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Fanfare

Bei dieser Uraufführung an der Dallas Opera ist wirklich alles drin: Oper und Football. Drama und Buffa. Hinterbühnen-Klatsch und Musiktheater-Klischees. Sängertunten-Insiderwitze und lebensechte Wahrheiten. Ein böser Sopran und ein zweifelnder Mezzosuperstar. Noch ein Mezzo, ein älterer Superstar, aber nicht von Gestern. Ein dummer Tenor und ein exhibitionistischer Bariton. Noch ein sexy Bariton, der sich aber nicht frei macht. Ein schwuler Inspizient als Countertenor und ein Schoßhündchen namens Lucia. Eine falsche Belcanto-Delikatesse. Schlechtes Ballett und ein (fast) perfektes Szenario. Musical-Anspielungen und Operetten-Reminiszenzen. Broadway und Hollywood. Sehr amerikanische Opernprovinz und globale Singspielsituationen. Eine Spiegelarie und eine Wahnsinnszene. Ein sehr komisches ABC-Sextett, ein anrührendes Quartett und ein als Rossini-Crescendo- Walze losrollendes Finale. Viel Gelächter, aber auch feines Berührtsein. Ein nicht nervendes Kind und ein netter Geist. Ein Erdbeben und ein Fast-Vulkanausbruch.
Das alles gehört zu „Great Scott“, einer neuen Oper, die jeder sofort und ohne Vorwissen kapiert, die allerbestes, amüsantes, albernes, anrührendes Theaterfutter ist, die wunderbare Rollen bietet und bei der lauthals gelacht wird, wie schon lange nicht mehr bei Neuer Musik. Es sind zwei Vollprofis am Kreativwerk: Erfolgsautor Terrence McNally und der Komponist Jake Heggie, der nach sieben vielgespielten Opern weiß, wie man Worte und Gefühle, Situationen und Figuren auskomponiert. Die Vokaldiva Arden Scott alias Joyce Di- Donato in „The Great Scott“, das könnte auch die Schauspieldiva Margo Channing alias Bette Davis in „Alles über Eva“ sein. Ja und es wird auch hier eine „bumpy night“, für die man sich die Sicherheitsgurte anschnallen sollte – damit man nicht vor Lachen aus dem Samtsessel fällt.
Wir wechseln zum Theater an der Wien, das als Dritte Oper vor Ort eben verdient 10. Geburtstag feierte. Hier wird die Geschichte des „Peter Grimes“ von Benjamin Britten so direkt und stringent erzählt wie selten. Das beginnt schon, wenn der im Bett liegt und nicht im Gerichtssaal steht. Die Menge bricht ein in seine intimste Privatsphäre, weckt den Schlafenden brutal, durchwühlt sein Habe und seine Gedanken. Was folgt, ist ein packendes Alptraumspiel, wo man nie weiß, was konkret und was nur Traumbild ist, wo die Wünsche, Begierden, Fantasien der Beteiligten wundersam in der Schwebe bleiben, sich aber trotzdem manifest visualisieren. Ist Peter Grimes, der Fischer, dessen Lehrbuben auf seltsame Weise ums Leben kommen, schwul? Man weiß es nicht. Keiner hat das freilich so direkt und gleichzeitig so diskret ausgespielt, in ein niemals offensives, weil symbolträchtiges, so anstößiges wie anrührendes, durch Libretto wie Partitur beglaubigtes Beziehungsgeflecht verwandelt wie jetzt Christof Loy mit Joseph Kaiser in der Titelrolle und Cornelius Meister am Pult. Eine der raren Aufführungen wie aus einem Guss, spannend bis zum letzten Ton.
Das Gran Teatre del Liceu ist prallvoll. Auf der Bühne singt Tenorliebling Juan Diego Flórez unter erhöhten Beifallsdezibel erstmals den Enrico in „Lucia di Lammermoor“. Natürlich weiß der peruanische Star, dass er doppelt aufzupassen hat. Nach dem 20-minütigen Vokaldelirium der Titelfigur muss er mit einer der schwersten Arien des Repertoires nachlegen. Flórez manövriert sich hier zudem vokal behutsam in deutlich heroischere Gefilde als denen der ihm bisher vertrauten sonnigen Rossini-Rollen. Seine behäbige Lucia Elena Mosuc wird nie gefährlich. Flórez aber verlässt seine Komfortzone, riskiert mehr Volumen, heroischere Töne. Das aber gut durchdacht und eingeteilt. Dabei vermisst man ein wenig die Leidenschaft, hier regiert ein wirkungsbewusster Stilist, kein emotionaler Torpedo.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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