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Die berühmteste Balletttruppe der Welt ist nach wie vor zugleich die älteste: das Ballet de l’Opéra de Paris. Dessen Leiterin Brigitte Lefèvre versteht es seit Jahren, geschickt die Balance zwischen Tradition und Innovation zu halten; wobei sie bei Aufträgen genauso gern Choreografen aus den hauseigenen Reihen einlädt wie Gäste von auswärts. Eine ihrer wichtigsten Mitarbeiter ist als oberster Ballettmeister Patrice Bart. Der ist als Kreativer ein Traditionalist und schöpft gern aus der eigenen Ballettgeschichte. Insofern war er wohl die richtige Wahl für »La Petite Danseuse de Degas«, einem Abendfüller der halb wahr, halb fiktiv, die Geschichte jener kleinen Tänzerin nacherzählt, die Paul Degas 1881 aus Wachs schuf, mit einem echten Tütü und einem Haarband des Modells versah.
Viel ist von jener Marie von Goethem nicht bekannt, außer dass sie bereits mit 17 Jahren wegen Faulheit wieder aus der Truppe verschwand. Bart aber rührt – zu einer effektiven, wenig Eindruck hinterlassenden Auftragspartitur von Denis Levaillant – eine aus diversen Klischees professionell komponierte Story zusammen. Wir sehen die Kleine (durchaus reif: Clairemarie Osta) im pittoresk proletarischen Paris, bei der Ballettstunde in der Oper, wo die Stars und Sternchen, die Gönner und Gucker unterwegs sind. Auch der obligatorische schwarze Mann im Schatten (angemessen mysteriös: Benjamin Pech), der als schicksalhafter Pas-de-deux-Partner herhalten muss, ist dabei. Die Kleine entflieht, steht Modell, landet im Cabaret, wo sie zur Diebin wird, und schließlich bei den Wäscherinnen (ein anderes Degas-Motiv). Als Pariser Postkartenbilderbogen ist das durchaus sehenswert. Patrice Bart, Denis Levaillant:»La Petite Danseuse de Degas«, Arthaus/Naxos 101543

Weit ambitionierter ist da Angelin Preljocajs 2010 uraufgeführter erster Abendfüller »Siddharta«, wenngleich sich das Werk nicht mit Preljocajs anderen langen Balletten messen kann. Zu bunt, zu harmlos und auch zu skrupelhaft ist sein Zugang. Er versucht das spirituelle Geheimnis zu ergründen, warum aus dem machtvollen Prinzen Siddharta Gautama ein religiöser Führer wird, der Friedfertigkeit predigt. Die Choreografie stellt freilich im Nebulös-Legendären bleibende biografische Stationen nach – und so kommt er über eine esoterisch fundamentierte Bildergeschichte mit bunten Klängen von Bruno Mantovani nicht hinaus. Preljocaj wollte erklärtermaßen zeigen, wie »Tanz dem Körper Geist gibt«, doch dafür bleiben seine Formationen in Claude Lévêques Bühnenbild zu hübsch harmlos. 50 Tänzer sind hier aufgeboten, Nicolas Le Riche gibt mit gewohnt beeindruckender Präsenz und fließender Technik Buddha persönlich, die keusch-graziöse Aurélie Dupont gar tanzt strahlend die personifizierte Erleuchtung und auch Wilfried Romoli ist hier nochmals als Vater zu sehen. Doch Yin und Yan kommen so allein nicht in Balance und auch ein wenig indische Ports de Bras, verengt mit martial arts-Attacken bewahren dieses Ballett nicht vor seinem dekorativen Status. Angelin Preljocaj, Bruno Mantovani: »Siddharta«, Arthaus/Naxos 101557

In Paris gefragt ist auch der Engländer Wayne McGregor, der freilich als Hauschoreograf am Royal Ballet in London wirkt. McGregor ist kein weltabgewandter Elfenbeinturm-Tänzer, er hat Lloyd Webber-Musicals im Westend genauso tänzerisch betreut, wie er sich mit Hirn- und Herzforschung oder dem Zusammenspiel von Muskeln und Nerven beschäftigte. Er war der Dancecoach für die vierte Folge der »Harry Potter«-Filme, liebt die populären Tanzshows im Fernsehen à la »Let’s dance«, wo Prominente auf das glatte Standard-Parkett geführt werden: »Hauptsache die Leute bewegen sich, ganz egal in welcher Art von Tanz«, lautet sein Credo.
Streng stromlinienförmig, radikal abstrakt gibt er sich freilich in seinen ersten drei, beim Royal Ballet uraufgeführten Stücken. »Chroma« (2006), »Infra« (2008) und »Limen« (2009), immerhin zur Musik von Kaija Saariaho, sind hektisch herzlose, aber faszinierend elegant anzusehende Bewegungsstudien, wo sich tänzerische Post-Forsythe-Brillanz mit intellektueller High-Tech-Philosophie paart. Wayne McGregor: »Three Ballets« (Chroma/Infra/Limen), Opus Arte/Naxos OA1048D

Weit harmloser ist da die Ambition von David Bintley, dem Chef des Royal Birmingham Ballet. Der hat 2010 Prokofjews »Cinderella«, als letztes streng klassisches Ballett in der Ashton-Fassung von 1948 in England ein Dauerbrenner, nur wenig modernisiert. Ein paar Divertissements sind weggefallen, das Ballettbarock beginnt zunächst in einer versifft viktorianischen Küche, aber später leuchten viele Glitzersternchen, tanzen Frösche und Mäuse. So bleibt hier alles beim »Aschenbrödel«-Alten, aber wenigstens Elisha Willis als barfüßige Prinzessin bleibt zwischen viel Tüll konsequent heutig. David Bintley, Sergej Prokofjew: »Cinderella«, NVC Arts/Warner 2564-67409-4

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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