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Musik der Welt

Soundtrack der Sechziger

1958 schwappte ein ganz neues, brasilianisches Lebensgefühl über den Ozean zu uns herüber. Der 50. Geburtstag des Bossa nova ist jetzt Schuld daran, dass wir uns in diesem Herbst ganz entspannt in einer neuen Welle von Reissues und Erstveröffentlichungen baden können.

Faszinierend in ihrer unerschöpflichen Vielfalt ist die Musik Brasiliens. Ihre Qualität und Popularität hat damit zu tun, dass sie im weltlichen und religiösen Leben der Brasilianer seit je eine zentrale Rolle einnahm. Die aus afrikanischen, indianischen und europäischen Wurzeln gespeiste Folklore erfuhr daher nie wie andere »Volksmusiken« eine Stagnation in ihrer Entwicklung, führte nie das Leben einer erstarrten Museumsmumie. Sie wurde vielmehr Triebfeder neuer und zeitgemäßer Ausdrucksmöglichkeiten in der Música popular brasileira und der Música erudita (der »gelehrten«, also Ernsten Musik), deren Grenzen fließend sind. Brasilianische Musik ist ein weites Feld, gigantisch und in Stilrichtungen verästelt wie der Amazonas. Wer es erstmals betritt, hält schnell die Gitarre »violão« für eine Bratsche, die Mandoline »bandolim« für ein kleines Bandoneon und den Musikstil »choro« für einen Chor. Selbst der fortgeschrittene Hörer kennt nur die Spitze des Zuckerhutes oder verirrt sich im Regenwald der Namen ungezählter Interpreten. Selten waren die Möglichkeiten einzutauchen größer als jetzt, denn wie man aus der Fülle der Neuerscheinungen schließen kann, spült wieder eine brasilianische Welle auf uns zu, auch wenn der Anlass überwiegend retrospektiv ist: der 50. Geburtstag des ewig jungen Bossa nova.
Man braucht kein Insiderwissen, um an Bossa nova Vergnügen zu finden, da er sich oft durch seine scheinbare Leichtigkeit und trügerische Illusion von Schlichtheit fast von selbst erschließt. Und Sprachkenntnisse? Dass das brasilianische Portugiesisch mit seinen vielen Vokalen, Diphthongen und weichen Konsonanten selbst gelesen wie reinste Musik klingt, ist eine Beobachtung, die sich an den als Melodram rezitierten Passagen von »Orfeu da Conceição« (EMI 216 670-2) nebenbei machen lässt. Dabei handelt es sich um eine der vielen historisch interessanten Reissues zum Jubeljahr. »Orfeu da Conceição« aus dem Jahr 1956 brachte erstmals drei Schlüsselfiguren der später als Bossa nova bekannten Musik zusammen: Der Komponist, Pianist und Arrangeur Antonio Carlos »Tom« Jobim hatte bei einem Zwölftöner studiert, sich aber mit seinem theoretischen Know-how ganz der populären Musik verschrieben, was ihn als Komponist ebenso eingängiger wie raffinierter Lieder zu einer Art brasilianischem Gershwin machte und der hier seinen ersten großen Song vorlegte: »Se todos fossem igauis a você«. Der Dichter Vinícius de Moraes, zuvor hochrangiger Diplomat, später Sänger, war die poetische Stimme des Bossa nova und Luiz Bonfá (vor dem Erscheinen Baden Powells) sein virtuoser Gitarrist, dessen wiederveröffentlichtes Album von 1962 »O Violao e o Samba« (EMI 216 740-2) ebenfalls nachdrücklich empfohlen sei. Es ist ein Schlüsselwerk, das wie die brasilianische Musik an sich mit unseren Kategorien von »U« und »E«, von Volks- und »volkstümlicher« Musik gar nicht zu greifen ist. Thema des Theaterstückes war eine zeitgemäße Adaption des griechischen Mythos, bei der Orpheus und Eurydike in den »Carnaval« von Rio verpflanzt wurden. Bald arbeiteten die drei wieder am gleichen Stoff für den Marcel-Camus-Film »Orfeu Negro« (Soundtrack bei Emarcy/Universal 530 8663), der Jobims »A felicidade«, Bonfás »Samba de Orfeu« und »Manhã de carnaval« zeitigte. Der bewegende Film erschien 1959, erhielt viele internationale Preise und machte den Bossa nova als coole, moderne Samba international bekannt. Allerdings dauerte es weitere drei Jahre bis dank Stan Getz das nordamerikanische Bossafieber ausbrach. Mit seiner sinnlich-weichen Melodik und seiner fließenden Rhythmik lieferte der Bossa nova dann den Soundtrack der Sechzigerjahre.
Warum wird aber jetzt der 50. Geburtstag gefeiert? Im Spätsommer 1958 entstand »Chega de Saudade«, ein Song von Jobim und Vinícius, der von João Gilberto gesungen, den Bossa nova (»Neue Welle«) definierte. Gilberto brachte als Gitarrist die rhythmischen Aspekte des melodisch und harmonisch von Jobim vollendeten Bossa zur Reife. Als Sänger verkörperte er am meisten das neue Ideal, auf Sparflamme zu kochen. Natürlich findet sich der Song auf allen zum Anlass erscheinenden Samplern, etwa von Eliane Elias interpretiert auf der 3-CD-Box »Blue Note Plays Bossa Nova« (Blue Note 215 999-2), die den Spuren des Bossa im Jazz (überwiegend Soul Jazz) nachspürt, oder in der Version von Leila Pinheiro in der 3-CD-Box »Platinum Collection Bossa Nova« (EMI 226 769-2). Diese erscheint zunächst merkwürdig zusammengestellt, da bestimmte definitive Aufnahmen und Interpreten fehlen, deren Rechte aber bei anderen Firmen liegen. Leila Pinheiro hat mit ihrem langjährigen gitarristischen und kompositorischen Partner, dem Bossa-Veteranen Roberto Menescal, ein zauberhaftes Album vorgelegt, »Agarradinhos« (EMI 511 534-2), das in seiner Intimität, Natürlichkeit und Entspanntheit den Wesenskern des Bossa nova trifft, dessen vermeintliche (an der heißen alten Samba gemessene) Coolness nichts als weiche Wärme ist.
Was bringt dieser brasilianische Sommer noch? Gleich zwei neue Alben legt Milton Nascimento, der Star mit der unverkennbaren Falsettstimme, vor. Auf »Novas Bossas« (EMI 214 817-2) wird er vom Jobim Trio begleitet, dem Sohn und Enkel des Komponisten angehören. Auf »Belmondo & Milton Nascimento« (BFlat/AL!VE 6137562) hört man ihn in einer von den Brüdern Stéphane und Lionel Belmondo gestalteten modernen Jazzatmosphäre, deren Arrangements alter Nascimento-Stücke auch die Atmosphäre der frühen französischen Moderne atmen. »Omara Portuondo e Maria Bethânia« (Discmedi/Galileo DM4510) ist der schlichte Titel des gelungenen ersten Spitzentreffens zweier expressiver Gesangsikonen aus Kuba und Brasilien.
Die Überraschung unter den Reissues: Das »Quarteto Novo« (EMI 216 746-2) liefert auf der längst fälligen, leider unkommentierten Neuauflage ihres einzigen Albums spritzige, hinreißend virtuose Musik von betörender Leichtigkeit, die ebenso folkloristisch wie für das Jahr 1967 progressiv ist: Es sind Lieder und Rhythmen aus dem Nordosten Brasiliens in jazzigen Arrangements von schelmischer Fröhlichkeit. Hermeto Pascoal (Flöte), Airto Moreira (Perkussionsinstrumente) sowie Théo de Barros und Heraldo do Monte (Gitarren) werden auf dem Album nicht einmal mit Nachnamen genannt, so vertraut sind sie den Brasilianern.
»Dialetto Carioca« (Egea/SunnyMoon SCA 131), das wohl atemberaubendste brasilianische Instrumentalalbum dieses Sommers, kommt aus Italien, wo sich der aus Rio stammende Gitarrist Guinga angesiedelt hat. Guinga, der 30 Jahre lang hauptberufl ich als Zahnarzt arbeitete, musiziert mit dem Trompeter »Jorginho do Trompete«, dem Gitarristen Lula Galvão sowie den Klarinettisten Paulo Sérgio Santos und Gabriele Mirabassi. »Nehmt Gershwin, Ravel, Cole Porter und Puccini, vermischt sie gut und lasst sie in der tropischen Sonne von Rio bräunen«, beschreibt Jazzvirtuose Guinga die Musik, erwähnt noch Samba, Choro und Baião als Wurzeln und nennt Villa-Lobos und Jobim, an welche die kompositorische Raffinesse, nicht aber der Stil des harmonisch sehr ausgefuchsten Autors kantabler Melodien in der Tat erinnert. Seine delikate Kammermusik, die zu ausgedehnten Jazzimprovisationen einlädt, wartet stets mit kleinen Überraschungen auf, von denen nicht die geringste ist, dass er selbst auf einem Stück herzergreifend singt.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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