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Musikstadt

Göteborg: Auf Augenhöhe mit Stockholm

In Göteborg schreibt man keine Gedichte, man schreibt Rechnungen, sagt man in Skandinavien. Das war vielleicht mal so, doch mittlerweile ist die Stadt am Kattegatt auch in der Klassikszene ein Begriff. Jörg Königsdorf hat sich dort umgeschaut.

Schon nach den ersten Takten steht fest: Der Sound ist eine Wucht. Dunkel und erdig tönt das in der Vollholzakustik des 1935 erbauten Göteborger Konzerthauses, mit jener bronzenen Patina auf den Streichern, die der großen romantischen Sinfonik unweigerlich einen schwermütigen Glanz verleiht. Man kann kaum anders, als sich auf Anhieb in den Klang der Göteborger Symphoniker zu verlieben. Auch weil man spürt, dass dieser Klang eine Geschichte hat. Als ob jeder der großen Dirigenten und Komponisten, die einmal hier waren und deren Andenken draußen im Foyer mit Büsten und goldenen Plaketten gepflegt wird, irgendetwas hier zurückgelassen hat. Von Carl Nielsen und Jean Sibelius bis hin zum Altmeister Herbert Blomstedt, der an diesem Abend im Konzerthaus am Pult steht. Mit jener hellwachen inneren Ruhe, die nur die ganz Großen hinbekommen, lässt der 83-Jährige an diesem Abend das Orchester bei Hindemith und Dvorˇák aufblühen – noch ein paar mehr solcher Konzerte und Blomstedt dürfte auch seinen Platz in der Ehrengalerie bekommen.
Wer die Klassikstadt Göteborg kennenlernen will, tut jedenfalls gut daran, zum Konzerthaus am Götaplatz zu gehen. Der hellgelbe Art-Deco- Ziegelbau, der mit dem Kunstmuseum und dem Theater eines der eindrucksvollsten Platzensembles Skandinaviens bildet, ist die Heimat der Symphoniker – des Orchesters, das im nordeuropäischen Qualitätsranking derzeit ganz oben steht und eine Menge dazu beigetragen hat, dass Göteborg einen Ruf als Kulturmetropole besitzt.
Das war nicht immer so: Lange war Schwedens zweitgrößte Stadt vor allem als Produktionsort einer Automarke und als Handelszentrum bekannt – ein nicht eben attraktives Image, das durch den Abriss großer Teile der Altstadt in den sechziger und siebziger Jahren zugunsten von gigantischen Einkaufszentren und sozialem Wohnungsbau nicht gerade aufgebessert wurde. Und auch die 1905 gegründeten Symphoniker machten in dieser Zeit überregional nicht viel von sich reden: Klassik in Schweden, das hieß bis in die siebziger Jahre hauptsächlich Stockholm mit seiner reichen Opern- und Konzertszene.
Dass sich das geändert hat, ist das Verdienst Neeme Järvis. 1982 kam der Este nach Göteborg und machte aus dem Orchester ein Ensemble, von dessen Qualität sich dank einer Vielzahl von CDs bald die ganze Welt überzeugen konnte: Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Tschaikowski, Sibelius und Nielsen und natürlich auch des Orchestergründers, des schwedischen Spätromantikers Wilhelm Stenhammar entstanden, auch dank des boomenden CD-Markts in dichter Folge – und schon jetzt gelten die 22 Jahre der Ära Järvi in Göteborg als ›Goldene Zeit‹, 1997 gekrönt durch die Ernennung zum schwedischen Nationalorchester.
Dass das Orchester diese Position nach Järvis Weggang noch ausbauen konnte, ist einem Besetzungscoup zu verdanken, der sofort die ganze europäische Klassikszene nach Göteborg blicken ließ: 2007 gewannen die Schweden Gustavo Dudamel als neuen Chef. Der Venezolaner habe nicht nur das Publikum im Sturm erobert, sondern auch seine Ideen mit nach Göteborg gebracht, erklärt Orchestermanager Urban Ward, »Gustavo glaubt fest daran, dass das Spielen eines Instruments ein Grundrecht ist, deshalb war es für ihn enorm wichtig, El Sistema auch hier zu etablieren.« Ein Mentalitätswechsel, den man sogar in der Galerie des Konzerthauses erkennt, wo jetzt neben den Maestro-Porträts auch Fotos hängen, die Gran Gustavo und seine Musiker beim Schuleinsatz zeigen. Als Dudamel vor kurzem verkündet habe, dass er Göteborg 2012 verlassen würde, hätten die Menschen im Konzertsaal geweint, sagt Ward. Den Platz auf der Galerie wird er sicher bald bekommen, den Platz im Herzen der Göteborger hat er längst.
Geht man vom Götaplatz die Avenue, die alte Prachtstraße Göteborgs bis zum alten Hafen hinunter, gelangt man zur zweiten Klassikinstitution der Stadt. Hier, zwischen Lagerhäusern und Museumsschiffen erhebt sich das Opernhaus. Ästhetisch ist der 16 Jahre alte Bau zwar kein großer Wurf, hat aber dafür eine topmoderne Technik, die neben Oper und Ballett auch für eine große Musical-Produktion genutzt wird. In diesem Jahr soll »Sunset Boulevard« die Kassen füllen und damit helfen, das ambitionierte Opernprogramm mitzufinanzieren. Dass die Opernstadt Göteborg trotz einer ebenfalls bis in die Jahrhundertwende zurückreichenden Tradition bis jetzt noch ein Geheimtipp ist, liegt auch daran, dass man bis zum Bau des neuen Hauses in einem technisch wie akustisch unzureichenden Theaterbau spielen musste. Doch seit einigen Jahren versucht man mit Koproduktionen und dem Einkauf anspruchsvoller Inszenierungen, den Anschluss an die großen Häuser zu halten.
Opernchefin Lise-Lotte Axelsson hat schon Christof Loys »Arabella« aus Frankfurt hergeholt und will demnächst auch Peter Konwitschnys mit Amsterdam koproduzierte »Salome« zeigen. »Unser Ziel ist es, auf Augenhöhe mit Kopenhagen und Stockholm zu sein«, bekräftigt die rührige Theatermanagerin. Wie diese beiden Häuser setzt man auch in Göteborg dabei neben einem Mix aus deutschem Regietheater und konventionelleren Produktionen vor allem auf heimische Sänger – auf den Nachwuchs der schwedischen Musikhochschulen, aber auch auf international erfolgreiche Goldkehlen, die hier die Möglichkeit bekommen, neue Rollen auszuprobieren.
Die aktuelle Neuproduktion des Hauses, Händels »Alcina« ist dafür ein gutes Beispiel: Mit Agneta Eichenholz und Katarina Karnéus kann Axelsson zwei Sängerinnen für die beiden Hauptrollen aufbieten, die sonst an Häusern wie Covent Garden oder der Bayerischen Staatsoper beschäftigt sind, während die jungen Sänger in den übrigen Rollen zeigen, dass Schweden nicht umsonst als großer Talentpool gilt, aus dem sich auch deutsche Häuser immer wieder gern bedienen. Und mit Lawrence Cummings, dem designierten Leiter der Göttinger Händel-Festspiele, steht ein Opernpraktiker am Pult, der einen guten Mittelweg zwischen historisierendem Händel- Stil und modernen Instrumenten findet – der Göteborger Händel-Sound ist eloquent und sinnlich, ohne sich durch übertriebene Affektschnörkel vor die Sänger zu drängen. Und dass die Inszenierung von Yannis Houvardas zwar schick aussieht, aber nicht viel Abendfüllendes erzählen kann, ist einfach Künstlerpech. Und das soll ja auch an den besten Häusern passieren.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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