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Doktor Stradivari

Folge 20: Die falsche „Lady Inchiquin“

Es geht um eine Stradivari“, sagte Baron von Hochstetten. „Sind Sie nicht ein Nachkomme des berühmten Geigenbauers?“ „Ich weiß es nicht“, sagte Doktor Stradivari. Bisher hatte er trotz intensiver Forschungen keine familiäre Verbindung zu jenem berühmten Schöpfer wertvoller Violinen finden können. „Und im Übrigen geht es ja auch nur um eine Kopie, wenn ich Sie richtig verstanden habe.“
„Natürlich“, sagte der Baron. „Aber eine sehr wertvolle. Eine Nachbildung der berühmten ‚Lady Inchiquin‘ – also des Instruments, das der Virtuose Frank Peter Zimmermann gespielt hat. Und vor ihm unter anderem der berühmte Fritz Kreisler. Sie wird nach einer früheren Besitzerin benannt. Ich habe mich diesmal informiert.“
Von Hochstetten war Sammler der verschiedensten Dinge vom Gemälde bis zum Rennwagen. Wenn er ein Auge auf ein Musikinstrument oder eine wertvolle Partitur geworfen hatte, ließ er sich von Doktor Stradivari beraten. Das war nötig, denn er war nicht nur reich, sondern auch leicht zu begeistern. In der Suite eines Kölner Luxushotels trafen sie einen Mann, der sich als John Smith vorstellte. Er war Engländer, sprach aber akzentfrei deutsch. Nach der Begrüßung zeigte er ihnen das Instrument, das er verkaufen wollte. Stradivari erkannte sofort die Ähnlichkeit mit der „Lady Inchiquin“.
„Das Original stammt aus dem Jahre 1711“, sagte Smith. „Diese hier entstand wahrscheinlich in einer deutschen Werkstatt im 19. Jahrhundert. Es ist aber ein sehr erlesenes Stück.“ „Woher haben Sie das Instrument?“, fragte Doktor Stradivari. „Ein Familienerbe. Mein Vater spielte sie als Dilettant. Ich habe dann auch darauf das Geigenspiel erlernt. Erst als ich mit dem Studium in London begann, wurde mir klar, was das für eine wertvolle Violine ist.“ „Sie sind studierter Musiker?“ Smith winkte ab. „Ja, ein paar Semester habe ich an der Royal Academy absolviert, doch dann musste ich die Firma meines Vaters übernehmen. Ich betreibe die Musik nicht mehr praktisch – nur noch als Sponsor. Den Verkaufspreis dieser Geige möchte ich in ein Nachwuchsprojekt stecken.“
„Das ist aber nobel von Ihnen“, rief der Baron, dessen Augen leuchteten. „Ich würde mit dem Kauf also ein gutes Werk tun.“ „Erlauben Sie?“ Stradivari nahm die Violine in die Hand und strich über das edle Holz. „Wie sie wohl klingt? Mister Smith, könnten Sie uns nicht etwas vorspielen?“
Der Engländer schüttelte den Kopf. „Das tut mir leid. Ich habe keinen Bogen dabei. Und wir bräuchten auch Kolophonium, um die Haare der Bespannung zu glätten. Die Saiten müssten auch erneuert werden.“ „Kolophonium?“, fragte der Baron. „Ein Harz, mit dem man Streicherbögen behandelt“, erklärte Stradivari. „Vielleicht könnten wir das Nötige hier in der Stadt besorgen?“, meinte von Hochstetten. „Dann können wir der ‚Lady‘ doch lauschen.“ Stradivari bat den Baron nach draußen. „Ich muss Sie warnen“, sagte er. „Wieso? Stimmt irgendwas nicht?“ „Allerdings. Ich würde Smith nicht trauen. Er ist ein Lügner.“ Wie kommt Doktor Stradivari darauf?

Doktor Stradivari ermittelt - und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit hänssler CLASSIC fünf Exemplare der neuen Einspielung von Mozarts Violinkonzerten Nr. 2 und 5, die Frank-Peter Zimmermann mit der Bayerischen Kammerphilharmonie unter Radoslaw Szulc vorgelegt hat. Einsendeschluss ist der 29. April. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 1/2016:

Stradivaris Hinweis ist der Name, den Klingenstahl kurz vor dem verhängnisvollen Schuss nennt: Thomas Attwood (1765-1838), Londoner Komponist, wurde vorübergehend in Wien Mozarts Schüler. Später befreundete er sich mit Felix Mendelssohn Bartholdy, als dieser während seiner Englandreise durch London kam. Sollte Klingenstahl also tatsächlich ein Attwood-Manuskript entdeckt haben, auf dem eine unbekannte Melodie Mozarts ihren Weg zu Mendelssohn fand, wäre das eine Sensation – wenn nicht sogar ein Mordmotiv!


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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