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Vom Konzertsaal in's Wohnzimmer: Kamera in der Berliner Philharmonie (c) Peter Adamik/Berlin Phil Media

Virtuelle Konzertsäle

Live, in Farbe und im Internet

Sind die deutschen Klassik-Hörer wirklich Digital-Muffel, wie gerne behauptet wird? Zumindest im Internet- Konzertsaal scheinen sie sich durchaus wohl zu fühlen, wie Projekte prominenter Orchester und Konzerthäuser bestätigen.

Einmal im Jahr zieht der Bundesverband der deutschen Musikindustrie Bilanz. Und natürlich macht man das auch anhand von Tabellen und Tortenstücken, um die Umsätze des letzten Geschäftsjahrs eindrucksvoll zu verdeutlichen. Jüngst ist der Rückblick auf 2013 veröffentlicht worden – mit durchaus überraschenden Zahlen. Denn der deutsche Musikhörer scheint im Vergleich zu manch anderen in Europa eher konservativ eingestellt zu sein. So machte vom letztjährigen Gesamtumsatz das digitale Angebot wie Download und Streaming gerade einmal 22,6 Prozent aus. Die restlichen 77,4 % nimmt der Verkauf von physischen Klangmedien wie CD und – mit 2 % im starken Aufwärtstrend – die gute alte Schallplatte ein. Angesichts dieses Festhaltens am haptischen Tonträger werfen die beiden Musikverbandsbosse im gemeinsam aufgesetzten Editorial denn auch die Frage auf, ob es sich hierbei vielleicht um eine „German Internetangst“ handelt? Nimmt man etwa die Schweden zum Vergleich, bei denen das Streaming stolze 66 % des Musikkonsums ausmacht, könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass der bundesdeutsche Musikhörer nicht so ganz im 21. Jahrhundert ankommen möchte. Und wenn es nach den Möglichkeiten geht, sich in den heimischen vier Wänden ein Konzert oder eine Oper per Live- Stream zu gönnen, so scheint die hiesige Klassiklandschaft doch noch leicht verschlafen.
Ein kleiner Rundgang – am Schreibtisch vor dem PC versteht sich – reicht völlig aus, um einen repräsentativen Eindruck von der ausbaufähigen, digitalen Versorgung zu bekommen. Schaut man etwa auf den Websites der beiden Top- Orchester aus Dresden und Leipzig vorbei, erwarten einen da höchstens jene konventionellen Clips über die Arbeit der Orchester, die längst auch auf den einschlägigen Video- Plattformen stehen. Immerhin kann die Dresdner Staatskapelle mit Einführungen und Porträts von Gastsolisten wie Rudolf Buchbinder und Daniel Behle punkten – wenngleich man bisher geglaubt hat, dass solch ein Angebot mittlerweile überall zum Standard gehört.
Gleich zwei Schritte weiter ist dagegen im letzten Jahr die Kölner Philharmonie gegangen. Denn neben der offiziellen Seite mit den Konzertankündigungen gibt es www.philharmonie.tv. Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, ausgewählte Live-Konzerte von Klassikkünstlern sowie Jazzmusikern leicht zeitversetzt und für eine gewisse Dauer mitzuerleben. In der laufenden Saison konnte man so kostenlos die Auftritte von Martin Grubinger oder wie erst gerade ein dioses Gastspiel der Bamberger Symphoniker in bester Übertragungsqualität bestaunen. Vorerst sind die Livestreams jedoch auf sechs Konzerte pro Saison beschränkt.

Don Giovannis Lachfältchen: Oper in 4k-Auflösung

Um ein vieles umfangreicher ist die Konzertbandbreite, die die „Digital Concert Hall“ der Berliner Philharmoniker anbietet. Seit 2009 kann man auf www. digitalconcerthall.com weltweit Live-Konzerte der Berliner Philharmoniker verfolgen, die ebenfalls leicht zeitversetzt übertragen werden. Rund 40 Konzerte sind es in dieser Saison, bei denen der Chef Simon Rattle genauso am Pult steht, wie seine Kollegen Lorin Maazel und Mariss Jansons. Natürlich ist der digitale Besuch des Berliner Scharoun-Baus nicht ganz umsonst. So kostet ein Jahres- Abonnement knapp 150 Euro. Dafür hat man aber nicht nur Zugriff auf alle bisher ausgestrahlten Konzerte, sondern auch auf reichlich Bonusmaterial wie exklusive Interviews mit den gastierenden Spitzenmusikern. Und da man sich in Berlin gern am technischen Fortschritt ausrichtet, gibt es die „Digital Concert Hall“ genauso als App für iPhone und iPad und seit jüngstem auch als Android-App. Deren 1.0-Version bietet bereits die wichtigsten Funktionen der „Digital Concert Hall“: Live-Streams, Wiedergabe von Konzertaufzeichnungen, eine Suchfunktion, Filme und Education- Videos.
Gelten die Berliner Philharmoniker mit ihren Live-Streams als Pioniere im bundesdeutschen Konzertbetrieb, so gebührt dieser Titel im Bereich Oper der Bayerischen Staatsoper. Am 3. November 2012 ging man mit „staatsoper. tv“ auf Sendung. Und seitdem kann man ausgewählte Vorstellungen per kostenlosem Live-Stream besuchen. „Dies ist ein weiterer Beitrag zu meinem Grundkonzept, das Haus zu öffnen und Barrieren abzubauen“, so Opernintendant Nikolaus Bachler. Und für den Ausklang der laufenden Saison können sich Opernfans in aller Welt schon mal die feinste Jogginghose für den Sofa-Genuss zurechtlegen. Immerhin wird man Augenund Ohrenzeuge von Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“ mit Kirill Petrenko am Pult sowie von Monteverdis „L’Orfeo“ mit Christian Gerhaher in der Titelrolle! Kostenlos, wie gesagt.
Ist man in München stolz darauf, all diese Produktionen erstmals in erstklassiger HD-Qualität zu präsentieren, so können die Kollegen der Wiener Staatsoper darüber nur müde lächeln (mehr dazu auch im Interview auf Seite 6). Denn als weltweit erstes Opernhaus überträgt man seit Mai seine Aufführungen im Internet im neuen hochauflösenden Format Ultra-HD (www.staatsoperlive. com). Dieses Format hat nicht nur eine vierfach höhere Auflösung. „Mit Bildern dieser Schärfe“, so Staatsopern-Direktor Dominique Meyer, „kann der Zuschauer selbst entscheiden, was er sehen will – er braucht den Bildregisseur nicht mehr.“ So kann man etwa jetzt die Sänger näher heranholen und vergrößern – wobei Tenor Plácido Domingo bei der Vorstellung dieser technischen Innovation dann doch darum bitten musste, ihm oder seinen Sängerkollegen deshalb nicht gleich bis in den Mund hineinzuzoomen.


Auch so geht’s: 140 Noten-Tweets

Mit einem ziemlich außergewöhnlichen Projekt hat im März das diesjährige Dessauer Kurt Weill-Fest alle in aller Welt verstreuten Hobbykomponisten eingeladen. Auf der Internetseite www.tweetfonie.de konnte man eine kleine Melodie auf einem Online- Klavier komponieren, die sofort in eine twittertaugliche Sprache von 140 Zeichen codiert wurden. Die originellsten Tweets lagen dann dank professioneller Arrangeure am 3. März auf dem Pult der von GMD Antony Hermus geleiteten Anhaltischen Philharmonie Dessau. Das Konzert mit seinen kunterbunten, von verschroben über avantgardistisch bis süffig reichenden Orchesterstücken wurde natürlich im Live-Stream übertragen und ist weiterhin abrufbar – auf www.tweetfonie.de.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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