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Musikstadt

Lüttich

200.000 Einwohner, zwar nur noch eine Ersatzkathedrale, aber seit 1820 ein Opernhaus: Das frankophone Lüttich ist Belgiens Sangestempel. Und schnell von Köln aus zu erreichen.

Nein, eine schöne Stadt mag man Lüttich nicht nennen. Dafür hat die wichtigste Metropole der Wallonischen Region einfach schon zu viel erlebt und mitgemacht. Und im Vergleich zu ihrer ewigen Rivalin Antwerpen war sie immer die hässlichere Schwester. Dieser wirtschaftliche und kulturelle Knotenpunkt des flämischen Teils Belgiens misst sich stets an seinem französischsprachigen Pendant, im Landesidiom natürlich Liège genannt. Und während Antwerpen den Hafen hatte, die Diamanten, die fantastische Kathedrale, Rubens, Jugendstil und in jüngerer Zeit eine vibrierende Mode-, Design-, Theater-, Musik- und Tanzszene, hat sich das konservativere Lüttich eher an Frankreich orientiert.
Was nicht immer günstig war. Die Lambertus-Kathedrale, eine der größten Kirchen des Mittelalters, gebaut von einem der mächtigsten Bistümer Mitteleuropas, wurde während der Französischen Revolution geplündert und niedergebrannt. 1795 wurde Lüttich von französischen Truppen besetzt und Teil der Französischen Republik. Nach dem Sturz Napoleon Bonapartes (von dem es hier ein herrliches Ingres-Porträt zu bewundern gibt) kam es 1815 zum Königreich der Vereinigten Niederlande und wurde 1830 Teil des unabhängigen Königreiches Belgien. Die Steinkohle und die Stahlherstellung brachten Wohlstand, doch zwei Weltkriege haben die Stadt arg mitgenommen.
Während der Industrialisierung wanderten zahlreiche Menschen aus Flandern, Italien und seit 1945 auch aus Nordafrika ein, was sich bis heute in der Bevölkerungsstruktur widerspiegelt. In den letzten Jahrzehnten kamen auch zahlreiche Menschen aus Schwarzafrika, was Lüttich mit seinen knapp 200.000 Einwohnern zu einer sehr multiethnischen und multikulturellen Stadt macht. Man sieht das schnell, wenn man beispielsweise am Wochenende den ausgedehnten und billigen Flohmarkt am Maasufer entlangwandert.
Mit dem Zusammenbruch des Kohlebergbaus im Lütticher Becken und der anschließenden Stahlkrise hatte sich die Region den Schwierigkeiten des Strukturwandels zu stellen und geriet in große finanzielle Bedrängnis. Davon hat man sich im Grunde bis heute nicht erholt, auch wenn es immer wieder große Stadtentwicklungsmaßnahmen gab, neue Einkaufszentren im Herzen der Altstadt, oder den wuchtigen, strahlend weißen Fernzugbahnhof von Santiago Calatrava, der wie ein aseptisches Ufo seit 2009 im sonst ziemlich schrabbeligen Stadtteil Guillemins thront.

Wallonien: Kunst und Kaffee

Gerade per Bahn ist Lüttich freilich mit den Hochgeschwindigkeitszügen via Köln schnell zu erreichen. Und wer hier ein Wochenende verbringt, wird schnell die gar nicht so verborgenen Schönheiten der vom Tourismus wenig befleckten, auf eine antiromantische Weise zwischen ihren Hügeln doch sehr heimeligen Stadt entdecken. Nicht nur sitzt es sich lauschig bei gutem Essen (ein Café liégois als Dessert ist obligatorisch!) auf dem Markplatz bei dem schönen Brunnen, der als einziges vom Kathedralen-Inventar überlebt hat. Die gotische Kirche Saint-Paul ersetzt sie heute, sie ist düster, weißt aber einen beachtlichen Kirchenschatz auf.
Ein Schatzhaus ist auch das über mehrere Gebäude verteilte, komplett neu geordnete und renovierte stadtgeschichtliche Museum Grand Curtius. Skulpturen, Waffen, Porzellan, Möbel, Bilder und viele andere Artefakte erzählen auf didaktisch kluge Weise vom Leben in dieser Stadt. Auch das jugendstilige Studio des hier geborenen Geigenvirtuosen Eugène Ysaÿe wurde aus seinem Brüsseler Haus dahin transferiert. In Gehweite liegen die rot und weiß in saniertem Glanz strahlende Kirche Saint-Barthélemy, die sich romanisch mit barockem Innenraum und einem Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert präsentiert, sowie das heimelig- gammelige Bürgerpalais des Musée d’Ansembourg mit seinen blinden Spiegeln und trüben LüsIntentern. Es gibt das BAL, das Musée des Beaux-Arts de Liège. Auf einer langgezogenen Insel im Fluss liegt auf der Spitze das La Boverie, ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Outremeuse („jenseits der Maas“) heißt der ursprünglich kleinbürgerlich geprägte Stadtteil mit zahlreichen kleineren Handwerksbetrieben. Die Struktur und Atmosphäre des Viertels zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat der hier aufgewachsene Georges Simenon in einem autobiografischen Roman festgehalten.

Von Lasso bis Grétry

Und hier wurde auch – neben César Franck, Orlando di Lasso, Josquin Desprez – Belgiens berühmtester Komponist geboren, André-Ernest-Modeste Grétry (1741 – 1813), einst einer der erfolgreichsten Opernschreiber Europas, heute mit seinem galant- glatten Stil fast vollständig aus den Spielplänen verschwunden. 19 Jahre lebte er in Lüttich. das Haus seines Vaters, eines von der Kirche beschäftigten Geigers, bescheiden aus Ziegeln und Fachwerk in der Rue des Récollets errichtet, ist ihm als Gedenkstätte gewidmet. 1842 wurde seine Statue auf dem Opernplatz errichtet; in deren Podest ruht in einer Bronzeurne sein Herz.
Und so ist die Pflege seiner fast siebzig Musiktheaterwerke auch ein wenig Herzensangelegenheit an der 1820 eröffneten Opéra Royal de Wallonie. Zuletzt spielte man hier 2010 „Guillaume Tell“, auch auf DVD gebannt und zum 200. Todestag Grétrys wiederaufgenommen. So wie auch die Stadt verkörpert das traditionsreiche, unlängst prächtig aufgehübschte und mit einem neuen, über der klassizistischen Vorderfront deutlich sichtbaren Bühnenhaus versehen, eine eher konservative Position. Was sich aber bewährt. So setzt man sich deutlich ab vor den mehr dem Regietheater zugeneigten Spielstädten in Brüssel und Antwerpen/Gent. Und zieht bis aus Frankfurt und noch weiter die Liebhaber ästhetischer Ausstattungen und großer Sängerinnen in bisweilen ungewöhnlichen Rollen an.
Die Gesangsfans finden so ihren Weg nach Lüttich, da ist sich der seit 2007 amtierende, einem uralten italienischen Adelsgeschlecht entstammende Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera sicher. Annick Massis wurde hier geliebt, zu Ruggero Raimondi hat er gute Beziehungen. June Anderson sang hier ihre erste Salome, Juan Diego Flórez, Deborah Voigt, José Cura, José van Dam hörte und hört man hier. Unlängst exhumierte man für den immer noch zwitscherfreudigen Koloraturkanarienvogel Sumi Jo die reizvolle „Manon Lescaut“ von Daniel- François-Esprit Auber. 2012, zur Wiedereröffnung gab es die Uraufführung von „Stradella“, einem Jugendwerk von César Franck.
Und während das philharmonische Orchester doch eine ausgesprochene Provinzklangkörpervereinigung ist, macht das gegenwärtig musikalisch von Paolo Arrivabeni geleitete, natürlich Staggione spielende Opernhaus immer wieder von sich hören – durch seine bewusst gesetzten Raritäten im Spielplan, durch seine illustren Gäste. Und auch durch Mazzonis di Pralafera, der nicht nur als Regisseur wirkt, sondern durch seine TV-Produzentenvergangenheit bei der RAI schon früh den digitalen Weg für das Haus eingeschlagen hat. Einige der Produktionen aus Lüttich gibt es auf DVD, man kooperiert mit Medici- TV – und manchmal stellt man die abgefilmten Premieren für den Rest des Jahres auf die Webseite online. Umsonst. Aber in Lüttich machen die live natürlich viel mehr Spaß.

http://www.visitezliege.be/de
http://www.operaliege.be/en


Rollenwechsel

Gleich zwei Sänger schlüpfen in Lüttich in der kommenden Saison in die Rolle des Regisseurs: Der argentinische Tenor José Cura singt den Calaf und inszeniert Puccinis „Turandot“ (Premiere 23. September), Ruggero Raimondo kümmert sich szenisch um Hector Berlioz’ „La damnation de Faust“ (Premiere 25. Januar), in der Ildebrando D’Arcangelo den Mephisto gibt. Als Rarität gibt es Giuseppe Verdis selten aufgeführte Grand Opéra „Jérusalem“ (Premiere 17. März), zudem zählt ein Konzert mit der Sopranistin Angela Gheorghiu (24. Mai) zu den Spielzeit-Höhepunkten. Und in Giuseppe Verdis „Nabucco“ steht in der Titelrolle mit Leo Nucci einer der großen Baritone unserer Zeit auf der Bühne (Premiere 18. Oktober).


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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