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David Fray

Zurück zu Bach

Nägelbeißen ist nicht die feine, französische Art. David Fray scheint damit nicht einmal auf Fotos Probleme zu habe. Es ist überall zu sehen. Er frönt damit einer scheinbar instrumententypischen Schwäche – ähnlich wie rauchende Tenöre, schwerenöterische Dirigenten und heißhungrige Diven. All dies sind Klischees. Aber eben welche, für die es erstaunlich viele, wahre Beispiele gibt.
David Fray, Pianist und Schwiegersohn von Riccardo Muti, kehrt mit seiner sechsten CD zu Bach zurück. Er bekennt sich zur empfindsamen Ekstase, zur kleinen, kantablen Tasten- Neurose und zum feinsinnigen Aufblättern Bachscher Albumherrlichkeit. „Das Klavier darf nicht wie ein Klavier klingen“, sagt er im Interview. Und begründet dies mit Bachs Neigung zum Clavichord. „Das Pedal ist eine tolle Sache, weil man es falsch benutzen kann“, grübelt er. Und sitzt da in seinem überheizten Backstage-Zimmer der Philharmonie. Soll man die Temperatur etwas runterdrehen? „Nein“, freut sich Fray, weil er in diesem schwitzigen Zimmerchen endlich mal nicht friert wie sonst immer.
David Fray sieht diesmal aus wie ein dünner, leicht ungewaschener Mädchenschwarm. Auf betont wegwerfende Weise lässig und ungekämmt. Seine Bach-Konzerte vor fünf Jahren gehörten zu den schönsten Klavierentdeckungen der letzten Jahrzehnte. „Ich mag keinen trockenen Bach“, meint er, um zu erklären, warum sein Klavier- Ton stets einen leichten Kirchen- Nachklang suggeriert. Seine Vorliebe für’s Sfumato, also für verrauchte Farbgebung, stand tänzelnder Beschwingtheit nie im Weg. Kein Zweifel, dass David Fray die französischste, undogmatischste Verlockung ist, seit man Bach auf die Grundsätze der historischen Aufführungspraxis einschwor.
Auch das Missverständnis, ein Nachfolger von Glenn Gould zu sein, hat Fray – trotz gebückter Sitzhaltung und harter Stühle – inzwischen abgestreift. Mit den Partitas Nr. 2 und 6 (sowie der Toccata in c- Moll) bringt er den Leichtsinn, ein schönes Laissezfaire, in die Klavierszene zurück, die man dort gut brauchen kann. Immer noch der rätselvollste, reizbarste, erfreulichste Pianist der letzten Zeit.

Johann Sebastian Bach

Partita Nr. 2 & 6, Toccata BWV 911

David Fray

EMI/Virgin

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2013



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