesungen wird. Diese Harmonie (die nicht mit plattem Wohlklang verwechselt werden darf ) verwirklicht das Quintett Tempus Fugit auf „Nebbiu“ (Longdistance/ harmonia mundi 0460103), einer Sammlung alter geistlicher Musik aus der Nebbiu-Region. Was museales Kulturgut sein könnte, hat bei dieser inbrünstigen Interpretation wieder den Hauch des Lebendigen und steht ja vielleicht wieder am Anfang einer neuen Tradition.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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