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(c) Friedrun Reinhold

Tianwa Yang

Forever Yang

Sie gilt Kennern als „beste Geigerin der Welt“ – und könnte die erste sein, die mit Naxos-Vertrag die Welt erobert. Warum auch nicht?

Wenn sie nach Peking zurückkehrt, so erzählt Tianwa Yang, dann sei sie „jedes Mal krank“. Die hohe Luftverschmutzung macht’s aus – so schlimm, dass die Sonne hinter dem Smog wie durch eine Milchglasscheibe hindurch erscheint. Trotzdem fährt die demnächst 28-Jährige jedes Jahr. Um ihre Familie zu treffen. Gewiss ist der expandierende chinesische Klassikmarkt auch nicht unwichtig, so sehr aber nun auch wieder nicht. Tianwa Yang wird in Deutschland von etlichen Kammermusik-Kennern tatsächlich als „beste Geigerin der Welt“ gefeiert.
Sie bekam jüngst den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, ebenso den ECHO als Nachwuchskünstlerin des Jahres. Ihre Gesamtaufnahme der Violinwerke von Pablo de Sarasate bei Naxos gilt als beispielhafte Pionierarbeit. Ihren Ysaÿe-Sonaten wird allerhöchste Erzählkraft attestiert. Tianwa Yangs Qualität ist nicht bloß Folge technischer Super- Brillanz, und ihre musikalische Identität lässt sich nicht mit dem Hinweis auf Finger-Akrobatik und Hyper-Virtuosität beantworten. Selten freilich hat sich ein Super-Talent dem Markt so sehr von seinen Rändern her genähert.
Perfekt Deutsch sprechend, präsentiert sich die in Karlsruhe bei Jörg-Wolfgang Jahn ausgebildete, in Kassel lebende Musikerin als das, was man früher eine ‚junge Dame‘ nannte: aufrecht, höflich, ein bisschen reserviert. Und sehr ehrlich. Sie habe, um entdeckt zu werden, ein Bewerbungs-Band zu Naxos geschickt, eine in China höchst renommierte Firma. „Bei der Deutschen Grammophon hätte ich es nicht gewagt“, lacht sie. Naxos-Chef Klaus Heymann (beraten von seiner geigenden Ehefrau) griff zu. Und lässt Yang weitgehend freie Hand bei der Auswahl ihres Repertoires. Auch das Mendelssohn- Konzert mit ihr gibt es schon.

Weltklasse – mit Luft nach oben

Yang könnte die erste internationale Künstlerin werden, die mit ihrem Naxos-Vertrag in der Tasche die Welt erobert. Frühere Exklusiv- Künstler des Billig-Labels, etwa Maria Kliegel, Idil Biret oder Jenö Jandó, spielten im Konzertleben großer Säle und Orchester kaum eine Rolle. Man mied sie. Auch bei Tianwa Yang besteht in Bezug auf Orchester, mit denen sie auftritt, noch ‚Luft nach oben‘. „Dieses Jahr bin ich sehr zufrieden“, sagt sie. Es stehen Debüts bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, in Vancouver, Malmö und beim London Philharmonic Orchestra an. So bescheiden ist die ‚beste Geigerin der Welt‘. Berlin, Stockholm, Philadelphia und Paris sind für sie immer noch nicht in Sicht …
Wäre vermutlich schneller gegangen, wenn die Einladung, die Isaac Stern an sie aussprach, noch wahr geworden wäre. Der legendäre Geiger saß 1999 in seinem Hotelzimmer in Peking, als er im Fernsehen die Übertragung eines Konzertes mit Tianwa Yang aus dem unweiten Poly- Theater sah. Stern war begeistert, bat darum, die Künstlerin kennenzulernen. Yang war nicht auffindbar. So führte Sterns Einladung nach New York zwar zur Vorbereitung der Ausreisepapiere, dann aber starb der weltberühmte Mann. In dem Barock-Cellisten Anner Bylsma fand sie später einen Mentor und eine Quelle der Inspiration. Zum Umstieg auf die Barockgeige animierte er sie freilich nur episodisch.
Auf die Frage, ob sie glaube, dass es in ihrem Spiel etwas Chinesisches gebe, wehrt sie erschrocken ab. „Was soll das heißen?!“ Eine richtige chinesische Schule gebe es nicht. „Chinesisch“ beziehe sich meist auf leere Virtuosität, das schätze sie nicht. So indes hatten wir die Frage nicht gemeint. Im Ton von Tianwa Yang, im Ansatz und im Vibrato, existiert eine leichte Schwingung, ein melodiöses Sirren und Kirren, wie man es aus der traditionellen chinesischen Musik kennt. „Ach so! Das kann sein …“, räumt sie sofort ein. Sei auch gut so. Ein leichter Ingwer-Ton, eine Geschmacksspur nur, aber doch unverwechselbar, ist dem Spiel dieser Wunderfrau zu eigen.

Gedichte auf dem Notenpult

Um das Übliche nicht zu vergessen: Dass sie im Alter von vier Jahren mit der Violine begann, hält sie für nichts Besonderes. „Es war in Mode damals, und da ich in einen Musik-Kindergarten ging, wo man in diesem Alter ein Instrument in die Hand gedrückt bekam, war nur die Frage: welches?“ Zunächst entschied sie sich für Klavier. Die Eltern – der Vater Automechaniker, die Mutter in der Buchhaltung – hatten das Geld für ein solches Instrument nicht. Inzwischen war aber das absolute Gehör des Mädchens entdeckt worden. Man entschied sich für die Geige. „Es hat sich körperlich sofort ganz natürlich angefühlt“, so Yang.
Bis sie zehn war, übte sie zwei bis zweieinhalb Stunden täglich; zur Not auch ‚eingesperrt’ unter gewissem Druck. „Ich habe mir heimlich Bücher aufs Notenpult gelegt, denn ich interessierte mich damals mehr für chinesische Geschichte und Literatur.“ Die chinesische Ausbildung beinhalte tatsächlich „Drill“, das sei zutreffend. Schwierigkeiten mit der harmonischen, vertikalen Organisation der westlichen Musik habe sie nicht gehabt. „Ich war schließlich nur zwei Mal im Leben in der Peking-Oper“, erklärt sie. An asiatischen Studenten freilich merke sie gewisse Akklimatisierungsschwierigkeiten manchmal schon. „Ich war ein besonderer Fan des Streichquartetts“, meint sie rückblickend. Spielen tue sie trotzdem in keinem. Denn das sei „ein ganz eigener Beruf.“

Ihr Vorbild: Die noble, alte Schule

„Ich bin wegen der Kammermusik nach Deutschland gekommen“, so Tianwa Yang schlicht. Ihr großes musikalisches Vorbild: das Busch-Quartett. Auch bei den Solisten bewundert sie die alten, zum Teil ganz alten: Josef Szigeti, Myra Hess, Pablo Casals. „Heute mag man über altes Vibrato diskutieren, was mir völlig gleichgültig ist. Die Intensität, die diese Musiker gehabt haben: großartig!“ Auch der frühe und mittlere, weniger der späte Michael Rabin sei „ein großes Genie“ gewesen. „Besser als in seinen Aufnahmen der 50er Jahre geht es nicht.“
Mit dem 2. Violinkonzert von Mario Castelnuovo-Tedesco eröffnet Tianwa Yang jetzt eine neue, als Gesamtaufnahme angelegte Entdeckungs-Serie bei Naxos. Das Konzert wurde für Heifetz geschrieben (und von diesem eingespielt). „Für derlei habe ich Lust mich einzusetzen.“ Anschließen soll sich eine Gesamteinspielung der Werke für Violine und Orchester von Saint-Saëns. Dann Lalo.
Aus der Fülle asiatischer Talente könnte Tianwa Yang, geboren am 8. April 1987 in Peking, die erste Geigerin sein, welche ein Fenster in die Zukunft direkt neben demjenigen von Lang Lang öffnet. Ihr Ingwer-Ton verströmt den vielleicht faszinierendsten Duft der letzten Jahre. Und das Beste: Parfüm ist das nicht. Sondern reine Natur.

Neu erschienen:

Castelnuovo-Tedesco

Violinkonzert Nr. 2, Concerto italiano op. 31

Tianwa Yang, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Pieter-Jelle de Boer

Naxos


Wie hieß nochmal … ?

Millionen fleißiger Klavierschüler in China können nicht umsonst geübt haben. Neben Lang Lang und Yundi Li bevölkern zahlreiche chinesische Supertalente den Markt. Yuja Wang läuft ihren männlichen Klavier-Kollegen den Rang ab. Es rücken nach Hai’ou Zhang, Zhang Zuo und Tony Yun und – von der Altmeister-Front: Zhu Xiao-Mei. An der Geige: Ziyu He, Li Chuan Yun, Ning Feng und Jiafeng Chen. China hat deutlich aufgeholt nach einem Rückgang der japanischen und koreanischen Talente. Freilich, so viele asiatische Gesichter es auch gibt: Viele stammen in Wirklichkeit aus Amerika wie etwa Midori oder Kit Armstrong. Kein Zufall auch, dass die bekanntesten chinesischen Solisten immer die waren, deren Name am Besten zu merken ist …


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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