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Bryn Terfel

Gute Jungen kommen in den Himmel ...

Und die bösen? Na ja, Sie wissen schon … Bryn Terfel ist ein guter Junge, der böse Jungen singt. Er kniet sich mit Lust in die Verderbtheit, auch wenn er keiner Fliege was zuleide tun könnte. Seine neue CD widmet er all den baritonalen Bösewichtern, die letztendlich viel interessanter sind als alle Tenöre zusammen. Eine Exkursion auf die Nachtseite der Opernbühne von Thomas Rübenacker.

Die bösen Buben auf der Opernbühne sind zwar meistens todgeweiht, sie sehen aber häufig besser aus als der Held, sie singen schöner (Bariton oder Bass, während er Tenor kräht), kriegen die interessanteren Frauen, haben gutgefüllte Bankkonten und fahren außerhalb des Theaters die fetzigeren Schlitten. Einzige Ausnahme: der Jago in Verdis »Otello«. Der ist wirklich ein armer Tropf, vermutlich in seinen Feldherrn verliebt und darob eifersüchtig auf Desdemona, weshalb er diese ganze schäbige Intrige mit dem Wandertaschentuch anrührt. Der Mann wird nie glücklich sein, er könnte genauso gut gleich Harakiri verüben. Aber auch diesem Jago bleibt erspart, was den Guten auf der Bühne oft dräut: unfreiwillige Komik. Wenn Lohengrin der Schwan vor der Nase wegfährt oder Toscas Sturz vom Trampolin abgefedert wird, wer darf sich da eins extra grinsen? Richtig: der »Bad Boy«.
Jetzt also Bryn Terfel, der walisische Bassbariton, der – geben wir’s zu – wirklich ein wenig so aussieht, dass man sich in der U-Bahn nicht gerne in seine Nähe setzen würde. Der aber, wenn man sich in der Branche umhört, ein herzensguter Mensch sein muss (so viel zu Vorurteilen). Jedenfalls hat er sich auf seiner neuen Einspielung, von deren Cover er den Hörer wirklich finster anblickt, liebevoll dieser bösen Buben angenommen. »Mefistofele« von Arrigo Boito darf natürlich nicht fehlen, auch nicht der wirklich fiese Staatsbüttel Scarpia aus Puccinis »Tosca«. Der Teufelsjünger Kaspar aus Webers »Freischütz« ist mit von der Partie, ebenfalls Mackie Messer, dem die Damen verfallen sind wie die Motten dem Licht. Pizarro, Don Basilio, Barnaba und natürlich Jago kennt jeder Opernliebhaber als »Äh! Bäh!«-Bösewichter, mal mehr, mal weniger verderbt, aber auch die Musicalbühne hat pralle Schufte, den »Sweeney Todd« von Stephen Sondheim (»Dämonischer Barbier der Fleet Street«, ein Höhepunkt der CD, auch weil die Schwedin Anne Sofie von Otter selbst sehr lustvoll-verderbt die Cockney-Nudel Mrs. Lovett singt) und, na ja, leider auch den Inspektor Javert aus »Les Misérables«, ein toller Roman von Victor Hugo, ein eher mäßiges Stück Musiktheater von Alain Boublil und Jean-Michel Schönberg.
Aber den Hattrick (im wahrsten Sinne des Wortes: drei Siege) hat sich Terfel für den Schluss aufgehoben: Er singt im Playback-Verfahren alle drei Protagonisten des »Don Giovanni«-Finales, den lebenslustigen, aber dem eigenen Tod beherzt ins Auge blickenden Granden, seinen verdatterten Diener Leporello – und die Nemesis, die Statue des Komturs, den Giovanni am Anfang niederstach, nachdem der ihn beim Techtelmechtel mit seiner Tochter ertappt hatte. Und hier wird die Frage »Who is the Bad Boy?« wirklich spannend. Leporello ist ein Hasenfuß, aber das macht ihn nur menschlich. Giovanni, der Frauenverführer und Vätermörder, erlangt durch die Haltung, mit der er sich zum Abendmahl in die Hölle einladen lässt, Größe und Würde – als der letzte wahrhaft Adlige zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters. Und der Commendatore, je nun, würde nicht jeder von uns gerne seinem Mörder posthum die Hand zerquetschen und ihm den Weg in die Hölle ebnen? Es sind also, streng genommen, keine drei »Bad Boys« am Ende dieser »Bad Boy«-CD, aber so, wie Mozart das komponiert hat, speit die Hölle doch »bad feelings« links und rechts aus.

Teddybär mit geläufiger Gurgel

Nun, das Schöne an der Bühnenwelt ist ja, dass man die schändlichsten Taten begehen und tausend Tode sterben kann – am Ende sitzt man doch wieder in der Kantine und schlotzt sein Weißbier. Das heißt, Bryn Terfels böse Buben mögen fast alle dem Untergang geweiht sein, er selbst ist noch quicklebendig in unserer Mitten. Und das – muss man es aussprechen? – ist auch gut so. Im Interview merkt man sehr rasch, dass Bryn Terfel kein »Bad Boy« ist, sondern eher ein Teddybär mit geläufiger Gurgel, der keiner Fliege was zuleide tun würde, aber die Verderbtheit der jeweiligen Figuren mit Stimmmacht sowie fieser Autorität heraussingt – und dazu lustige Grimassen schneidet, »Ist ja alles nur Theater!«. Die Bösen sind böse, keine Frage, schon musikalisch. Aber Terfels Vortrag hat auch ein Augenzwinkern, sozusagen die (Bühnen)Lust am Bösen. Am schönsten wird es, wenn scheinbar der Komödiant mit Terfel durchgeht. Aber er sprengt nie die Rolle, er kostet sie lediglich aus bis zum Letzten, zum Beispiel den Drogenhändler und Schmuggler Sportin’ Life in Gershwins »Porgy and Bess«, den Mackie Messer in der »Dreigroschenoper« von Brecht/Weill (wo er, bis auf eine einzige Vokalfärbung, sehr idiomatisch Deutsch singt) oder den pompösen Sir Roderic in Gilbert & Sullivans »Ruddigore«. Wer die Lebenslust hier hört, ärgert sich vielleicht, dass er nicht den Pfad des Bösen beschritten hat. Aber – ist ja alles nur Theater!
Das Schwedische Radio-Sinfonieorchester lässt sich vom Dirigenten Paul Daniel zu Recht elektrisieren, der im Interview sagt: »Mozart war an allem schuld. Weil sein ›Don Giovanni‹ hauptsächlich in d-Moll steht, haben auch fast alle späteren ›bösen Buben‹ diese Tonart.« Und der sichtlich privat keine Ränke schmiedende, sondern eher gemütliche Bryn Terfel meint: »Einige dieser Bösewichte habe ich schon auf der Bühne gespielt, aber lange nicht alle. Einige möchte ich gar nicht auf der Bühne spielen!« Es ist eben ein Unterschied, ob man Vergewaltiger, Teufelsanbeter oder Serienmörder im Aufnahmestudio lebendig werden lässt – oder auf der Bühne, wo man für all die bösen Taten oft selbst verantwortlich gemacht wird. Der Autor dieser Zeilen hat mal in einer TV-Sendung einen Kinderschänder gespielt – und wurde einen Tag danach auf offener Straße angespuckt. Die Welt ist eine Bühne, und die Bühne ist eine Welt, ganz wie bei Shakespeare. Aber leibhaftig, das heißt: auf der Bühne, könnte natürlich kein Mensch alle drei Rollen des »Don Giovanni«-Finales spielen ...

Neu erschienen:

Bad Boys

Bryn Terfel, Anne Sofie von Otter, Swedish Radio-Sinfonieorchester, Paul Daniel

DG/Universal


Böse Buben auf der Bühne

Man hört immer wieder von Schauspielern, dass sie lieber die Bösewichte spielten als die Guten, die seien »dankbarer«. Auf der Opernbühne ist das strenger reglementiert: Die Stimmlage bestimmt, also die Gene, wer in die Hölle gehört. Meist sind das die Baritone oder Bässe. Mit einer Ausnahme: Richard Strauss. Der hatte eine solche Abneigung gegen Tenöre, dass er seine bösesten Buben just diesem Stimmfach anvertraute. Zum Beispiel sind sowohl Herodes in der »Salome« wie auch Aegisth in der »Elektra« Tenöre, und im ersten Akt des »Rosenkavaliers« ist der Tenor zwar kein böser Bube, aber wenigstens ein pompöser Trottel. Ansonsten geht es in einer Gattung wie der Oper, die von menschlichen Konflikten lebt, natürlich immer um zwei Dinge: um Liebe oder deren Unmöglichkeit – und um den Kampf Gut gegen Böse. Nur, was Schauspieler »typecasting« nennen, das Festgelegtsein auf einen bestimmten Rollentypus, ist für den Opernsänger Alltag. »Na, wieder mal kräftig geschurkt heute?«, fragte einst ein Tenor den ersten Bariton des Hauses. Bis er dann selber Herodes sang.
Im Internet wird das Thema »Bösewichte in der Oper« heftig diskutiert. Ein gewisser Joschi fragt: »Wer ist euer Lieblingsbösewicht in der Oper?«, und schiebt dann gleich seinen nach: Barnaba aus »La Gioconda« von Ponchielli. »So ein Drecksack. Treibt Enzo in den Tod, zwingt Gioconda zum Selbstmord, nachdem er die Mutter erstochen hat. Kurzum: der böseste der Bösen.« Ein Anderer nennt Don Alfonso aus Mozarts »Così fan tutte«, und ihm schallt es entgegen: »Don Alfonso halte ich für keinen Bösewicht, höchstens für einen Spaßvogel mit böööööösem Humor.« Und wieder ein Anderer meint: »Don Alfonso ist natürlich kein Bösewicht. Er sagt sogar voraus, was passieren wird (mit den beiden liebenden Paaren, die Bäumchen verwechseln). Er ist ein Philosoph ...« Tja, wenn Bösewichterei auf der Opernbühne noch so lebhaft diskutiert wird, dann lebt sie auch. Ein dreifach Hoch auf diese »Bad Boys«!


Thomas Rübenacker, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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