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Aus alt mach neu: Thomaskantor Gotthold Schwarz (c) Matthias Knoch/Thomanerchor Leipzig

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Auch nur dritte Wahl

Das Auswahlverfahren zur Neubesetzung des Thomaskantorats endete am 23. Mai mit einer Überraschung. Keiner der vier Kandidaten der letzten Runde hatte sich im Rahmen seiner Probewoche in den Augen der Auswahlkommission für die Nachfolge auf dem weltberühmten Posten qualifiziert. Stattdessen stoppte die Kommission unter Vorsitz von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) das Verfahren und schlug dem Stadtrat die Berufung des gar nicht im Auswahlverfahren beteiligten, weil interimistischen Kantors, Gotthold Schwarz (64), vor. Am Donnerstag bestätigte der Stadtrat nun auch offiziell die Wahl, Schwarz ist damit der 16. Thomaskantor nach seinem berühmten Vorgänger Johann Sebastian Bach.
Das Thomaskantorat war freigeworden, als sich der verdienstvolle Georg Christoph Biller nach 22 Dienstjahren aus gesundheitlichen Gründen letztes Jahr zurückzog. Der gebürtige Zwickauer Schwarz, der 1964 selbst Mitglied der Thomaner wurde und unter anderem in Leipzig und Dresden Kirchenmusik und Gesang studierte, ist beim Knabenchor ein alter Bekannter. Seit 1979 leitet er die Stimmbildung der jungen Sänger und sprang nach 1990 zu verschiedenen Gelegenheiten als Stellvertreter des Thomaskantors ein. Mit der Ernennung von Schwarz für die nächsten fünf Jahre hat sich Leipzig für einen Musiker entschieden, der dem Chor nicht erst nach seiner Ernennung engagiert und kenntnisreich zur Seite steht. Für die vier heimgeschickten Finalkandidaten wird indes ein schaler Beigeschmack mit diesem Auswahlverfahren verbunden bleiben, das ihnen – wenn auch nur indirekt – ein für dieses hohe Amt letztlich fehlendes Format attestierte. Für die Geschäfte und das Ansehen des Chors ist die „Vollbremsung“ der Findungskommission hingegen zu begrüßen, werden mit der Bestallung von Schwarz nun wieder die Ressourcen für das musikalische Tagesgeschäft, die Konzerte und Tourneen frei. Auch für Schwarz, der seine Wahl mit Freude und bescheidenem Verweis auf die nun anstehende Arbeit entgegennahm, besteht kein Grund zur Verstimmung, im Gegenteil. War sein Amtsvorgänger Bach doch 1722 nach Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner sogar nur die dritte Wahl für den Posten. Und wie sich zeigte: Die beste.

Carsten Hinrichs



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