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Klavierklassiker

Natürlich spielt da ein Automat, sagt man sich irgendwann, wenn man moderne Überspielungen der Rollenaufnahmen alter Meister hört. Warum eigentlich? Es liegt vielleicht an dem Kontrast zwischen digitalem Klangbild und einem geradezu bestürzend freien Musizieren, wie es in unseren Tagen einfach nicht mehr gestattet ist. Die großen französischen Klavierkomponisten der Jahrhundertwende, die auf dieser CD versammelt sind, durften ihren Text natürlich verbiegen, aber die Nachwelt hat es eher als Künstler-Kauzigkeit abgetan, statt die Botschaften ernst zu nehmen. Wenn Debussy die „Soirée dans Grenade“ hinwirft, als phantasiere er sie gerade eben herbei, wenn er die lustigen Pseudo-Schwierigkeiten am Ende des „Doctor Gradus ad Parnassum“ grotesk verwischend überzeichnet und Fauré lässig und wie nebenbei seine berühmte „Pavane“ herunter klimperte – glaubten sie dann, dass man diese magischen, spontanen Momente und ihre unbeschreiblich freien Tempi für ewig gültig halten könnte? Kaum, aber das macht ihren Zauber aus. (Große französische Pianisten, Dal segno/Klassik Center Kassel DSPRCD039)

Auch ein treuer Schüler hat eine Art Beglaubigungsschreiben in den Händen. György Sándor war Bartóks Klavierstudent, und da darf man seiner ersten, 1963 eingespielten Werkschau schon authentisches Flair unterstellen. Wer allerdings moderne Fassungen im Ohr hat, dem wird dieses Spiel holzschnittartig vorkommen. Sind die „Klänge der Nacht“ aus der Suite „Im Freien“ nicht allzu spröde um ihr schillerndes Nuancenpotential gebracht, die perkussiven Strecken der Suite oder Sonate um lustvolle Brutalität à la Kocsis, die ungarischen Themen um ihr bittersüßes Gefühl? Sándors Weg ist ein ganz anderer. Die vielen herrlichen Liedbearbeitungen der Sammlungen „Für Kinder“ etwa, leben hier nicht vom Zauber der Oberflächen, sondern von den mächtigen Kräften der Sprache, ihren Rhythmen und Akzenten. Und sind in den vielen Tanzformen die rhythmischen Energien einmal entfesselt, stört keine Farbe ihre ruppige Vorherrschaft. Wer dann freilich Bartók selber spielen hört, begegnet einer fast noch spätromantisch abmildernden Sicht. Es ist halt kompliziert mit der historischen „Wahrheit“. (György Sándor: Die Klavierwerke, 5 CDs, Vox/note1 CD5X 3610)

Dass Französische Pianisten ihren Mozart „perlen“ um des Perlens willen, ist ein ewiger Gemeinplatz. Dieses vervollkommnete Fingerspiel war bei großen Künstlern wie Marguerite Long oder Casadesus aber nicht glitzernd- selbstgefällig, in der mechanischen Entfesselung lag eine eigene Ausdruckskraft. Vlado Perlemuter aber weist gleich alle hochglanzpolierte Motorik aus seinem Musizieren. Sein Parcours durch Mozarts Sonaten lässt keinen flüchtigen Geist sprühen, keine Porzellanfiguren-Verspieltheit aufleben. Alles ist erdig und belangvoll. Noch den geringsten Albertibass knetet er liebevoll, als habe er die herrlichste Kantilene unter den Händen. Perlemuter bot 1956 auch ein Gegenbild zu Giesekings neusachlicher Anmut. Sein muskulöses Klavierspiel drängt zu einer gewichtigen, manchmal fast herben Größe, die uns jene kunstvollen, sonst oft mit leichtem Esprit heruntergeschnurrten Passagen wie die kontrapunktische Kopfsatzdurchführung der F-Dur-Sonate KV 533 als Prozess in geradezu orchestraler Dimension hinstellt. Wieso ist mir dieser unglaubliche Zyklus bislang nur entgangen? (Vlado Perlemuter: Mozart, Die Klaviersonaten, 4 CDs, Musical concepts/note1 MC141)

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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