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Schmiss gut drei Wochen vor Premiere hin: Andris Nelsons (c) Marco Borgreve

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Allzeit bayreuth

Und wieder steigt Rauch dort auf, wo Christian Thielemann die musikalischen Fäden in der Hand hält. Andris Nelsons, der lettische Star-Dirigent, der in gut drei Wochen die einzige Bayreuth-Premiere 2016 hätte leiten sollen, bat die Festspielleitung um Auflösung seines Vertrags. Und saß dabei anscheinend bereits auf gepackten Koffern, denn inzwischen ist er wieder zuhause in Riga. Laut einer bedauernden Pressemeldung der Festspielleitung hätten „die Umstände der diesjährigen Festspiele nicht die Atmosphäre ermöglicht, die Nelsons für seine künstlerische Arbeit ermöglicht“, was wage auch auf den Sicherheitszaun rund um das Festspielhaus und die intensiven Sicherheitskontrollen aller Ein- und Ausgehenden anspielen könnte. Hinter den Kulissen ist jedoch von einem ganz anderen Grund die Rede: Christian Thielemann, seit letztem Jahr der erste Musikdirektor, den die Festspiele je hatten, habe sich angeblich so sehr in Proben sowohl von Nelsons als auch von Altmeister Marek Janowski eingemischt, dass der Lette das Handtuch geschmissen habe - obwohl er weder als unbesonnen noch besonders eitel gilt. Vom „Münchner Merkur“ dazu befragt, zuckte Thielemann nur mit den Schultern: „Wenn er um Einschätzungen zur Akustik gebeten werde, dann komme er der Bitte gern nach, […] Aber er habe sich nie in irgendwelche Dinge eingemischt.“
Die Abfolge Hinschmiss-Eklat-Pressemeldung-Achselzucken erinnert fatal an die Trennung der dadurch in ihrem Ruf ramponierten Semperoper von ihrem Beinahe-Intendanten Serge Dorny in Dresden. Auch damals zeigte sich Thielemann verwundert, als säße er ahnungslos im Auge des Sturms. Der Eindruck entsteht, dass es sich hier um einen Vollblut-Provokateur handele, der Kollegen spielerisch und gezielt zur Weißglut bringt, bis denen der Kragen platzt. Und sogleich attestierte zum Beispiel Musikkritiker Jürgen Liebing im Gespräch mit dem „Deutschlandradio“ Thielemann „mangelnde, menschliche Qualitäten“ und kam zum Schluss, der Dirigent glaube „die Reinkarnation von Richard Wagner zu sein.“
Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, dass ein renommierter und – vorsichtig ausgedrückt: selbstbewusster – Wagner-Dirigent wie Thielemann lammfromm im Zuschauerraum gesessen und brav auf Fragen gewartet haben soll. Andererseits, und das möge man bedenken, räumt ihm nicht zuletzt seine neue Position als Musikdirektor Aufgaben ein, die explizit seinen Eingriff erfordern, etwa die Prägung des Klangbildes der Bayreuther Festspiele, oder die Auswahl der Orchesterbesetzung. Mögliche Einlassungen zum Dirigat mögen damit nicht gemeint gewesen sein und verbieten sich unter Kollegen – ein solcher ist er als Musikdirektor aber nicht mehr, sondern im weitesten Sinne auch Teil der Festspielleitung. Ganz gleich, was wirklich vorgefallen ist – kommt es nach Dresden wirklich noch überraschend, dass ein Dirigent von Thielemanns Natur und Reputation den neuen Spielraum maximal ausreizen könnte? So erscheint Nelsons Hinschmiss weit weniger unvorhersehbar, denn als ein Konflikt, der seinen Anfang bereits schon letzten Sommer genommen haben könnte. Vielleicht ist Christian Thielemann ja beides: Ein Glücksfall für das musikalische Bayreuth und – ohne, dass ihm irgendwer im Zweifelsfall noch Grenzen aufweisen könnte – zugleich ein Garant für viele weitere, publicity-trächtige Schlagzeilen. Bayreuth, der Sommer kann kommen!

Carsten Hinrichs



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