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(c) Monika Rittershaus

Zeigt her Eure Füße: J. S. Bachs "Johannes-Passion"

Berlin, Philharmonie

Wo hat bloß Peter Sellars – der Mozarts „Don Giovanni“ einst im Drogenmilieu und „Così fan tutte“ in einem American Diner ansiedelte – seine biodynamische Wende verpasst bekommen? Gerungene Hände, gekreuzte Arme und nackte Füße sind bei seiner „Johannes- Passion“ mit Simon Rattle in der Berliner Philharmonie die wichtigsten Erkennungszeichen. „Ritualisierung“ (wie noch bei der triumphalen „Matthäus-Passion“ vor vier Jahren) nennt er es freilich nicht mehr. War auch gar zu prätentiös! Über die nackte Bühne fluten und vazieren wieder die Mitglieder des großartigen Berliner Rundfunkchors. Größtes Problem: Wie in aller Welt soll man mit der viel reflektierenderen, undramatischeren „Johannes-Passion“ gegen die viel wuchtigere „Matthäus-Passion“ ankommen? Das ist in der Bibel einfach nicht vorgesehen.
Simon Rattle wippt zu Anfang mit einer Schwundstufe der Berliner Philharmoniker (nur 30 Musiker) wie weiland Heinrich Riethmüller mit seiner Combo am Rande von „Dalli dalli“. Auch seine Wahl genau derselben Solisten wie damals scheint riskant. Mark Padmores Tenor erinnert noch ein bisschen mehr an die Klänge eines bedrohten Truthahns (steigert sich aber ungemein!). Camilla Tilling tiriliert mit Eis-Sopran. Und Magdalena Kožená, schwanger mit ihrem und Simon Rattles drittem Kind, huscht herum wie eine tschechische Lucia di Lammermoor (im 3. Akt).
Dank Christian Gerhaher, der sich als Pilatus hinreißend schön in jede einzelne Zeile kniet, und Roderick Williams als afrika-amerikanischem Jesus gelingen dann doch noch Momente von solch stiller Größe und Grandiosität, dass man das Werk als meditative Schwester der extrovertierteren „Matthäus-Passion“ versteht. Wie sich die Aufführung klein macht, um dadurch Statur zu gewinnen, ist alles in allem sehr, sehr schön. Der Abend wurde ins Kino und in die Digital Concert Hall übertragen. Zwischen Rattle und den Philharmonikern aber könnte eine Zeit entspannteren, geläuterten Miteinanders angebrochen sein. Wie bei Abbado. Da wurd’s auch am schönsten, als klar war, dass es nicht ewig mehr weitergeht.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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