Startseite · Klang · Retro-Diskothek

Retro-Diskothek

Bachs Orgelmusik kann so sexy sein: In einer Zeit, als die Präludien, Fugen und Toccaten des großen Thomaskantors noch von behornbrillten Betroffenheitspathetikern an monströsen, neobarocken Orgelschlachtschiffen exekutiert wurden, fiel der französisch-schweizerische Orgelakrobat Lionel Rogg (geb. 1936) mit Bachinterpretationen ganz anderer Art auf. Sportliche Tempi, knackige Artikulation, klangsinnliche (aber nicht romantische) Registrierungen machen Roggs Bach bis heute zum erhebenden Erlebnis, obgleich man seinen Stil aus heutiger Sicht allenfalls als Vorboten einer historisierenden Orgelpraxis werten kann. Insgesamt drei Mal (!) nahm Rogg das gesamte Orgelwerk Bachs auf Schallplatte auf. EMI bietet in der GEMINI-Reihe zwei CDs mit bekannten Präludien und Fugen sowie den Toccaten und der Passacaglia c-Moll. EMI 264 289-2

Irgendwie sexy ist auch der leicht quäkende, eindringliche Klang des Zinks, italienisch Hörnchen (Cornetto): Die häufig leicht gekrümmte Horn-, Elfenbein- oder Holzröhre wird mit einem Kesselmundstück gespielt und war zur Zeit der Renaissance das Diskantinstrument im Posaunenconsort. William Dongois hatte es sich 1997 unter Beteiligung von zwei Tasteninstrumentalisten zur Aufgabe gemacht, mit flinken Lippen und beweglicher Zunge die virtuose Seite seines Zinks zu präsentieren. Als im Übergang zur Barockzeit nämlich vokalpolyfone Motetten und Madrigale stimmenweise durch starke Auszierung (Diminution) aufgepeppt wurden, da durften auch Zinkisten zeigen, was sie in Sachen Geschwindigkeit so drauf hatten. Zwischenzeitlich waren die Zinken freilich vollkommen verschwunden, aber im Rahmen der historisierenden Aufführungspraxis gibt es sie wieder – ebenso wie die vorliegende CD, die aufgrund von Labelturbulenzen eine Weile nicht erhältlich war und nun im Midprice-Sektor neu verfügbar wurde, zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer »Accent«-Schätze übrigens.
Accent/Note 1 ACC 10400

Walter Gieseking (1895–1956) stand in Sachen französische Literatur seinen berühmtesten Zeitgenossen romanischer oder osteuropäischer Nationalität in nichts nach. Ob es daran lag, dass er seine Kindheit in Lyon verbracht hat? Seine Klavierausbildung jedenfalls – soweit eine solche nötig war – erhielt er in Hannover bei Karl Leimer, dessen radikale Methode es war, jedes neue Stück zunächst auswendig lernen und technisch im Kopf perfekt erarbeiten zu lassen, bevor es am Klavier zum Erklingen gebracht werden durfte. Der solchermaßen gestählte Gieseking spielte für EMI nicht nur Franzosen, sondern vor allem auch großartigen Beethoven und Mozart ein. Eine Auswahl bietet auf acht CDs die vorliegende ICON-Box – eine von fünf weiteren mit Montserrat Caballé, Franco Corelli, Fritz Kreisler, Artur Schnabel und Hans Hotter. EMI 265 081-2

Die erste vollständige Einspielung aller Streichquartette Joseph Haydns auf historischen Instrumenten verwirklichte in den Jahren 1993 bis 2006 das ungarische Quatuor Festetics. Auftraggeber war der umtriebig-visionäre französische Klassiklabel-Gründer Michel Bernstein. Im November 2006 starb Bernstein 75-jährig während einer Aufnahmesitzung an einer Herzattacke, und eine Weile war es unklar, was aus den zahllosen Schätzen seines jahrzehntelangen, unermüdlichen Produzentenschaffens werden sollte. Das Label Arcana samt eben jenen 19 CDs mit Haydnquartetten wanderte zu Note 1. Et voilà: Man höre und genieße. Arcana/Note 1 A 411 – A 419

Ob Komponisten gute Interpreten ihrer eigenen Werke sind, ist eine Streitfrage, auf die es nur ein »Jein« als Antwort geben kann: die einen ja, die anderen nein. Anton Bruckner hat sich als Dirigent seiner eigenen Sinfonien um Kopf und Kragen gerudert, Richard Strauss dagegen war ohne Zweifel ein begnadeter Orchesterleiter. Positive Beispiele in großer Zahl finden sich in einer opulenten 22-CD-Box der EMI (217 575-2): »Composers in Person« exponieren sich mit eigenen Partituren, sei es an der Klaviatur, sei es am Dirigentenpult. Olivier Messiaen präsentiert an seiner Orgel in der Pariser Kirche Ste.-Trinité eigene Orgelmusik. Hans Pfitzner ist ein wackerer Klavierbegleiter einiger seiner Lieder, es singt der große Gerhard Hüsch. Dass Francis Poulenc und Sergej Prokofjew fantastische Pianisten waren, ist ohnehin bekannt. Auch Manuel de Falla und Joaquín Nin exzellieren an der Tastatur, letzterer begleitet die legendäre Sängerin Ninon Vallin. Nikolaj Medtner dagegen akkompagniert – welch eigenwilliges Paar! – Elisabeth Schwarzkopf, Franz Lehár dirigiert aus seinen Operetten ... Dies alles und vieles Interessante mehr enthält die dicke Box, die nebenher beweist, dass bei der traditionsreichen EMI nach wie vor ein Herz für die große Kunst schlägt.

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 3 / 2009



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Mason Bates

Virtuoser Poly-Stilist

Unbekümmert mischt dieser amerikanische Komponist die Ästhetik der sinfonischen Tradition mit […]
zum Artikel »

Testgelände

Ludwig XIV.

Le roi est mort – vive la musique!

Eine Ballettaufführung machte Ludwig XIV. zum Sonnenkönig. 300 Jahre nach seinem Tod ist nicht […]
zum Artikel »




Top