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04. - 10.05.2024

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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz ? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Fertig ist man damit nie. Es gibt Aufnahmen zum Unterpflügen von den sechs Solosuiten BWV 1007–1012 von Johann Sebastian Bach, eine so nötig oder so nett wie die nächste. Für ungezählte Cellisten sind sie zu einem lebensbegleitenden Brevier geworden, oder, wie einmal sehr schön Boris Pergamenschikow sagte: „eine Art Glasperlenspiel: Musik, die einem die Seele wäscht, besonders, wenn man sie für sich selbst spielt.“ Warum hat Alban Gerhardt, den man getrost den international erfolgreichsten deutschen Solocellisten der Gegenwart nennen darf, sie bisher immer nur für sich gespielt und mehr als dreißig Jahre lang gewartet, bis er jetzt eine Studioaufnahme wagt? (Hyperion/Note 1). Er selbst sagt dazu nichts, außer, ausweichend, es handelt sich doch nur um eine Momentaufnahme. Ich würde sagen: Weil er sie auf Alban- Art spielen musste. Nicht wie eine Bibel, auch nicht wie die hohe Schule der Polyphonie. Sondern wie Charakterstücke, Lieder ohne Worte, con molto espressione. Das Cello tanzt. Es singt Belcanto. Kein Druck. Kaum Verzierungskram, Vibrato in kleinen Dosen. Großartig.

In der zweiten Folge der enzyklopädisch angelegten Edition „The Secret Fauré“, die Ivor Bolton zur Zeit auf Grundlage der kritischen Gabriel- Fauré-Gesamtausgabe mit dem Sinfonieorchester Basel einspielt, können naturgemäß nicht mehr ganz so viele Geheimnisse gelüftet werden wie in der ersten (Sony). Die Bergamasque- Suite op. 112 zum Beispiel ist definitiv der bunte Hund in allen Wunschkonzerten. Auch die nicht minder zauberhafte Pavane mischt sich unter die Raritäten, das Orchester spielt sie so schlaff und spannungsarm, als kennten wir die schon viel zu lange. Und es sind, immerhin, vier Entdeckungen zu machen: drei kurze, schmachtende Showpieces für Violine bzw. Cello und Orchester sowie eine elaborierte, fast debussyeske Ballade für Klavier, in Orchesterbearbeitung. Da reißt der Pianist Oliver Schnyder alles wieder raus.

Ein Jahr jünger als Harding, vier Jahre jünger als Currentzis: Der Dirigent Gustavo Gimeno ist eher nicht Typ Showmaster, der es dauernd krachen lässt. Er ist mehr ein Mann für das ausgesungene Legato, auch ein Arbeitstier. Und ganz offenkundig ist er ein Orchestererzieher nach Art seines Lehrers Mariss Jansons. Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg (OPL), dessen Geschicke er seit fünf Jahren lenkt, hat an Kolorit und Format mächtig dazu gewonnen seit den Zeiten Emmanuel Krivines, wie nachzuhören auf diesem neuen Album, mit der Wiener Singakademie und der „letzten altersbedingten Todsünde“ von Gioachino Rossini: der Petite Messe Solennelle (Pentatone/Naxos). Gimeno dirigiert die kleine, kühne Hausmusikmesse von 1863 in „großer Fassung“, nämlich in der pompösen, um nicht zu sagen fetten Orchesterfassung, die Rossini 1867 erstellt hatte, vielleicht, um den lieben Gott noch etwas milder zu stimmen. Chor und Orchester: schön! Leider sind suboptimale Solisten mit im Boot, mit winzigen Unsauberkeiten (Luca Pisaroni) oder mit viel Wobble (Eleonora Buratto). Und das Original, mit zwei Klavieren, Harmonium und zwölf Cherubimstimmen, swingt doch noch viel tausendmal schöner.

Zwei Stiefkinder laufen im Reigen der unsterblichen Meisterwerke Ludwig van Beethovens mit, die den Beethovenforschern, zumindest den deutschen, immer mal wieder als Machwerke minderwertiger Güte aufgefallen sind: das wüste Tripelkonzert C-Dur op. 56 und die ulkige Chorfantasie op. 80. Hoffentlich sorgt das BTHVN-Jubeljahr, das demnächst auf uns zurollt, für eine Rehabilitation! Die Franzosen haben jedenfalls jetzt schon eine Steilvorlage dafür geliefert. Laurence Equilbey und ihr Choeur de Chambre Accentus nebst dem Insula Orchestra legten eine Referenzeinspielung beider Werke vor, auf einer CD (Erato/Warner). Die besten jungen Kräfte hat Equilbey dafür versammelt: die Pianisten David Kadouch (op. 56) und Bertrand Chamayou (op. 80), die Cellistin Natalie Clein, die Geigerin Alexandra Conunova. Sie alle und die Sänger holen mit Verve heraus, was in diesen Stücken drinsteckt, und zwar im Übermaß: Virtuosenspaß, Musizierlust, Experimentierwut, Improvisationsgeist. Aber auch, typisch französisch: Melodie, Gesang, Poesie.

Eleonore Büning, 25.05.2019, RONDO Ausgabe 3 / 2019



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