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Fanfare

Gut und stimmungsvoll. Für letzteres steht der Hauptspielort des MORITZBURG FESTIVALS, eben jenes Jagdschloss August des Starken bei Dresden, wo im Monströsensaal nur noch verwachsene Geweihe für Irritationen sorgen. Hier regiert seit 1993 Musik, kostbarer Kammerklang hochmögender Solisten. Seit 2001 ist der Cellist Jan Vogler alleiniger Programmgestalter – der bürgt für Qualität. So gelingt es ihm nicht nur, in den letzten beiden Augustwochen abwechslungsreiche und nahrhafte Konzerte zu komponieren, er versammelt überraschende Namen aus der großen Klassikwelt im royalen Moritzburg.
Der Hornist Felix Klieser bewies, dass sich auch unter Zuhilfenahme des linken Fußes für die stimmungsvolle Salonmusik der “Quatre petites pièces“ von Charles Koechlin weichgerundete Töne formen lassen. Und obwohl Berlins Philharmonischer Solokontrabassist Janne Saksala unter seinem Haarvorhang nur zu ahnen war, so griff er doch kraftvoll in die Saiten, um sich mit Jan Vogler Rossinis witzig-intrikatem Duo D-Dur zu widmen. Krönender Abschluss war Beethovens selten zu hörendes Streichquintett C-Dur op. 29. Als klangfeiner Sommernachtstraum in Moritzburg.
Halbgeglückter Opernneustart bei der HAMBURGER STAATSOPER: Bei Kent Naganos Dirigat von Berlioz‘ „Les Troyens“ ist noch Luft nach oben. Regisseur Michael Thalheimer ist im falschen – und schlecht gekürzten – Stück. Auch wenn der neue Generalmusikdirektor behauptet, die Oper würde ohne Striche sieben Stunden dauern: Das komplette Stück ist kürzer als die „Meistersinger“. Würde Nagano Jörg Wiedmann beauftragen, aus Wagners Partitur eine Stunde Musik wegzustreichen? Ein Aufschrei wäre die Folge. In Hamburg engagierte man für das Schnippelwerk Pascal Dusapin. Und der entsorgt alles, was eine Grand Opéra ausmacht.
Trotzdem wurde es ein zäher Abend. Woran nicht Berlioz schuld ist und auch nicht Kent Nagano. Der trippelt nämlich betont schnell durch das Stück, souveräne Berlioz-Beherrschung geht aber anders. Der Ausfall ist Thalheimer, der sich nicht auf das Werk einlassen, es nur seiner abgesehenen Dauerästhetik in einem öden Holzkisteneinheitsraum mit blutbesudeltem Wendetor untertan machen will. Kassandra, die trojanische Seherprinzessin, singt Catherine Naglestad mit Würde. Der Aeneas von Torsten Kerl klingt müde und gepresst, ein apathischer Antiheld. Niemand hat Elena Zhidkova vermittelt, dass sie die Dido mit Farben und Schattierungen singen muss und sich nicht auf ihr sattschönes, weiches, aber nicht warmes Mezzotimbre im Einheitsforte verlassen darf.
Das MUSIKFEST BERLIN war in seinem elften Jahr besonders vielschichtig und multithematisch, ein gar wunderliches Durcheinander aus Mahler-Melange, Schönberg-Schaustücken, Minimal-Music-Mix, Nielsen-Novitäten (immer noch!), Streichquartett-Stunden und Zeitgenossen-Zelebration. Was haben wir diesmal von Winrich Hopps so diskret didaktischen Programmen gelernt? Der dänische Nationaltöner Carl Nielsen, so ruppig und unwirsch, so unerkennbar, so ehrlich und spannend, wird wohl nicht mehr in unser Repertoire eingehen, ein Außenseiter bleiben. Auch diverse Werke von Arnold Schönberg werden wohl als Orchideen am Programmwegesrand verharren. Zu komplex, zu fragmentarisch, zu aufwendig. Eine Überraschung: wie ernsthaft Daniel Harding als Mahler-Dirigent heranreift. Ein Tiefpunkt: der seit einiger Zeit durchaus taktstockaffine Komponist Matthias Pintscher, als fader Philharmoniker-Dirigierdebütant.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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