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Hochleistungssport Operngesang

»Man singt mit dem ganzen Körper«

Thomas Voigt hat ein Faible für Sänger. Seine Interview-Bücher mit Martha Mödl und Inge Borkh, seine Filme über Lisa della Casa und Jonas Kaufmann sind einfühlsame Annäherungen an den Menschen hinter dem Künstler. Sein neuester Dokumentarfilm »Hochleistungssport Operngesang«, wieder in Zusammenarbeit mit Barbara und Wolfgang Wunderlich, nähert sich der Materie aus einer anderen Perspektive. Im Gespräch mit Miquel Cabruja erläutert der Autor die verblüffenden Analogien zwischen den beiden Berufsfeldern.

RONDO: Herr Voigt, Oper und Leistungssport – kann man das wirklich miteinander vergleichen?

Thomas Voigt: Singen stellt in der Tat ähnlich hohe Ansprüche an den Körper wie Leistungssport. Während Spitzensportlern bei Verletzungen das kollektive Mitleid sicher ist, gelten Sänger mit Problemen schnell als kapriziöse Diven und werden verdächtigt, sich für besser bezahlte Engagements zu schonen. Dieses alte Klischee war mit ein Grund, weshalb wir diesen Film gemacht haben.

RONDO: Welche Muskeln spielen beim Singen eine Rolle?

Voigt: Man singt mit dem ganzen Körper, entsprechend ist ein Ganzkörpertraining zum so genannten Einsingen erforderlich. Auch hier der Vergleich zum Sport: Nur eine aufgewärmte Muskulatur kann die Impulse geben, die etwa beim Stabhochsprung wichtig sind.

RONDO: Thema Schnellkraft. Eine Oper von Wagner dauert aber schon einmal gut fünf Stunden ...

Voigt: Ausdauer ist genauso wichtig. Es wurden bei Sängern schon einmal Kalorienmessungen gemacht. Dabei wurde festgestellt, dass ein Heldentenor den Kalorienumsatz eines Maurers hat. Hauptpartien bei Wagner sind Schwerstarbeit. Nur darf es nicht so klingen.

RONDO: Das Klischee des Sängers war ja lange Zeit eher das der zentnerschweren Nachtigall.

Voigt: Vielleicht sind Sänger die einzigen Hochleistungssportler, die es sich erlauben können, dick zu sein. Aber es ist natürlich Unsinn deshalb anzunehmen: je schwerer der Körper, desto größer die Stimme.

RONDO: Als Maria Callas sich auf Modelmaße herunterhungerte, um auszusehen wie Audrey Hepburn, hieß es, dass ihre Stimme gelitten hat.

Voigt: Wenn man eine Radikaldiät macht, verliert man eben auch Muskeln. Und im Fall Callas hört man die Folgen bei ihrer Aufnahme von »La forza del destino« von 1954: Da gibt es Stellen, wo die Stimme ziemlich wackelt. Dieses Schaukeln der Stimme ist Zeichen für eine zu hohe Belastung. Das ist nicht anders als bei einem Gewichtheber, der bei Überanstrengung zu zittern beginnt. Eine gefährliche Situation für die empfindlichen Stimmbänder, an denen ein einmal zugefügter Schaden oft irreparabel bleibt. Zwar hat die Callas nach dieser Aufnahme eisern an ihrer Stimme gearbeitet und viel erreicht, aber ganz hat sich ihre Stimme nicht mehr erholt.

RONDO: Weshalb gab und gibt es auffällig viele übergewichtige Sänger?

Voigt: Das ist eine Folge der oft ungesunden Lebensumstände. Nach einer Vorstellung hat man eben Hunger und zu diesen Uhrzeiten ist es meist schwierig, an gesundes Essen heranzukommen. Da fällt man eben in der Nacht über die Minibar im Hotel her. Vor allem, wenn man nach dem jubelnden Applaus ganz alleine ist. Der Sängerspeck entsteht oft auch aus Einsamkeit.

RONDO: Da kommen wir zum psychischen Aspekt des Sängerberufes.

Voigt: Sänger brauchen wie Sportler eine innere Balance, um der Belastung auf der Bühne standzuhalten. Da darf man sich nicht durch emotionale Stress-Situationen wie Liebeskummer angreifen lassen. Schauspieler können selbst unter großem Psychostress eine tolle Leistung bringen. Bei Sängern ist es anders. Nur in Ausnahmefällen können sie seelisches Leid künstlerisch sublimieren, meist schlägt der Kummer auf die Stimme.

RONDO: Wieso klingen heute so viele junge Sänger schon verbraucht?

Voigt: Ein Hauptgrund ist sicher, dass es zu wenig Nachwuchs für die ganz schweren Partien gibt. Wenn eine lyrische Sopranistin in Mozart-Rollen wie Pamina oder Donna Elvira Erfolg gehabt hat, wird ihr schnell auch die Aida oder eine Tosca angeboten. »Bei mir können Sie das singen, ich trage Sie auf Händen«, heißt es dann von Seiten des Dirigenten. Aber wenn man solche Grenzüberschreitungen zu früh und zu häufig macht, kann man sich als Sänger schnell schaden. In eine Tosca wächst man über Jahre hinein, nicht von heute auf morgen.

RONDO: Es liegt also am Musikbetrieb?

Voigt: Zum überwiegenden Teil. Vor allem fehlt es an Strukturen, die früher selbstverständlich waren. Selbst Gesangsstars wie Christa Ludwig, Alfredo Kraus oder Elisabeth Grümmer hatten auch nach jahrelanger Karriere Vertraute und Lehrer, die ihnen beratend zur Seite standen. Dazu kamen Korrepetitoren, Dirigenten und Coaches, die das Thema Gesang genauestens kannten. Ein solches hochprofessionelles Umfeld ist für einen Sänger immens wichtig. Ein Fußballer würde ja auch nicht sagen: »Ich habe jetzt bei der Weltmeisterschaft gespielt, ich brauche keinen Trainer mehr.« Das wäre absurd.

RONDO: Spielen auch die Kollegen eine Rolle?

Voigt: Ganz sicher gab es vor 50, 60 Jahren einen stärkeren Zusammenhalt und so etwas wie Nestwärme. Es ist ja z. B. bekannt, dass sich Josef Traxel und Wolfgang Windgassen 1956 in Stuttgart absprachen, damit Fritz Wunderlich die Chance bekäme, seinen ersten Tamino zu singen. Das war der Startschuss für seine Karriere. Heute wäre so etwas kaum noch denkbar. Statt Zusammenhalt im Ensemble gibt es den Einzelkampf. Das geht auch auf Kosten der seelischen Entwicklung, und oft klingt es auch danach. Das Publikum hat dafür übrigens ein sehr genaues Gespür und lässt sich auch von der Presse nicht irritieren.

RONDO: Leistungssport und Doping sind heutzutage leider kaum voneinander zu trennen. Spielt das Thema auch in der Oper eine Rolle?

Voigt: Dass Sänger sich bei Krankheit mit einer Kortisonspritze fitmachen lassen, ist ja eher eine Notfallmaßnahme. Doping spielt in der Oper meines Wissens eine genauso geringe Rolle wie Drogen. Die brauchen Sänger auch gar nicht, ihre Droge ist die Musik. Sie ist ein ganz besonderes Vitamin. Wie kann man sich sonst erklären, dass Sänger und Dirigenten oft bis ins hohe Alter hinein vital bleiben? Das Singen beschert so große Glücksgefühle wie nur wenige andere Berufe. Und das ist sicher mit ein Grund, warum Sänger all die Strapazen, die der Beruf mit sich bringt, jahrzehntelang auf sich nehmen.

Miguel Cabruja, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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