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Heinrich Schütz: Weihnachtshistorie

Aus Freude über das Kind: Die „Weihnachtshistorie“ verbindet eine leidenschaftliche Erzählhaltung mit prachtvollen Concerti.

Als Heinrich Schütz seine „Historia der freuden- und gnadenreichen Geburt Gottes und Marien Sohnes Jesu Christi“ komponierte, war er schon ein sehr alter Mann: Es wird vermutet, dass das Werk im Jahre 1660 in Dresden erstmals erklang. Allerdings steckte der damals 75-Jährige noch voller neuer Ideen: Den Part des Evangelisten, der den größten Teil der biblischen Weihnachtserzählung nach Lukas vorträgt, hat er erstmals nicht im modellhaften liturgischen Lektionston – so, wie noch in seinen früher komponierten Passionen – gesetzt, sondern Vers für Vers ganz individuell vertont. Ziel war es, der Sprache bzw. ihrer natürlichen Deklamation in „Modulation und Mensur“, also rhythmisch und melodisch so mit musikalischen Mitteln zu folgen, dass beim Vortrag der Textinhalt eindringlicher und umfassender zur Geltung kommt, als dies im althergebrachten choraliter-Stil möglich war. Zusätzlich verabreicht Schütz dem Evangelisten auch noch eine begleitende Continuo-Gruppe, bestehend aus Orgel und „Baß-Geige oder Violon“, wie er schreibt – zur rhythmischen und melodischen Dimension kommt also auch noch die harmonische hinzu.
Kreativ war der alte Schütz auch in wirtschaftlicher bzw. herausgeberischer Hinsicht: Als er nämlich die Weihnachtshistorie 1664 im Druck improvierscheinen ließ, bot er die genannte Evangelistenpartie plus Continuostimme zum Kauf an, hielt aber die zehn vokal-instrumentalen Concerti, die u. a. als konzertante Einschübe in die Erzählung den Engelsgesang, die Worte der Hirten, der Schriftgelehrten und des Herodes höchst effektvoll musikalisch in Szene setzen, zurück. Das Notenmaterial zu diesen freilich unentbehrlichen Stücken, so verkündet er im Vorwort zur Druckausgabe der Evangelistenpartie, musste man als Leihmaterial eigens in Dresden oder Leipzig anfordern – „umb eine billiche Gebühr“, versteht sich. Freilich könne man, so fügt er hinzu, die fehlenden Texte auch selbst vertonen; wie viele Kirchenmusiker mögen dies wohl tatsächlich getan haben? „Seine Schmuckstücke, die zehn Concerti der Historia, hielt Schütz als Leihmaterial zurück.“
Schütz stellt nicht den wirtschaftlichen Eigennutzen dieser Maßnahme in den Vordergrund, sondern gibt zu bedenken, dass doch wohl nur fürstliche Kapellen die Mittel hätten, diese sehr vielfältig besetzten Concerti aufzuführen – womöglich ging es ihm also auch um den Schutz seiner Musik. Wie auch immer: Seines Wertes war sich Schütz zu jener Zeit wohl längst bewusst.
Für die Schütz-Renaissance ab dem späten 19. Jahrhundert brachte die getrennte Veröffentlichung Probleme mit sich: Tatsächlich sind die Noten für die Concerti an keiner Stelle komplett erhalten. Namentlich vom Eingangschor gibt es lediglich die Continuostimme, in der allerdings neben der Besetzung des Stücks auch der komplette Text des Chores vermerkt ist sowie auch die Stelle, an der der Chor zu singen beginnt. Zahlreiche kreative Köpfe haben sich an einer Rekonstruktion versucht, häufig mit beachtlichem Erfolg.
Die Auswirkungen der komplexen Quellenlage, insbesondere auch die Frage nach der verwendeten Version des Eingangschores, können aus Platzgründen nicht Gegenstand des anschließenden Interpretationsvergleichs sein und werden daher ausgeblendet. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage, inwieweit es den Ensembles gelingt, die Weihnachtsgeschichte auf Basis von Schütz‘ Vertonung möglichst mitreißend und farbenfroh zu erzählen.

Halbherzige Rhetorik oder tiefenentspannter Wohlklang?

Der aus Nazizeiten nicht unangefochten hervorgegangene Pionier historisierenden Musizierens, Wilhelm Ehmann, hatte mit dem späteren Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch einen in steifem Bühnendeutsch agierenden Evangelisten; die Einspielung von 1959 atmet noch den Ungeist des 50er-Jahre-Biedermeiers und ist doch gleichzeitig schon von einem Hauch des interpretatorischen Aufbruchs durchweht.
Hans Rudolf Zöbeleys Münchner Einspielung von 1981 ist eine merkwürdige Mischung aus halbherzigen historisierenden Ansätzen und konventionellen Langweiligkeiten: Die Sprache wird ohne nennenswerte rhetorische Ambitionen behandelt; Elmar Schloter an der Orgel bietet eine stark verzierte, nicht unhübsche Aussetzung des Continuo- Parts, die allerdings kaum improvisiert, sondern eher komponiert klingt und den Evangelisten Heiner Hopfner oft einengt (was sie Schütz‘ Idee gemäß ja gerade nicht sollte). Sehr unsauber spielen ausgerechnet die „Renaissance- Blockflöten“, die Violinen vibrieren nach Herzenlust.
Andrew Parrott produzierte 1985/86 mit seinen bewährten Kräften eine angenehm schlichte, heimelige Aufnahme mit Emma Kirkby als tiefenentspannt reinem Engel und David Thomas, seinerzeit unverwüstlich kernig, als markantem Herodes. Nigel Rogers präsentiert die Evangelistenpartie engagiert und lebendig mit dem ihm eigenen leicht rauen Timbre.
Auf eine Rekonstruktion des Eingangschores verzichtete 1985 die „Musicalische Compagney“: Er entfiel hier. Die Einspielung, hinter der der akribisch quellenkundige Holger Eichhorn steht, ist ansonsten geprägt von bestechend genauem Timing und wunderbar prägnanten Farben besonders auf instrumentaler Ebene. David Cordier überrascht als männlicher Engel, viel Freude macht das blitzsauber mitteltönige Hohepriester- Quartett; Harry Geraerts agiert als Erzähler über kurzen Continuoakkorden für seine Verhältnisse zurückhaltend – sehr klar, aber eher nüchtern und objektiv.
Nach wie vor fasziniert Martin Hummel als Evangelist in René Jacobs’ Aufnahme von 1989: Wohlklang, differenzierte Deklamation und unprätentiöse Schlichtheit geben sich hier die Hand. Gern gehörte Bekannte wie Gerd Türk, Andreas Scholl oder Maria Cristina Kiehr sind Teil eines All-Star-Ensembles, das die Weihnachtsgeschichte mit hoher musikalisch- rhetorischer Kompetenz zum Erlebnis macht – putzig die flinken Hirten, etwas zu hastig, aber am Ende sehr andächtig die drei Weisen.
Die charmante Gediegenheit, die Robert Kings Interpretationen stets haben, zeichnet auch seine Weihnachtshistorie von 1989 aus. Seine Solisten sind vielleicht die elegantesten, aber – etwa im Falle des Engels Ruth Holton – teils auch mit die sprödesten. Recht akzentfrei deklamiert John Mark Ainsley als Evangelist, während es in kleineren Rollen sprachlich manchmal recht krude zugeht.
Mit seiner natürlichen Begabung für die Vermittlung von Sprache und seiner unprätentiös schönen Stimme gehört Bernhard Hirtreiter, zu hören in Wolfgang Kelbers Aufnahme von 1994, zur Spitze der Evangelisten-Interpreten. Michael Schopper brilliert hier als raffiniert boshafter Herodes, Mona Spägele als Engel dagegen bleibt bei aller Gewandtheit grundsätzlich etwas unfrei im stimmlichen Output.
Paul Agnew, als Evangelist very british in seiner Diktion, konnte 1995 unter Jeremy Summerly nicht ganz überzeugen – ebenso wenig und aus demselben Grund seine Kollegin Anna Brookes als Engel. Schade: In ihrem vokalen und instrumentalen Umfeld gibt es sonst sehr viel Schönes zu erleben.
Eine an der profunden Kenntnis der zeitgenössischen Orgelliteratur geschulte Aussetzung und Gestaltung des Continuoparts bietet Ewald Demeyere in Sigiswald Kuijkens Einspielung von 1998. Hochaufmerksam begleitet er den hier wohldisponierten Stephan Genz (Evangelist), die im Timbre leicht matte, etwas zu unruhige Elisabeth Scholl (Engel) und den gewohnt gediegenen Harry van der Kamp (Herodes).
Paul McCreeshs inspirierte Version von 1999 erfreut mit einer „echten“ Orgel (keine Truhe) im Continuo, die den vortrefflichen Evangelisten Charles Daniels mit weicher Opulenz umhüllt.
Jean Tubéry, der in einigen anderen Aufnahmen als Zinkenist und Blockflötist mit von der Partie ist, legte 2003 eine eigene Version vor, die gleich mit einer anfangs vom überlieferten Bass abweichenden Eingangschor-Rekonstruktion aufwartet. Den Continuo des Evangelistenparts lässt er so kräftig (am Beginn etwa von einer Posaune verstärkt) ausführen, dass Hans-Jörg Mammel wenig Raum zu deklamationsorientierter Gestaltung hat – kaum im Sinne des Komponisten.
Wolfram Steudes prächtige Rekonstruktion des Eingangschores überzeugt in Wolfgang Katschners Einspielung von 2007 sowohl substantiell als auch in der Ausführung; Christoph Prégardien als orgel- und teils auch lautenbegleiteter Evangelist ist hier ein nicht ganz pathosfreier, aber engagiert-lebendiger Erzähler; Katschners Ensemble begeistert durch höchste Präzision, klangliche Tiefenschärfe und musikalisch-rhetorische Geschmeidigkeit auf allen Ebenen.
Klanglich weniger opulent, aber im Detail – z. B. im improvisatorischen Zusammenspiel von Orgel und Laute im Continuo – durchweg sehr kreativ kommt Paul Hilliers Kopenhagener Version von 2008 daher: Sein insgesamt höchst lieblicher Engel Else Torp flackert leider in der Höhe, aber Adam Riis als Evangelist überzeugt durch schlichte Natürlichkeit des Erzählens. Freude machen auch die flüssigen Tempi und die delikate Artikulation in den konzertanten Intermedien.
Christoph Rademann legte 2014 im Rahmen seiner Schütz-Gesamteinspielung die jüngste unserer betrachteten Aufnahmen vor, und eine, mit der er seiner Linie treu bleibt: Hervorragende Kräfte musizieren unter seiner Leitung auf hohem Niveau. Der Hörer entbehrt eigentlich nichts – außer über weite Strecken die unmittelbar ansteckende Freude. Spontaneität ist nicht Sache dieses Dirigenten, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt – zumindest oft nicht die Herzen der Hörer. Immerhin versteht Gerlinde Sämann als glockenreiner Engel, Glanzlichter zu setzen.

Ich verkündige euch eine große Freude:

Andrew Parrott, Taverner Consort, Taverner Choir, Taverner Players

Warner

Wolfgang Katschner, Lautten Compagney, Capella Angelica

Berlin Classics/Edel

Paul McCreesh, Gabrieli Consort, Gabrieli Players

Archiv/Universal

Holger Eichhorn, Musicalische Compagney

MDG/Naxos

Sigiswald Kuijken, La Petite Bande

dhm/Sony

Robert King, The King’s Singers

Hyperion/Note 1

René Jacobs, Concerto Vocale

harmonia mundi

Wolfgang Kelber, Heinrich-Schütz-Ensemble München, Monteverdi-Orchester München

Profil/Naxos

Paul Hillier, Ars Nova Copenhagen

Dacapo/Naxos

Lasset uns nun gehen:

Jeremy Summerly, Oxford Camerata

Naxos

Hans-Christoph Rademann, Dresdner Kammerchor, Dresdner Barockorchester

Carus/Note 1

Jean Tubéry, Chœur de Chambre de Namur, La Fenice

Christophorus/Note 1

Wilhelm Ehmann, Westfälische Kantorei

Cantate/Klassik Center Kassel

Hans Rudolf Zöbeley, Münchner Motettenchor, Münchner Residenzorchester

Orfeo/Naxos

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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